Kein Platz für Andersdenkende

„Syker Zeitfenster“ beleuchtet die Jahre 1933 und 1934

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Präsentierten den zweiten Band der Reihe Syker Zeitfenster (v.l.): Moderator Ulf Kaack, Autor Jens Jacobsen-Bremer, Christa Meyer, Gerhard Schäfer und Peter Jahnke.

Syke - Von Heiner Büntemeyer. Auf der Großleinwand wirkt das Titelbild mit dem über Syke aufgehenden Hakenkreuz noch bedrohlicher als auf der Umschlagseite des Buches „So grüßen wir die neue Zeit“. Es ist der zweite Band der Chronik „Syker Zeitfenster“. Autor Jens Jacobsen-Bremer stellte das Buch im Rahmen der Reihe Erzählcafé in der Alten Posthalterei vor.

Der Band behandelt die Jahre 1933 und 1934. Die Zeit, in der die Nationalsozialisten ihre Macht festigten und die demokratische Weimarer Republik in eine totalitäre Diktatur umbauten. In Syke sei der Wandel besonders stark durch den damaligen Chefredakteur der Syker Zeitung, Franz Grams, geprägt worden.

Gerhard Schäfer, der das Glossar zu diesem Buch zusammengestellt hat, erinnerte daran, dass die neue Saat auf fruchtbaren Boden fiel. Antisemitismus war weit verbreitet, obgleich die Juden sich bemüht hatten, sich zu assimilieren. Doch in studentischen Verbindungen und vaterländischen Vereinen war der ideologische Übergang zu den NSDAP-Parolen längst vorbereitet. Jacobsen-Bremer war allerdings erstaunt, wie schnell die Parole „Juden raus“ von den Syker Vereinen umgesetzt wurde.

Peter Jahnke legte sein Augenmerk auf die damalige Arbeiterschaft vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise mit bis zu 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Nazis hatten eine Kernforderung der Gewerkschaften sofort umgesetzt und den 1. Mai zum Feiertag gemacht. Und sie versprachen Arbeit für alle. Die Gewerkschaften leisteten keinen nennenswerten Widerstand. Sie wurden aufgelöst und alle Arbeiter in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) eingegliedert.

Schulbücher wurden verändert

In den Schulen war die Einflussnahme der NSDAP nach Aussage der Co-Autorin Christa Meyer sehr massiv. Schulleiter mussten über die Gesinnung der Lehrer berichten und „Miesmacher“ melden. Taten sie es nicht, galten sie als Unterstützer. Schulbücher wurden verändert, in Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Sport und Biologie wurden die Lehrpläne am intensivsten umgeschrieben.

Die „Blut und Boden“-Ideologie fand auch unter Landwirten schnell Anhänger. Sie fühlten sich anerkannt und waren begeistert, als die NSDAP den 1. Oktober als „Reichserntedankfest“ feierte, zu dem 700.000 Menschen zum Bückeberg pilgerten. Auch bei der Kirche war der Anpassungsprozess nach Aussage von Gerhard Schäfer schnell vollzogen. Einige Pastoren waren zunächst auf vorsichtige Distanz bedacht, aber die waren in der Minderheit.

„Das hat mich noch viel stärker motiviert“

In Politik und Verwaltung war nach den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 kein Platz mehr für Andersdenkende. Um so höher ist die Handlungsweise von Albert Brill zu würdigen, der als einziges SPD-Mitglied in den Syker Rat gewählt wurde und seine Einstellung zum neuen Regime unmissverständlich zeigte. Dafür wurde er in „Schutzhaft“ genommen und legte sein Mandat nieder.

Bei dieser von Ulf Kaack moderierten Gesprächsrunde bemühten sich die Teilnehmer, die Vorgänge in Syke vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Strömungen jener Zeit darzustellen. Auch die Tatsache, dass Franz Grams nach dem Krieg Chefredakteur blieb und der Ristedter NSDAP-Ortsgruppenleiter Henry Rasch nach 1945 weiterhin Kinder unterrichtete, war ebenso wenig Syke-spezifisch wie die Tatsache, dass die Syker Widerständler Bernhard Pölder und Albert Brill von der Bevölkerung nach dem Krieg nicht akzeptiert wurden.

Er habe dieses Buch geschrieben, weil er wissen wollte, warum die Menschen damals so gedacht, gefühlt und gehandelt haben, sagt Jacobsen-Bremer. Dabei sei ihm bewusst geworden, dass die gegenwärtige Sprache oft die gleiche Diktion habe wie damals. „Das hat mich noch viel stärker motiviert.“

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