Über zwei Wochen im Kühlraum

Keine Beerdigung: Kinder trauern

Möchten ihren Vater würdig beerdigen können: Die 28-jährige Sarah Specht (l.) und ihre Geschwister hoffen auf Spenden, weil sie das Geld für seine Beerdigung nicht aufbringen können. Foto: Jantje Ehlers

Mehr als zwei Wochen muss ein Verstorbener im Kühlraum des Bestatters bleiben, weil das Geld für eine Beerdigung fehlt: Immer mehr Angehörige können sich eine Bestattung nicht leisten – und sind am Ende auf das Sozialamt oder Spenden angewiesen. Das zeigt ein Fall aus Syke, der exemplarisch für alle anderen solcher Trauerfälle in der Region steht.

Syke – Von Anke Seidel. Sarah Specht ist 28 Jahre alt. Die Mutter von zwei Kleinkindern – vier und zwei Jahre alt – lebt in Syke-Heiligenfelde und steht vor außergewöhnlichen Herausforderungen. Erst vor wenigen Monaten musste sie ganz plötzlich die rechtliche Betreuung ihres Vaters übernehmen und lebenswichtige Entscheidungen treffen, weil der 59-jährige Uwe Sonnenberg im künstlichen Koma lag.

Er erholte sich, die Familie schöpfte Hoffnung. Doch knapp neun Monate später, nach mehreren Krankenhaus-Aufenthalten und zwölf Operationen, waren seine Krankheiten stärker. Deshalb muss die 28-Jährige jetzt für ihre 15-jährige Schwester das Sorgerecht übernehmen und sich um ihren 21-jährigen Bruder kümmern.

Denn ihr Vater ist am 31. Juli in einer Delmenhorster Klinik gestorben.

Uwe Sonnenberg ist mit 59 Jahren gestorben. „Er hat sich um seine Kinder immer sehr gut gekümmert“, schreibt eine Freundin der Familie bei Facebook. Foto: Privat

Wie sie die Beerdigung bezahlen soll, weiß die junge Mutter nicht, deren ältere Schwester (31) im Harz lebt: „Mein Vater hat uns kein Erbe hinterlassen.“ Dass ihr Vater seit Anfang des Monats notgedrungen mehr als zwei Wochen im Kühlraum des Bestatters liegen musste, kann die Heiligenfelderin kaum ertragen: „Wir haben uns privat Geld geliehen, damit er wenigstens eingeäschert werden kann.“

Am Montag ist Uwe Sonnenberg ins Krematorium überführt worden. Aber wann und in welchem Rahmen er seine letzte Ruhestätte findet, ist immer noch unklar. Deshalb hat die junge Mutter bei Facebook eine Spendenaktion für die Beerdigung initiiert. 260 Euro sind bisher eingegangen. Dort berichtet sie über den langen Leidensweg des 59-Jährigen, der unter verschiedenen Krankheiten gelitten hatte. Außerdem hat sie den Bestatter um die Einrichtung eines Spendenkontos gebeten (Bestattungsunternehmen Husmann, Beerdigung Sonnenberg, IBAN: DE78 2915 1700 1110 1988 25, BIC: BRLADE21SYK).

Auf Kostenübernahme vom Sozialamt kann die junge Mutter nicht hoffen. Denn sie ist nicht die leibliche Tochter des Verstorbenen – und habe, so die Begründung des zuständigen Amts am Sterbeort ihres Vaters, als „Fremdperson“ den Bestatter ja schon beauftragt – und sei deshalb verantwortlich.

„Meine Mutter hat meine Schwester und mich mit in die Ehe gebracht“, berichtet die junge Heiligenfelderin. Aber vor zehn Jahren sei die Ehe zerbrochen, weil eine langwierige Krankheit der Mutter das Familienleben überschattete. Die damals 18-Jährige blieb – rechtlich abgesichert, bei ihrem Stiefvater – ebenso wie ihre kleine Schwester und ihr Bruder, ihre Halbgeschwister.

