Interview mit Hospizleiterin Gaby Letzing

„Wir haben viele, viele Menschen an unserer Seite“

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Gaby Letzing hat Löwenherz auf den Weg gebracht und leitet seit 15 Jahren das Kinder- sowie das Jugendhospiz in Syke.

Syke - Schwerstkranke Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien unterstützen – und ihnen Kraft und Zuversicht vermitteln: Mit Herzblut erfüllen die Mitarbeiter um Löwenherz-Initiatorin und Hospizleiterin Gaby Letzing diese Aufgabe. Löwenherz kann in diesem Jahr gleich auf vier besondere Ereignisse zurückblicken. Denn vor 20 Jahren wurde der Trägerverein gegründet, vor 15 Jahren das Kinderhospiz eingeweiht, vor zehn Jahren die Stiftung besiegelt und vor fünf Jahren das Jugendhospiz bezogen. Im Interview nimmt Gaby Letzing Stellung zu wichtigen Entwicklungen und Herausforderungen. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Vier Geburtstage in einem Jahr – das ist etwas ganz Besonderes. Und das wollen Sie doch sicher groß feiern?

Gaby Letzing: Na klar! Wir veranstalten ein Jubiläumsjahr. Weil wir mit Kooperationspartnern in ganz Niedersachsen arbeiten, bieten wir landesweit Veranstaltungen an. Den Anfang machen die „Herzensgeschichten“ am 10. Februar, dem Tag der Kinderhospizarbeit. In Braunschweig berichten Familien mit unheilbar kranken Kindern aus ihrem Leben. Das eigentliche Jubiläumsprogramm beginnt am 20. März mit dem Theaterstück „Auf Tod und Leben!“ im Bremer Schnürschuh-Theater. Eine kleine offizielle Feier ist vor unserem Tag der offenen Tür am 22. September geplant. Das gesamte Programm finden Interessierte auf unserer Internet-Seite: www.kinderhospiz-loewenherz.de

Hätten Sie vor 20 Jahren geglaubt, dass Ihr Traum vom Kinderhospiz nur fünf Jahre später Wirklichkeit werden würde?

Letzing: Der Traum war zunächst, ein kleines Bauernhaus umzubauen. Soweit hätte ich niemals zu träumen gewagt, dass unser Projekt so eine große Dimension bekommen würde und so groß wird! Mit Neubauten, Um- und Erweiterungsbauten und dem Jugendhospiz dazu. Und dann gibt es ja noch das, was wir ambulant aufgebaut haben. Löwenherz ist mittlerweile so groß wie ein mittelständischer Betrieb. Denn wir haben mehr als 130 fest angestellte Mitarbeiter und außerdem 150 Ehrenamtliche.

Wie viele schwerstkranke Kinder und Familien haben Sie bisher im Kinder- und Jugendhospiz betreut?

Letzing: Bis Ende des Jahres 2017 waren es 529 Kinder und Jugendliche mit ihren Familien – mit im Schnitt drei Personen.

Und für wie viele haben Sie einen Luftballon in den Himmel schicken müssen, weil sie diesen Planeten verlassen mussten – also gestorben sind?

Letzing: Von den 529 sind 220 Kinder und Jugendliche gestorben.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Letzing: Ich glaube, dass nach dem Tod etwas kommt. Oft habe ich mit Kindern und Erwachsenen an der Grenze gestanden und bin in Berührung gekommen mit diesem Anderen, dieser Grenze. Wir begleiten die Kinder und Jugendlichen bis ans Ufer. Was dahinter kommt, können wir nicht sehen. Aber ich habe ein tiefes Vertrauen, dass da noch etwas kommt. Die Raupe weiß ja auch nicht, dass sie einmal ein Schmetterling wird...

Es gab damals eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft für das Kinderhospiz. Wie viele Mitglieder und Spender hat der Verein Löwenherz heute?

Letzing: Das war etwas, das man sich nicht vorstellen konnte! Ich empfinde es nach wie vor als Wunder, dass wir durch unsere Arbeit so viele Menschen an unsere Seite bekommen haben, die uns unterstützen. Und den betroffenen Familien damit ja auch immer wieder zeigen: Sie sind nicht allein. Mitglieder haben wir zurzeit etwa 1930. Aber Spender sind es noch viel mehr, rund 20.000 Menschen sind es pro Jahr, die uns mit einer Einzelspende unterstützen und selbst mit kleinen Beträgen an unserer Seite stehen. Das Besondere bei Löwenherz ist eben, dass wird nicht einen großen Sponsor haben. An unserer Seite stehen ganz, ganz viele Menschen!

Seit zehn Jahren gibt es die Löwenherz-Stiftung. Welche Projekte prägen die Arbeit?

Letzing: Wir können bei der Stiftung Anträge stellen. Zurzeit unterstützt sie die kinderärztliche Versorgung und auch die Seelsorgestelle. Außerdem erfüllt uns die Stiftung Umbau- und Erweiterungswünsche. 2017 haben wir im Kinderhospiz eine neue Küche bekommen und Wasserspiele für unseren Spielplatz. In diesem Jahr möchten wir den Garten zwischen dem Kinder- und Jugendhospiz umgestalten und hoffen dabei auf die Unterstützung der Stiftung.

An wie vielen Orten ist Löwenherz denn mittlerweile vertreten?

Letzing: Mit einem eigenen ambulanten Kinderhospizdienst und/oder einem Stützpunkt sind wir in Bremen und Braunschweig präsent – im neuen Jahr aller Wahrscheinlichkeit auch in Lingen. Als Kooperationspartner des dortigen ambulanten Kinderhospizdienstes sind wir in Osnabrück vor Ort. Aber auch in anderen Orten Niedersachsens bieten wie in enger Kooperation mit dortigen Hospizdiensten ambulante Unterstützung für Familien an.

Pflegenotstand – spüren Sie das auch? Wenn ja, wie steuern Sie gegen?

Letzing: Die Herausforderungen der großen Pflegenotstands-Diskussion machen vor Löwenherz nicht halt! Wir steuern gegen, in dem wir gute Arbeitsbedingungen schaffen: angemessene Bezahlung, heiteres Betriebsklima, sinngebende Tätigkeit, Fort- und Weiterbildungen, Supervision sowie gute Entwicklungschancen. Gleichzeitig muss man nach außen gehen und Werbeaktionen starten, die wahrgenommen werden. Außerdem bieten wir am 9. Februar wieder einen Pflege-Informationstag im Kinder- und Jugendhospiz.

Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Letzing: Mein tiefster Wunsch ist, dass die Familien uns nicht mehr brauchen – weil ihre Kinder nicht krank werden. Wenn sie es aber doch sind, dass Eltern den Mut aufbringen, sich Unterstützung zu holen. Genauso wünsche ich mir immer ausreichend engagierte und herzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Haupt- und Ehrenamtliche, die den Familien ein zweites Zuhause bieten oder sie in ihrem zu Hause verlässlich begleiten. Und weiterhin das Vertrauen der Bürger, dass wir bei Löwenherz eine sinnvolle, sinngebende Arbeit für die Familien machen, die jede Spende wert ist.

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