Gespräch in Syke

Sexuelle Gewalt gegen Behinderte: Kleine Runde zu großem Thema

Syke - Von Michael Walter. Behinderte sind ideale Opfer für sexuelle Gewalttäter. Und es ist extrem schwer, solche Taten aufzudecken und den Opfern zu helfen. Mit dieser bedrückenden Erkenntnis gingen am Montagabend die Teilnehmer einer Gesprächsrunde auseinander, zu der die Syker Gleichstellungsbeauftragte Clara Friedrich und der Behindertenbeirat gemeinsam eingeladen hatten.

„Ein Nischenthema“, wie Clara Friedrich eingangs feststellte – und durchaus durch die Teilnehmerzahl bestätigt fand. Ganze zwölf Personen hatten sich dazu in den Ratssaal verloren, elf davon Frauen. Mitglieder des Behindertenbeirats, ehrenamtliche Betreuer, Mitarbeiter der Lebenshilfe und des Vereins Weißer Ring.

Referentinnen des Abends waren Helena Behrens und Claudia Chodzinski vom Frauennotruf Hannover. Beide haben sich auf den Bereich „sexuelle Gewalt und Behinderung“ spezialisiert. „Alles, was wir hier sagen, trifft genauso auch auf Männer zu“, betonte Helena Behrens. „Wir beziehen uns auf Frauen, weil wir beim Frauennotruf arbeiten und es für Männer keine Studien, also auch keine Zahlen gibt. Aber auch männliche Behinderte sind Opfer sexueller Gewalt.“

Wobei – nächste definitorische Klarstellung – Gewalt nicht immer eine Vergewaltigung sein müsse, sondern jede Form sexueller Grenzverletzung dazu zähle. Angefangen bei unangemessenen Sprüchen bis hin zu unerwünschten Berührungen.

„Die Ergebnisse waren erschreckend“

Eine einzige Untersuchung gebe es zu dem Thema: eine Umfrage unter 1.500 Frauen mit Behinderungen. Helena Behrens: „Die Ergebnisse waren erschreckend.“ Knapp jede zweite Befragte hatte solche Grenzverletzungen am Eigenen Leib erlebt. Besonders häufig Frauen mit psychischen Beeinträchtigungen und Gehörlose.

Gründe: Einrichtungen für psychisch Kranke und Gehörlose liegen oft weit ab vom Schuss. Ihre Bewohner haben meist Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen, und speziell psychisch Kranken wird – wie auch geistig Behinderten – oft die Glaubwürdigkeit abgesprochen.

Die Täter springen laut Chodzinski und Behrens nicht an der Bushaltestelle aus dem Gebüsch, sondern stammen fast immer aus dem sozialen Umfeld der Opfer. Besonders schwierig wird es, wenn der Täter aus dem Pflegepersonal kommt.

Aufklärung wichtig

Eine Zuhörerin kannte das Problem: „Wenn dann einer bei der Personalleitung sagt, da passiert etwas, wird nicht der entlassen, der es getan hat, sondern der es angezeigt hat“, schilderte sie. Und Helena Behrens hakte ein: „Oder der Täter wird einfach nur in eine andere Pflegegruppe versetzt. Problemverlagerung. Wir hatten gerade erst so einen Fall.“

Ein anderer Fall: Eine mehrfach behinderte Frau in einem Wohnheim war plötzlich schwanger. „Erst hieß es, es sei ein Mitbewohner gewesen“, berichtete Behrens. „Aber das konnte gar nicht sein, weil sie definitiv nie allein war. Am Ende stellte sich heraus, es war ihr Pfleger.“

„Was können wir denn nun tun?“, kam die abschließende Frage aus der Runde. „Aufklären“, lautete die Antwort der beiden Referentinnen. „Multiplikatoren suchen und eine Haltung entwickeln. Auch zur eigenen Sexualität.“ Und als praktischer Rat: „Immer erst an eine Beratungsstelle wenden und nie im Alleingang etwas in Gang setzen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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