Kreismuseums-Wissenschaftlerin ist beeindruckt von eingeweckten Früchten von 1914

Elsbeth Kautz und die ewigen Kirschen

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Das Lieblingsexponat von Elsbeth Kautz: Ein 101 Jahre altes Glas mit eingeweckten Kirschen.

Von Frank Jaursch. Das schmucklose Einweckglas mit dem vergilbten Etikett strahlt einen Hauch von Ewigkeit aus. Aber erst, wenn man den Inhalt – jene blassroten, eingelegten Kirschen – mit der etwas ungelenken Aufschrift des Etiketts in Zusammenhang bringt.

„Sommer 1914“ steht auf dem Kirschglas. „Das haben wir aus einem Keller geholt“, erzählt Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding, „ich kann mich an das Regal erinnern.“ Weitere Einzelheiten zu dem ungewöhnlichen Exponat hat er nicht. Und doch hat das Glas einen großen Fan: Elsbeth Kautz, seit mittlerweile zehn Jahren Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin im Dienste des Kreismuseums.

„Als Historikerin fordere ich ja, dass überall ein Ort und ein Datum drauf kommt“, schmunzelt Kautz augenzwinkernd. Tatsächlich aber strahlt das mehr als 100 Jahre alte Nahrungsmittel etwas Besonderes aus – nicht nur für sie.

Das „Einwecken“ war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine relativ moderne Art, Nahrung haltbarer zu machen – erst 1907 war der Begriff „einwecken“ im Duden aufgenommen worden. „Das war damals topmodern“, sagt Kautz.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin hat die eingemachten Kirschen schon mehrmals in Ausstellungen untergebracht. „Die Kirschen fallen zwischen den anderen, nichtorganischen Dingen schnell auf“, findet Kautz.

So war es zu sehen, als es zum Thema „Ernährung im Wandel der Zeit“ darum ging, einen Rundumschlag durch 100 Jahre in der Region darzustellen. Und auch als „Vorher“-Exponat zum Thema Gemeinschafts-Gefrierhäuser fand das Glas einen Platz in der Ausstellung. Zum bislang letzten Mal hatten die Früchte einen Auftritt im vergangenen Jahr bei der Ausstellung „100 Jahre Erster Weltkrieg“.

„Dieser heiße Sommer wird in den Schulchroniken, als es losging, so viel beschrieben“, erzählt Kautz. „Man hat fast das Gefühl, es schwirrt in der Luft – die Ernte wurde grad eingebracht, die Kirschen werden eingemacht, und dann geht‘s in den Krieg.“

Natürlich weiß auch Kautz nicht, wann das Etikett tatsächlich beschriftet wurde. Zu bezweifeln ist zudem, dass dem Beschrifter tatsächlich die historische Bedeutung des Sommers 1914 klar war. „Aber wenn es dann stehen geblieben ist, dann hat man es später bestimmt bewahrt, weil dieser Sommer auf einmal so wichtig wurde“, zeigt sich Ralf Vogeding überzeugt.

Mittlerweile steht es unter einer gläsernen Glocke in der Hauswirtschafts-Dauerausstellung. In vielen anderen Einweckgläsern litten die darin aufbewahrten Lebensmittel im Laufe der Jahrzehnte – das Gummi wurde brüchig, der Verfall des verderblichen Inhalts setzte ein. Das Kirschglas aber ist noch immer – fast – taufrisch.

Die Früchte haben ihren Pflücker und den Kirschbaum „überlebt“, von dem sie stammen. Und sie sorgen für staunende Blicke, weil es sie immer noch gibt. „Aber essen“, lacht Kautz, „würde ich sie nicht.“

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