HEK: Hilfsbereitschaft eher klein

Nach Krankenhaus-Infektion: Birgitt Rischer fühlt sich von Krankenkasse im Stich gelassen

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Drei Euro Fahrtgeld: Birgitt Rischer liegt mit ihrer Krankenkasse HEK im Clinch.

Birgitt Rischer ist niemand, der so schnell aufgibt. Inzwischen ist aber auch sie der Verzweiflung nahe. Seit mittlerweile drei Jahren plagt sie sich mit den Folgen einer Krankenhaus-Infektion, die sie sich bei einer Hüft-OP zugezogen hatte. Und praktisch genauso lange schlägt sie sich mit der Hanseatischen Krankenkasse (HEK) aus Hamburg herum. Weil die immer wieder die Übernahme von Leistungen verweigert.

Syke - Angefangen hatte das mit einem Krankenbett, das Birgitt Rischer nach einem Jahr nicht mehr verlängert werden sollte. Dann musste die 49-Jährige von jetzt auf gleich einen bereits vorhandenen Rollstuhl wieder abgeben, weil die Kasse ein Abkommen mit einem bestimmten Lieferanten hatte. Der saß erstens weit weg von Syke und konnte zweitens den benötigten Rollstuhl auch gar nicht kurzfristig liefern. Am Ende hatte es in beiden Fällen zwar eine Einigung gegeben. Birgitt Rischer, durch die eigentliche Krankheitsgeschichte ohnehin schon gebeutelt, war danach aber mit den Nerven zu Fuß.

HEK bewilligt keinen Liegendtransport

Zuletzt ging es um die Übernahme von Fahrtkosten. Bei Birgitt Rischer wurde eine neuerliche OP erforderlich. Und das war eine schwierige, weil dieser spezielle Eingriff nur selten notwendig wird. „Ich habe 31 Kliniken angeschrieben und noch weitere telefonisch angefragt, ob sie diesen Eingriff überhaupt vornehmen können“, erzählt die Sykerin. „Die einzige positive Antwort kam von der Uni-Klinik in Mainz.“ Das ist von Syke aus etwa 480 Kilometer entfernt.

Durch ihre Hüftgeschichte kann Birgitt Rischer nur kurzzeitig sitzen und hätte eigentlich einen Liegendtransport benötigt. Den hatte ihr die HEK aber nicht bewilligt. Also bat sie einen Freund, sie nach Mainz zu fahren. Birgitt Rischer reichte dessen Fahrkostenabrechnung anschließend bei der HEK ein. 20 Cent pro Kilometer. Macht unterm Strich knapp 200 Euro für Syke-Mainz hin und zurück.

Krankenkasse erstattet drei Euro

Die HEK erstattete ganze drei Euro. Begründung: Die Kasse dürfe nur die Fahrt zur nächstgelegenen Behandlungsmöglichkeit bezahlen. Und die sah die HEK – ohne das in irgendeiner Form zu erklären – in Bremen. Ergibt laut HEK-Abrechnung für 40 Kilometer hin und zurück genau acht Euro abzüglich fünf Euro Eigenanteil. Da interessierte es auch nicht, dass sie es von Rischers Hausarzt schriftlich hatte: „Keine andere Klinik operiert.“

„Für mich ist das wie ein Schlag ins Gesicht“

Birgitt Rischer legte Widerspruch gegen die Abrechnung der HEK ein – und erhielt vom Widerspruchausschuss der HEK eine Absage. Mit einer seitenlangen Begründung voller Allgemeinplätze, aber keinem einzigen Argument, das sich auf die konkrete Situation von Birgitt Rischer bezieht.

„Für mich ist das wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt Rischer. „Diese drei Euro sind eine bodenlose Unverschämtheit. Dann hätten sie lieber sagen sollen: Wir bezahlen gar nichts. Es geht mir dabei nicht in erster Linie um das Geld. Es geht mir um die Anerkennung, dass ich krank bin. Und dass meine Krankenkasse sagt: Ja, wir helfen dir! Aber stattdessen wirft mir die HEK jedesmal wieder Knüppel zwischen die Beine.“

HEK gibt keine Stellungnahme ab

Warum macht die Krankenkasse das? Warum zahlt sie nicht? Warum ignoriert sie den Fakt, dass die nächste bekannte Behandlungsmöglichkeit Mainz ist? Wenn die Kasse andere Erkenntnisse hat: Warum macht sie dann keinen konkreten Alternativvorschlag? Warum beschränkt sich der Widerspruchausschuss in seinem ablehnenden Bescheid auf formale Allgemeinplätze und ignoriert das konkrete Problem komplett? Und wie soll es jetzt weitergehen?

