Viele leere Plätze beim Erfahrungsaustausch der Diakonie

Kinderarmut: Wer nichts hat, ist nicht dabei

Bürgermeisterin Suse Laue (2.v.l.) und Superintendent Jörn Michael Schröder (l.) begrüßen die Referenten. - Foto: Husmann

Syke - Von Michael Walter. Armut ist kein Thema, dass die Massen mobilisiert. Das musste am Mittwoch Abend das Diakonische Werk Syke-Hoya erfahren, das unter dem Titel „Finanzschwache Familien = Kinder ohne Chancen?“ zum Erfahrungsaustausch eingeladen hatte. Mehr als die Hälfte der Plätze im Syker Ratssaal blieb leer.

Dabei ist Kinderarmut vor Ort absolut real. Superintendent Jörn Michael Schröder betonte das in seinen Begrüßungsworten überdeutlich und sprach von einem „sozialpolitischen Skandal“ im Landkreis Diepholz.

Bürgermeisterin Suse Laue lieferte dazu Zahlen: Demnach beziehen in Syke aktuell 131 Personen Wohngeld. Davon sind mehr als die Hälfte jünger als 20 Jahre. 580 Personen erhalten Grundsicherung beziehungsweise Sozialhilfe. Davon sind ein Drittel Alleinerziehende oder aus kinderreichen Familien. Erkennbar sei, so Laue, ein Zusammenhang mit mangelnder Bildung und fehlender Ausbildung.

Wie sich das speziell auf Kinder auswirkt, stellte Diakonie-Geschäftsführerin Marlis Winkler sehr plastisch dar: „Zum Schulanfang fehlen die Bücher. Dann kommt die Frage: Wo bleibt das Kopiergeld?“ Und wenn die Kinder dann die falschen Klamotten haben oder kein Smartphone, gehören sie ganz schnell nicht dazu. Und sind sie erstmal isoliert, geht es mit den schulischen Leistungen auch ganz schnell bergab.

Was also können wir gegen Kinderarmut tun? – Wer sich auf diese Frage Antworten von Antje Pund erhofft hatte, dürfte enttäuscht gewesen sein: Die Referatsleiterin des Sozialministeriums in Hannover machte es sich ein bisschen zu einfach. Die Bundesregierung sei schuld, lautete die Botschaft. Weil die Regelbedarfe für Sozialleistungen zu gering berechnet seien, reiche eben das Geld nicht. „Da muss man mal Grund in die Gesetzgebung bekommen“, forderte sie – und meinte damit ausdrücklich die Berliner Gesetzgebung. In Niedersachsen gebe es hingegen „doppelt so viele Schuldnerberatungen wie in anderen Ländern“.

Viel näher an der Realität: Johanna Schröder, Schulpastorin an der BBS. Sie erzählte von Peter, der sieben Schulen in neun Jahren besucht hat, nach der siebten Klasse ohne Abschluss von der Hauptschule abgegangen ist und dann bei ihr in einer Berufsvorbereitungsklasse gelandet ist. Schon zu Beginn des Schuljahrs gibt’s Probleme: Sein Vater gibt ihm das Kopiergeld nicht. Peter fühlt sich bloßgestellt und entwickelt aus dem Gefühl von Scham, Ohnmacht und Wut auf den Vater Aggressivität. „Da ist man wenigstens Täter.“ Bei jedem Energy-Drink, den er in der Pause trinkt, steht die Frage im Raum: Woher hat er das Geld dafür? Bei jedem Diebstahl an der Schule fällt der Verdacht zuerst auf ihn. Dann ist das Schuljahr um und Peter wieder weg: Schulpflicht erfüllt.

Johanna Schröder weiß: All das, was bei ihm schief gelaufen ist, wird Peter selbst an die nächste Generation weitergeben.

Sozialarbeiterin Katrin Moser stellte das Projekt „Familien stärken“ vor, Schuldnerberater Stefan Gövert die Schuldenpräventionsarbeit an den Schulen (Stichwort: Finanz-Führerschein).

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