Kreislandwirt will keinen „Überwachungsstaat“

Nutztierleid verhindern: Bilder direkt aus dem Stall?

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Aus Ferkeln werden Mastschweine – und aus Mastschweinen Fleischprodukte, die auf dem Teller der Verbraucher landen.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Nutztierleid verhindern – das haben sich Tierschutzorganisationen wie Peta zum Ziel gesetzt. Wenn aber Aktivisten dafür in Ställe einbrechen und filmen, soll ihren Organisationen die Gemeinnützigkeit aberkannt werden, lautet eine Forderung im Niedersächsischen Landtag. Unabhängig davon läuft eine europaweite Petition zur Videoüberwachung an Schlachthöfen, um Tierleid zu verhindern. Da stellt sich die Frage: Sollte die Tierhaltung bereits in den Ställen per Kamera überprüft werden? Diese Zeitung fragte nach.

Denn Landwirte halten im Landkreis Diepholz rund 343.000 Mastschweine, deren Leben im Schlachthof endet und die zu Fleischprodukten verarbeitet werden.

„Die allermeisten Landwirte achten peinlichst genau darauf, dass in ihren Ställen alles in Ordnung ist“, betont Theo Runge als Vorsitzender des Landvolks Grafschaft Diepholz – und signalisiert: Tierwohl ist für Landwirte Teil der Wirtschaftlichkeit. Dass Tierschützer in Ställe einbrechen, um Filme zu drehen, ist für Runge völlig inakzeptabel. „Außerdem weiß man ja, wie Bildmaterial heutzutage technisch verändert werden kann“, stellt er grundsätzlich fest. Für Runge ist eine gesetzlich verordnete Video-Überwachung in Ställen keine Option. Man könne allenfalls darüber nachdenken, ob das Veterinäramt in begründeten Verdachtsfällen für einen gewissen Zeitraum („bis zu vier Wochen vielleicht“) einen Stall per Video-Kamera überwachen dürfe.

Theo Runge

Viele Landwirte würden diese Technik freiwillig nutzen – nicht nur in Schweinemastställen, sondern auch in der Zuchtsauen- und Rinderhaltung: „Sie stellen Bilder aus ihren Ställen freiwillig ins Netz.“

Christoph Klomburg ist Vorsitzender des Landvolk-Verbands Mittelweser und kennt Landwirte, die genau das tun: „Wenn da Kritik kommt, dann muss man das aushalten – auch wenn sie meistens unberechtigt ist.“ Eine verpflichtende Kamera im Stall sieht Klomburg mit großen Fragezeichen: „Wer schaut sich diese Bilder an?“ Das Tierwohl werde bereits in den Ställen überprüft, es gebe geschulte Kontrolleure für das Programm – und darüber hinaus ein funktionierendes Kontrollsystem, „natürlich nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag“.

Christoph Klomburg

Dass seine Tiere beim Transport und im Schlachthof ordnungsgemäß und artgerecht behandelt werden, daran habe der Landwirt ein ureigenes Interesse, sagt Klomburg. Er selbst habe sich die Arbeit im Schlachthof angeschaut, sie sei wie vorgeschrieben verlaufen. Verbrauchern rät er: „Sie können den Landwirt direkt fragen!“

Dass Landwirte ihre Ställe für Bürger öffnen, hält Kreislandwirt Wilken Hartje für wichtig. Kameras in den Ställen sind für ihn nicht zielführend – zumal es wegen Staub, Ammoniak und Feuchtigkeit technische Probleme geben könnte. „Ich habe das Gefühl, dass wir mehr und mehr zum Überwachungsstaat werden. Das ist krass!“, so Hartje. Dann müssten auch Kameras in Altenheimen und Kindergärten installiert werden. Am Ende könne man aber nicht alles kontrollieren.

Wilken Hartje

Dass Tierschutzorganisationen nach Straftaten die Gemeinnützigkeit aberkannt werden soll, empfindet Hartje als richtig – und kritisiert, dass sie Tierrechtsverstöße erst zeitversetzt anprangern würden („damit ist den Tieren nicht geholfen“) anstatt Missstände sofort zu melden.

In den Schlachthöfen würden Veterinäre heute ganz genau hinschauen: „Wenn ein Landwirt heute ein krankes oder verletztes Tier anliefert, muss er mit einer Anzeige und unangemeldeten Kontrollen rechnen.“

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