Für sie will sie jetzt da sein und Verantwortung übernehmen – wie sie es auch schon für ihren Vater getan hatte: Fünf Monate habe sie ihn während seiner schweren Krankheit gepflegt, berichtet Sarah Specht. Die Hoffnung, dass etwaige Verwandte die Beisetzung finanziell unterstützen könnten, hat die junge Frau nicht. Deshalb hat sie den Spendenaufruf gestartet.

Dass Familienangehörige die Beerdigung eines Verstorbenen nicht bezahlen können, ist kein Einzelfall. Die Tendenz sei „stark steigend“, sagt Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter, in dem 81 Prozent der Bestatter in Deutschland organisiert sind. Konkrete Zahlen konnte er allerdings nicht nennen, weil sie bundesweit nicht erhoben würden.

Einfach, aber würdig: Das sei die Maxime für eine solche Bestattung. Die Umsetzung sei regional unterschiedlich. In jedem Fall müssten Angehörige einen Antrag auf Kostenübernahme beim Sozialamt stellen.

Eine Zunahme verzeichnen Bestatter laut Neuser aber genauso bei den sogenannten Ordnungsamtsbestattungen. Will heißen: Das Ordnungsamt zahlt die Kosten für die Beerdigung eines Verstorbenen, wenn er keine Angehörigen mehr hat. „Es gibt aber auch Fälle“, so Stephan Neuser, „in denen sich Angehörige verweigern“. Zwar würden die Kommunen auch in solchen Fällen zahlen – aber nur zunächst. „Sie holen sich das Geld dann im Wege der Ersatzvornahme wieder.“

Einen Grund, warum die Zahlen in beiden Fällen stark steigen, sieht Stephan Neuser in der Abschaffung des Sterbegeldes, das die gesetzlichen Krankenkassen 2004 ersatzlos gestrichen hatten. Aber auch der demografische Wandel spiele sicher eine Rolle. Außerdem seien in Ballungszentren und in finanzschwachen Kommunen die Friedhofsgebühren teilweise sehr stark angestiegen.

„Wenn ich meinen Angehörigen nicht zur Last fallen möchte, sollte ich bei Lebzeiten Vorsorge treffen“, rät der Generalsekretär des Bestatter-Verbands: „Über Vorsorge-Möglichkeiten informieren die Bestatter vor Ort“.

Zahlen und Fakten im Landkreis Diepholz

Der Landkreis Diepholz hat im vergangenen Jahr in 143 Fällen die Kosten einer Bestattung übernehmen müssen, so war von Kreisrätin Ulrike Tammen zu erfahren. Im Vorjahr waren es 135 Fälle gewesen, 2016 aber nur 107. Grundsätzlich gilt: „Zuständig ist der Träger, der bis zum Todeszeitpunkt des Verstorbenen Sozialhilfe geleistet hat.“ Stirbt ein Bürger in einer Klinik, ohne Sozialhilfe bezogen zu haben, ist das Amt am Sterbeort zuständig – dann, wenn die Angehörigen nachweislich die Beerdigungskosten nicht tragen können. „Wir müssen nur zahlen, wenn es keinen vorrangig Verpflichteten gibt“, erläutert Ulrike Tammen. Deshalb warte der Landkreis zunächst ab, ob die Angehörigen das Erbe ausschlagen oder annehmen würde. Die Frist dafür: sechs Wochen. Würde der Landkreis vorher die Bestattungskosten zahlen, „dann müssten wir später womöglich versuchen, das Geld zurückzubekommen“, so die Kreisrätin. Dann drohe ein langwieriges Unterfangen, das der Landkreis nicht riskieren dürfe: „Hier geht es schließlich um Steuergelder.“ Dass die Situation für die Angehörigen sehr belastend sei, kann Ulrike Tammen gut verstehen: „Mir tut das menschlich auch sehr leid.“ Deshalb rate der Landkreis Betroffenen, beim Bestatter gleich darauf hinzuweisen, dass sie einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt haben.

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