„Erwachsene nehmen Umwelt nicht mehr richtig wahr“

Erzieherin in Sorge: Mehr Beachtung fürs Handy als für eigene Kinder

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Ein schnelles Gespräch, wenn der Nachwuchs dabei ist, ist kein Problem. Es sollte nur kein Dauerzustand werden, meinen Experten.

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Der Kindergarten ist aus, die Türen öffnen sich und die Kleinen kommen herausgestürmt. Mama oder Papa warten auf dem Flur. Denen wollen die Kinder nun ganz genau erzählen, was sie heute alles erlebt haben. Vielleicht hat der eine oder andere auch ein selbst gemaltes Kunstwerk dabei, das die Eltern bewundern sollen.

Doch nicht alle Mamas und Papas können ihrem Nachwuchs die Aufmerksamkeit schenken, die dieser sich wünscht, weil sie gerade am Smartphone ihre E-Mails lesen oder telefonieren. Nachdem Schuhe und Jacken angezogen sind, nehmen sie ihre Krümel an die Hand und ziehen sie Richtung Auto, die Augen stets auf den Bildschirm gerichtet, während das Kind mit leerem Blick nebenherläuft.

Szenen wie diese beobachtet Dagmar B. (Name geändert) immer häufiger. Sie ist seit 18 Jahren Erzieherin im Raum Syke und macht sich Gedanken. „Nicht nur im Kindergarten sehe ich das, auch in der Fußgängerzone, beim Einkaufen oder im Auto schenken manche Eltern dem Smartphone mehr Beachtung als ihrem Kind.“

Dagmar B. will das Gerät nicht verteufeln: „Es ist toll, ich nutze es selber. Aber ich wünsche mir einen maßvolleren Umgang damit, besonders von den Eltern. Kinder werden in Medienkompetenz geschult, doch die Erwachsenen bräuchten das ebenso.“

Fragwürdig findet sie auch die Smartphonehalter am Kinderwagen. „So gucken die Erwachsenen nur noch auf den Bildschirm und nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr richtig wahr.“ Früher hätten sich die Eltern noch mit ihrem Nachwuchs unterhalten, ihnen beim Spaziergang Dinge gezeigt und erklärt: „Sieh mal, da vorne ist eine Kuh!“ Auf diese Weise werde Wahrnehmung und Sprache geschult.

„Das ist keine Unartigkeit, sondern ein Bedürfnis“

Auch Dr. Erika Butzmann, sieht diese Entwicklung mit Sorge: „In den ersten drei Jahren sollten Eltern komplett auf das Gerät verzichten, wenn sie sich mit ihren Kindern beschäftigen“, meint die Erziehungswissenschaftlerin, die 25 Jahre lang Elternbildung im Landkreis Diepholz betreut hat. Dies habe ganz wissenschaftliche Gründe. „Im ersten Jahr sieht das Kind sich und seine Mutter als eine Einheit. Dann löst es sich langsam, braucht jetzt aber die Aufmerksamkeit ganz besonders. Im zweiten Jahr erkennt es sich als eigene Person und benötigt die Aufmerksamkeit eigentlich dauernd, weil es sich sonst alleingelassen fühlt.“

Das sei auch der Grund, warum Kinder häufig Blödsinn machen, wenn Mama oder Papa telefonieren oder Zeitung lesen. „Das ist keine Unartigkeit, sondern ein Bedürfnis.“ Normalerweise ende diese Phase des extremen Dranges nach Aufmerksamkeit mit etwa vier Jahren. „Sind die Eltern jedoch permanent abgelenkt, wird die Phase kultiviert und dauert länger.“

Neben den Verhaltensauffälligkeiten sieht Butzmann die Gefahr, dass die Kinder den Eltern nacheifern und möglichst schnell auch ein Smartphone haben möchten. „Statt zu spielen, wird nur noch auf dem Bildschirm herumgewischt, dabei ist das Spielen unglaublich wichtig für die kognitive Entwicklung und die Koordination.“ Ein Beispiel biete sich im Wartezimmer. Früher hätten Mütter mit den Kindern gelesen oder gespielt. „Langeweile regt den kreativen Prozess an. Jetzt wird nur noch das Smartphone ausgepackt“, erklärt Butzmann. Sie und Dagmar B. wünschen sich, dass Eltern eine Zeit einführen, wo das Gerät aus bleibt.

Das Jugend- und Sozialamt in Frankfurt hat vor drei Jahren sogar eine Plakataktion gemacht, um auf die Situation aufmerksam zu machen und Eltern zum Nachdenken zu bewegen. „Die Resonanz war sehr gut“, berichtet Dr. Astrid Kerl-Wienecke, die die Aktion federführend begleitete. „Träger im Bereich früher Hilfen wie Krippen und Kinderärzte haben das gern aufgegriffen. Mehrere Kommunen in Hessen haben nachgezogen, wir hatten Anfragen aus Österreich und Holland, was zeigt, wie verbreitet das Problem ist.“ Die Aktion laufe in abgeänderter Form noch heute.

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