Stück beleuchtet helle und dunkle Seiten des Reformators

Keine Lust auf Luther: Viele Theaterstühle bleiben leer

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Intensives Spiel: Sebastian Gerasch und Anja Klawun als junger Luther und Katharina von Bora. 

Syke - Von Ilse-Marie Voges. Die Frage sei erlaubt: Ist Martin Luther medial zu inflationär, zu präsent in den vergangenen Monaten geworden? Landauf und landab ist der Mythos ein Thema. In den Medien vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von Luther die Rede ist. Vielleicht war und ist es gerade diese Überpräsenz, die am Montagabend gerade 41 Besucher ins Syker Theater lockte.

Wären da nicht die Schulklassen von Gymnasium, GTS und Realschule gewesen, hätte es den drei exzellenten Schauspielern der „Theaterlust“ wohl wehgetan, vor derart überschaubarem Publikum zu spielen. Schade, denn das Schauspiel von John von Düffel ist erhellend und erfuhr durch das Ensemble eine außergewöhnlich prägnante Inszenierung.

In der Einführung zum Stück erläuterte Regisseur Thomas Luft die Faszination Luthers, die Komplexität einer Figur voller Widersprüchlichkeit, die in heutiger Zeit wohl kaum nachvollziehbar ist. Mit seinem Vortrag erreichte Luft die Schüler. Die Siebtklässler Unge Engstfeld und Jalel Toujani waren gut vorbereitet, wussten über Leben und Wirken des Reformators, über sein Streben nach Freiheit und der Forderung, den Ablass abzuschaffen, gut Bescheid. Auch über die 95 Thesen, die Luther 1517 gegen den Ablass proklamierte.

Was für eine Zeit! Die Menschen konnten sich freikaufen und ihre Sünden mit dem Ablass bezahlen. Geld, das die Kirche dringend benötigte, um den Petersdom in Rom zu finanzieren.

Die Inszenierung im Theater machte Luthers Konflikt deutlich, beleuchtete bildhaft seine hellen und dunklen Seiten. Allein das strenge Bühnenbild mit schwarzer Decke, schlichten beweglichen Seitenwänden und dem langen schmalen Weg im Raum wirkte bedrückend. Dazu eine faszinierende Musik – ein großer Gong und Chrom-Metallic-Stäbe voller leiser Töne.

Darin und dazwischen der verzweifelte, kriechende junge Student Martin Luder (Sebastian Gerasch). In seinem bescheidenen Kostüm windet er sich wie ein Wurm. Er hat Angst. Er weiß nicht, was seine Bestimmung ist. Gerasch spielt seine Rolle intensiv. Gegen den Vater (Thomas Kügel) aufbegehrend, ruft er: „Ich muss ein Mönch werden!“

Damit entfacht er den Zorn des Vaters: „Belüg dich nicht, und vergiss nicht deine Herkunft und wer dein Studium bezahlt.“ Vater und Sohn trennen sich im Streit.

Prägnante Inszenierung

Luther, im Zwiespalt von Gefühlen, wendet sich nach dem Grundstudium als Magister den Augustiner-Eremiten zu. Er geht ins Kloster. Im Hinterkopf immer noch das Arrangement, Katharina von Bora (Anja Klawun) zu heiraten. Luther wird zum Priester geweiht, sein Beichtvater von Staupitz (Thomas Kügel in der Doppelrolle) mahnt ihn: „Mach dich nicht sündiger, als du bist!“ Er lässt ihn in Wittenberg zum Doktor der Theologie promovieren.

Luther hadert mit seinem Schicksal, heiratet dann doch die ehemalige Nonne Katharina. Seine Käthe, die ihm sechs Kinder gebären sollte. Eine energische Ehefrau, die daheim das Zepter schwang, deutlich mahnte und Einhalt gebot, wenn Martin sich übernahm. Anja Klawun schlüpfte in diese Rolle mit Inbrunst und viel Verve.

Der zweite Teil des Stückes ist dunkler, der alte Martin Luther (dritte Rolle von Thomas Kügel) ein anderer. Einer mit derber Umgangssprache, einer, der Völlerei und Wein liebt, einer, der seiner Frau widerspricht. „Ich habe eine Nonne geheiratet und einen Feldwebel bekommen“, sagt er. Er schreibt 1543 „Von den Juden und ihren Lügen“, fordert die Zerstörung von Synagogen, Schulen und jüdischen Wohnhäusern. Luther, der Judenfeind.

In seiner Einführung hatte Regisseur Thomas Luft auf diese Seite Luthers verwiesen – und darauf, dass die Nationalsozialisten die Worte des Reformators für ihre Propaganda in Anspruch nahmen. Luft stellte auf sehr moderne Art einen widersprüchlichen Luther vor. Das kleine Ensemble meisterte diese Herausforderung bravourös.

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