Das Krönchen für die Literaturwoche

„Moritaten“ im Vorwerk: Bibliotheks-Förderverein liest morbide Geschichten

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Doris Fröleke, Dieter Becker, Peter Maronde und ihre Mitstreiter vom Bibliotheks-Förderverein spielen sich im Verlauf des Abends in einen wahren „Moritaten-Rausch“.

Syke - Von Angelika Kratz. „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“, forderte die Drehorgel im Vorwerk. Der tiefe, menschliche Seufzer aus längst vergangenen Berliner Zeiten gehörte zur abschließenden Veranstaltung der Syker Literaturwoche. Die setzte mit „Moritaten“ noch einmal ein Krönchen auf und bereitete nicht nur eventuellen Moralaposteln mit erhobenen Zeigefingern, sondern dem gesamten Publikum im ausverkauften Hause großes Vergnügen.

Der Förderverein der Syker Stadtbibliothek mit Dieter Becker, Doris Fröleke, Elke und Jochen Heins, Rudolf Legenhausen, Peter Maronde, Elke Nobis, Helge Rehme und Tanja Riekenberg hatte sich mit dem einst so populären Bänkelgesang beschäftigt. Seit dem Mittelalter war diese Art der Klatsch- und Tratschpresse mit fürstlicher Zensur sehr verbreitet, denn die bunte Presse gab es noch nicht und die meisten Menschen konnten ohnehin nicht schreiben und lesen. Passend in „olle Klamotten“ vom Dachboden schlüpften die Aktiven des Fördervereins an diesem Nachmittag und nahmen das geneigte Publikum mit auf die Zeitreise der Moritaten bis hin zum politischen Gesang des 21. Jahrhunderts.

Die Räuberbraut liebte von Herzen einen Räubersmann, der schließlich sein kühles Grab unter einer alten Eiche fand. Mit der lebenslangen Liebe wurde es bereits in diesem ersten, zu Herzen gehenden Lied nichts. Und auch bei den folgenden Beiträgen hatte Gott Amor wohl Urlaub genommen. Doris Fröleke hielt den roten und informativen Faden der Erläuterungen rund um den Bänkelgesang zwischen den beiden Tannen im Bühnenraum in den Händen. Ein aufrichtiges „Oh“ entschlüpfte der Zuhörerschaft bei der Textzeile des toten Kindes, während Dirk, der Straßenmusiker seine nicht immer einfache Orgel vom Spiel überzeugte.

In Zeiten ohne Fernseher, Radio oder Internet und allen geschriebenen Nachrichten auf Papier waren die Bänkelsänger besonders in Italien beliebte Nachrichtenüberbringer. Wie das Team des Fördervereins der Stadtbibliothek in seinen Recherchen herausgefunden hatte, waren dies meist fahrende Leute oder Kriegsversehrte, die sich so ihren kargen Lebensunterhalt an vielen wechselnden Orten verdienten. Auf Holzbänken standen die Sänger, wie ihre Berufsbezeichnung beschreibt.

Dirk Peperkorn und Elke Nobis am Leierkasten.

Räuber in den dunklen Wäldern waren bis ins 19. Jahrhundert ein großes Problem der Kaufleute, was sich ja eigentlich in anderer Form bis in die heutige Zeit hält. „In des Waldes finstren Gründen“ intonierte der ziemlich erkältete und teilweise nur sprechende Chor dennoch schaurig schön mit wechselnden Rollen. Verführte, betrogene und unglückliche Frauen, die reinen Herzens sich hingaben und vom Liebhaber dennoch verlassen mit einem Kind zurückblieben, war sicherlich einst die große Warnung.

Die Küchenlieder mit teils parodistischer Form wie dem bekannten „Mariechen saß weinend im Garten“ gehören auch zu den Bänkelgesängen, und da hielt es auch das Publikum gesanglich nicht zurück. Nicht fehlen durfte die „entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther“, als berühmtes Männerschicksal in aller Tragik geschwängerter Frauen.

Weiter ging die überaus interessante und spaßige Zeitreise der Moritaten. Busch und Ringelnatz mit ihrem genauen Blick auf die menschlichen Schwächen, bis hin zu einer beeindruckenden Interpretation der „Seeräuberjenny“ und „Mackie Messer“ von Tanja Riekenberg forderten entsprechenden Applaus. Franz-Josef Degenhardt, Wolf Biermann, Christa Reinig und Konstantin Wecker gehörten ebenso zum Programm und zeigten heutiges, politisches Gesicht.

Überaus schlüssig entwickelte sich die Moritaten-Reise über gut zweieinhalb Stunden und machte den Nachmittag zu einem besonderen Highlight. „Jutta Behrens und ich haben uns diese Veranstaltung hier im Museum gewünscht“, freute sich im Anschluss Kuratorin Nicole Giese-Kroner, der Museumsstätte mit seiner neuzeitlichen Kunst einen weiteren Spannungsbogen über die Jahrhunderte gesetzt zu haben.

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