All das haben wir die Hanseatische Krankenkasse gefragt. Doch der Kreiszeitung geht es nicht anders alsBirgitt Rischer: Statt der erbetenen ausführlichen Stellungnahme zur Sache erhalten wir eine Kurzmitteilung. Man prüfe, ob man bei Birgitt Rischer „eine Ausnahme im Einzelfall“ machen könne, heißt es dort nur. Konkrete Begründungen? Fehlanzeige! Auf eine Rückfrage dazu erhalten wir als Antwort lediglich die inhaltliche Wiederholung der ersten Antwort.

Nächster Ärger schon in Sicht

Birgitt Rischer hat die HEK inzwischen vor dem Sozialgericht verklagt. Aber es geht weiter. Auch bei der Fahrt zur Nachuntersuchung in Mainz hatte sich die Hanseatische Krankenkasse laut Rischer zunächst quergestellt, was die Übernahme des Krankentransports betraf. Bis heute weiß Rischer noch nicht, ob sie auch den wieder selber bezahlen muss oder nicht. 

„Bin ich ja mal gespannt, ob das klappt“

Und der nächste Ärger steht schon ins Haus: Birgitt Rischer soll jetzt langsam wieder laufen lernen. Dazu braucht sie einen Rollator. Den könnte sie leicht von Sanitätshäusern aus Syke und umzu bekommen, darf sie aber nicht. Rischer: „Die Mitarbeiter der HEK haben mir eine Firma in Jena genannt. Die reagiert aber weder auf Emails noch kann mir jemand telefonisch Auskunft geben. Oder man hängt 20 Minuten in der Warteschleife, bevor das Besetztzeichen kommt. Die HEK weigert sich aber, mir ein anderes Sanitätshaus zu nennen, wo ich meinen Rollator herbekommen kann.“

Immerhin, räumt Rischer ein, habe die HEK sich in diesem Fall Mühe gegeben und dafür gesorgt, dass sich das Sanitätshaus aus Jena bei ihr meldet. Der Rollator soll ihr kurzfristig geliefert werden. „Bin ich ja mal gespannt, ob das klappt.“

Die Antwort der HEK auf unsere Anfrage im Wortlaut:

Grundsätzlich sind durch gesetzliche Krankenkassen Transportkosten zur nächsterreichbaren geeigneten Behandlungsstätte zu übernehmen. Auf dieser Grundlage haben wir unsere Entscheidung getroffen. In dem von Ihnen vorgelegten Fall prüfen wir derzeit über den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, ob hiervon eine Ausnahme im Einzelfall gegeben ist. Wir werden unsere Versicherte umgehend informieren, sobald uns hierzu das Ergebnis vorliegt.

Vielen Dank!
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Boesler
HEK-Pressesprecher

Kommentar von Michael Walter

Denn sie wissen ganz genau, was sie tun

Das Verhalten der HEK ist leider kein Einzelfall, sondern eine inzwischen weit verbreitete Unart: Unangenehme Fragen werden zwar beantwortet, aber entweder in einem Schwall von Marketing-Gewäsch erstickt oder mit nichtssagenden Dreizeilern beschieden. Ob es – wie in diesem Fall – um die Krankenkasse geht, die nicht erklärt, warum sie offensichtliche Tatsachen ignoriert, ob es der Telefonanbieter ist, der seine Vertragsinhalte anders interpretiert als der Kunde (seltsamerweise immer zu seinen eigenen Gunsten) oder der Autohersteller, der Garantieansprüche zurückweist. Das Schema ist immer das gleiche: Die Antwort ist oberflächlich und pauschal, der konkrete Einzelfall wird nicht nur nicht geprüft, er wird komplett ignoriert.

Das ist keine Unhöflichkeit oder Dummheit, das hat Methode. Soll der Kunde doch klagen! Wird er schon sehen, was er davon hat. Und wenn er zu gewinnen droht, kommen wir mit einem Vergleich aus der Hüfte. Aber bis dahin muss er erst mal durchhalten.

Für die Betroffenen ist das nichts weniger als eine Demütigung. Sie bekommen vorgeführt: Du bist machtlos und wir tun, was wir wollen, weil wir keine Konsequenzen fürchten müssen, da es alle anderen genauso machen.“ Rosige Zukunftsaussichten für alle Verbraucheranwälte.

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