Erstes Speed-Dating im Rathaus

Unternehmer-Austausch im Zehn-Minuten-Takt

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Gespräche beim Speed Dating für Unternehmer im Syker Ratssaal.

Syke - Klingelingeling – Mitten im Satz unterbricht das Glöckchen. Die beiden Gesprächspartner am Tisch lächeln einander an. Ein wenig hilflos achselzuckend geben sie sich die Hand, und dann rückt einer von beiden einen Tisch weiter. Der andere bleibt sitzen und bekommt ebenfalls einen neuen Gesprächspartner. Klingelingeling: Das Glöckchen läutet die nächste Gesprächsrunde ein.

Speed-Dating im Syker Ratssaal. Nicht für Partner suchende Singles, sondern für Unternehmer. Ein neues Gesprächsformat, das sich die Unternehmensberaterinnen Jana Jeske und Birgit Tali Menne ausgedacht haben. Gastgeber für die Premiere war am Montagabend die Stadt Syke, gemeinsame Veranstalter waren die Wirtschaftsförderer der drei Nachbargemeinden Stuhr, Weyhe und Syke.

„Wir müssen einfach mal was Anderes machen“, hatte Sykes Wirtschaftsförderer Thomas Kuchem eingangs noch erklärt. Denn die üblichen Informationsveranstaltungen – jemand hält einen Vortrag zu einem halbwegs aktuellen Thema, und hinterher schnackt man noch beim Bierchen miteinander – leiden unter nachlassendem Teilnehmerinteresse.

Jana Jeske hat erlebt: Ähnlich gelagerte Probleme werden oft ganz unterschiedlich gelöst. Dadurch kam sie schließlich auf die Idee: Ein Speed-Dating könnte doch eine prima Plattform sein, diese vielen unterschiedlichen Erfahrungen in kurzer Zeit auf verhältnismäßig breiter Basis auszutauschen.

Allzu breit war die Basis dann nicht: 21 Anmeldungen hatte Jana Jeske vorliegen. Nicht schlecht für einen Erstversuch. Aber nur ein gutes Dutzend war auch tatsächlich gekommen. Und einer davon machte noch vor Beginn wieder einen Rückzieher: Der hatte gedacht, es handele sich um eine Art Azubi-Börse. „Wir hatten das falsch verstanden“, entschuldigte er sich, packte seine Sachen und ging.

Klingelingeling – Jana Jeske erklärt die Spielregeln: Zweiertische, eine Seite bleibt sitzen, die andere wechselt nach Ablauf der Zeit den Tisch. Vier Minuten erzählt A, womit sich sein Unternehmen gerade herumschlägt und B hört zu. Dann hat B eine Minute Zeit für ein kurzes Feedback. Danach erzählt B vier Minuten und A hört zu, gibt anschließend sein Feedback und wechselt dann den Tisch.

Noch Fragen? Keine? Klingelingeling – los geht’s. Auch Jana Jeske und Birgit Tali Menne sitzen an jeweils einem Tisch. So bekommen die Teilnehmer quasi nebenbei gleich noch eine kurze Unternehmensberatung.

Nebenan stellen der Spediteur und der Verpackungstechniker fest, dass sie dasselbe Problem haben: Azubis finden. Wo? Und wie? Die altbewährte Methode funktioniert nicht mehr: Auf Bewerbungen warten. Denn die kommen fast gar nicht mehr. Weil erstens viele Schulabgänger ein Studium bevorzugen und für eine Ausbildung gar nicht erst zur Verfügung stehen. Und vom Rest werden – zweitens – die guten schon lange vor dem Schulabschluss von anderen Firmen weggefischt, die an den Schulen selbst präsent sind. Auf Ausbildungs- und Info-Börsen, zum Beispiel. Und somit hat der Spediteur im gesamten letzen Jahr sieben Bewerbungen erhalten – auf fünf Ausbildungsplätze. „Die konnten wir so natürlich nicht alle besetzen.“ Wie das lösen? In Social Media werben? Aber wie? Und in welchen? Facebook ist out, das benutzen die Eltern. Instagram? Snapchat? – Klingelingeling. Runde vorbei.

Auch das umgekehrte Problem gibt’s: Der Ein-Mann-Unternehmer, der sich unter anderem auf Verkaufsförderung im Internet spezialisiert hat, fragt sich: „Wie komme ich an meine Kunden? Das müsste ja der klassische Handwerker sein, der bisher noch nicht großartig online unterwegs ist. Aber wo finde ich den überhaupt?“ Sein aktueller Gesprächspartner ist Maschinenbauer. Er braucht Gesellen. Die er hat, kann er nicht langfristig halten, und neue findet er kaum. „Weil wir nicht dasselbe bezahlen können wie unsere großen Mitbewerber“, sagt er. „Warum eigentlich nicht?“, fragt sein Gegenüber – und bringt den Maschinenbauer damit für einen Moment völlig aus dem Konzept. „Ja – warum eigentlich nicht?“, überlegt er laut. Und findet keine rechte Antwort. Nächste Frage vom Gegenüber: „Mal Hand aufs Herz: Ist das Geld entscheidend? Ist Ihr Betrieb denn überhaupt sexy genug?“ Verblüfftes Schweigen. Klingelingeling – Ende der Dating-Runde. Die Frage bleibt unbeantwortet. Aber möglicherweise haben sich hier gerade zwei gefunden, die in Zukunft zusammenarbeiten.

Vieles bleibt Stückwerk an diesem Abend. Fast alle Gespräche kratzen lediglich an der Oberfläche. Immer dann, wenn es gerade etwas in die Tiefe geht, ist die Zeit um. Klingelingeling. Trotzdem: „Eine Mega-Veranstaltung“, lobt einer der Teilnehmer am Ende. „Ich habe zwar den ganzen Abend nicht ein einziges strukturiertes Gespräch führen können, weil die Zeit dafür nicht gereicht hat. Trotzdem fand ich’s klasse. Weil hier branchenübergreifend viele Menschen miteinander gesprochen haben, die sonst nicht miteinander gesprochen hätten.“

Das deckt sich mit den übrigen Rückmeldungen, die Thomas Kuchem später erhält. Zweites Speed-Dating: Wahrscheinlich.

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