Treiben gute Absichten in die Sucht?

Beratungsstellen im Landkreis Diepholz warnen vor zu hohem Selbstanspruch bei Neujahrsvorsätzen

Mit dem Rauchen aufhören gehört noch immer zu den beliebtesten Neujahresvorsätzen der Deutschen. Auch eine Gewichtsabnahme wünschen sich viele nach dem Jahreswechsel.
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Mit dem Rauchen aufhören gehört noch immer zu den beliebtesten Neujahresvorsätzen der Deutschen. Auch eine Gewichtsabnahme wünschen sich viele nach dem Jahreswechsel.

Gesünder und sparsamer leben, mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen und mit dem Rauchen aufhören. So lauten die beliebtesten Jahresvorsätze der Deutschen. Doch was, wenn aus einem guten Vorsatz zum Jahreswechsel eine anhaltende Sucht wird? Beratungsstellen aus dem Landkreis Diepholz mahnen zur Vorsicht vor zu hohem Selbstanspruch und geben Tipps, wie gute Vorsätze zum Jahreswechsel nachhaltig angegangen werden sollten.

Landkreis Diepholz – „Neujahrsvorsätze können hilfreich sein, um sich selbst Ziele zu setzen oder sich über eigene Ziele Gedanken zu machen. Vorsätze sollten dabei nicht zu unrealistisch beziehungsweise überfordernd sein“, sagt Leonie Rathmann, Sprecherin der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention vom Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya,

Zu hoch gesteckte Neujahrsvorsätze könnten psychischen Druck, ein Gefühl von Machtlosigkeit und Versagen auslösen. „Das wiederum kann zu Suchtdruck oder Rückfälligkeit führen. Lieber kleine Schritte machen und Zwischenziele setzen. Kleine Ziele können helfen, um das Gesamtziel zu erreichen“, so Rathmann. Diese kleinen Schritte sollte man würdigen „und sich auch mal eine Freude machen“.

Feiertage können positiv aber auch negativ sein

Die Zeit der Ruhe zu den Feiertagen könnte sich laut Leonie Rathmann positiv auswirken. Das Zusammensein mit der Familie und die „Pause“ vom Alltag könnten genutzt werden, um neue Kraft zu sammeln und gut ins neue Jahr zu starten.

Feiertage können aber auch schwierig sein, besonders für Suchtbetroffene: Familienfeiern, bei denen Streit aufkommt oder Alkoholkonsum, der bei Feiern „dazu gehört“, stellen beispielsweise Herausforderungen dar.

„Das Alleinsein kann über die Feiertage ebenfalls schwer aushaltbar sein. Solche Gefühle könnten mithilfe von Suchtmitteln verdrängt werden“, sagt Rathmann.

Keine Scheu, sich Unterstützung zu suchen

Scheu, sich beim Erreichen von Zielen Unterstützung zu suchen, sollten sowohl Suchtbetroffene als auch Unbetroffene nicht haben: „Bei Fehlschlägen oder dem Nichterreichen von Zielen sollte man nicht verzweifeln. Viel mehr geht es darum, Lösungen zu finden und mit Angehörigen oder der Suchtberatung zu sprechen.“ Dabei bedürfe es keiner falscher Zurückhaltung wegen der Corona-Pandemie, betont Rathmann. Die Fachstelle habe sowohl digitale und telefonische Beratungsmöglichkeiten etabliert, als auch Hygienestandards für die Treffen.

Angebote der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention vom Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya werden besonders häufig zum Beginn eines Jahres angefragt. „Für viele die Zeit des Umdenkens, etwas verändern zu wollen“, mutmaßt Rathmann.

Mit dem Rauchen aufhören gehört zu den beliebtesten Jahresvorsätzen der Deutschen

Insgesamt verzeichne die Einrichtung während der Corona-Pandemie insgesamt ein höheres Aufkommen an Betroffenen. Gründe dafür könnten laut der Sprecherin sein, dass es aufgrund von Corona einen erhöhten psychischen Druck aufgrund von drohender Arbeitslosigkeit oder fehlender sozialer Kontakte gebe.

Patrick Ehnis, Suchtpräventionsberater bei der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention release, glaubt nicht, dass Neujahrsvorsätze zu einer Sucht führen können. „Eine Sucht baut sich lebensbiografisch auf und hat etwas mit der Kontrolle über sich und seinen Körper zu tun. Eine Magersucht beispielsweise kommt nicht erst durch einen guten Vorsatz auf. Dahinter steckt eine längere Geschichte“, sagt er.

Reflexionen des eigenen Lebens zum Jahreswechsel

Wie Rathmann denkt auch Ehnis, dass viele den Jahreswechsel für eine Reflexion des eigenen Lebens nutzen würden. release verzeichne gerade im ersten Quartal eines Jahres besonders viele Beratungsanfragen. Aber auch im dritten Quartal würden viele die Angebote der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention wahrnehmen. „Es ist jahreszeitabhängig. Im Sommer haben die Menschen viel Ablenkung und im Winter stehen die Feiertage an. Da kommt bei wenigen eine Veränderungsbereitschaft auf“, so Patrick Ehnis.

Der Suchtpräventionsberater von release verrät im Gespräch sein Geheimnis für die Umsetzung guter Vorsätze: „Ziele sollten keine Wünsche sein, sondern immer in eigener Hand umsetzbar sein. Kleine Schritte sind wichtig, die man auch wahrnehmen und feiern sollte. Außerdem sollte man sich bewusst sein, dass man sich bei Rückschlägen Unterstützung holen kann.“

Beratungsstellen für Suchtbetroffene

Die Beratungsstellen von release sind unter den folgenden Nummern zu erreichen:

Stuhr: 0421/893233

Bassum: 04241/9210823

Bruchhausen-Vilsen: 04252/1541

Syke: 04242/60433

Weyhe: 0421/895050

Die Beratungsstellen vom Diakonischen Werk Diepholz-Syke-Hoya sind unter den folgenden Nummern zu erreichen:

Diepholz: 05441/98790

Sulingen: 04271/1400

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