Kreismuseum erhält Buch mit Schulaufsätzen der Jahre 1936 bis 1938

Nazi-Hetze bis ins Klassenzimmer

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Eggo Hafermann (r.) übergibt Dr. Ralf Vogeding, Leiter des Kreismuseums, ein Buch mit Schulaufsätzen aus den 30er-Jahren. Auf der rechten Seite des Buches ist eine Zeichnung zum Absturz des Luftschiffs „Hindenburg“ zu sehen.

Syke - Von Maik Hanke. Es ist eine romantische Szenerie: Ein Lagerfeuer brennt, Männer in grünen Uniformen tanzen mit ihren Frauen. Sie lächeln. Ein Kind hat dieses Bild mit Buntstiften gezeichnet. Dazu schrieb es in großen Druckbuchstaben: „Soldatenleben, ei das heisst lustig sein!“ Dieses Bild ist Teil eines Aufsatzbuches der Jahre 1936 bis 1938 aus der Syker Mittelschule. Jetzt ist es in den Besitz des Kreismuseums übergangen.

„Das ist ein wirklicher Schatz“, freut sich Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding. Der frühere Syker Eggo Hafermann hat dem Kreismuseum das Buch gestern überlassen.

„Die 30er-Jahre, diese Zeit wird ziemlich gut beleuchtet“, sagt Vogeding. „Es ist Schulgeschichte, Zeitgeschichte, und kann ein stückweit erklären, wie die Schüler dachten.“ Die Texte stammen vermutlich von Sechstklässlern, sind in Schönschrift geschrieben und mit sorgsam gezeichneten Bildern kindlich-naiver Fantasie illustriert.

Das Buch enthält harmlose Texte wie „Was ich bis jetzt erlebt habe“. Darin beschreibt ein Mädchen ihr Leben: ihre Familie, ihren Tagesablauf, ihr Lieblingsessen. Das Buch dokumentiert außerdem Zeitgeschichte, die Olympischen Spiele 1936 und den Absturz des Luftschiffs „Hindenburg“.

Die Textsammlung zeigt aber auch, wie die politische Hetze der Nationalsozialisten bis in die Klassenzimmer vordrang. „Der Bolschewismus quält die Menschen“ und „Die Juden sind das Unglück der Welt“, schreiben Schüler in dem Text „Das wahre Gesicht des Bolschewismus“.

Vom Sparen von Rohstoffen und dem sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln handelt der Text „Kampf dem Verderb“. Darin fallen aus heutiger Sicht unerwartet banale Sätze wie: „Adolf Hitler isst keine Butter und kein Fleisch mehr. Hermann Göring sagte, er schmierte die Butter nicht so dick auf, darum wäre er auch 20 Pfund leichter geworden.“

Nicht zuletzt zeigt das Buch, wie sich ein Krieg andeutete. Bereits 1936 – drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs – zeichneten Kinder Bilder von Gasmasken, von Gewehrschüssen oder wie Flugzeuge Bomben auf Syke fallen lassen.

70 Jahre lang war das Buch im Besitz von Eggo Hafermann. Der 90-jährige frühere Syker und heutige Hildesheimer hatte es wenige Tage vor Kriegsende auf dem Weg zur Kirche gefunden. Es lag im Wust der kurz zuvor geplünderten Mittelschule. Hafermann sicherte das Heft.

Seitdem lag es jahrelang vor allem in Kartons. Hafermann zog häufig um, studierte in Hamburg und Göttingen, machte in Texas 1950 seinen Master in Theologie, arbeitete als Pastor in Walsrode und London, zuletzt als Superintendent in Hildesheim. Erst nach seinem Ruhestand vor 25 Jahren ist ihm das Buch wieder in die Hände gefallen.

„Es sollte genutzt werden“, fand er. Er gab es an eine Dozentin der Universtität Oldenburg und an einen Professor in Hildesheim, doch die haben damit nicht viel angefangen können. Die Realschule Syke wollte es vor einigen Jahren gar nicht erst haben. Jetzt hat sich Hafermanns Tochter Theda ans Kreismuseum gewandt – und endlich jemanden gefunden, der es wertschätzt. Gestern war Hafermann zur Kronjuwelenkonfirmation in Syke und übergab das Buch an Ralf Vogeding. In welcher Form das gut erhaltene Werk gezeigt wird, ist noch unklar.

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