Volker Weininger hält dem Bildungssystem den Spiegel vor

„Ist das jetzt noch Kabarett, oder meint er das ernst?“

Kabarettist Volker Weininger sprach über Helikoptereltern und von Lehrern, die bei den Schülern Angstschweiß riechen wollen. - Foto: Husmann

Syke  - Von Juraj Sivulka. Als Volker Weininger pünktlich mit dem Gong die Bühne im Gleis 1 betritt und mit der Hausaufgabenkontrolle beginnt, wird es plötzlich ganz still im Saal. Der Kabarettist nutzt diese augenblickliche Verunsicherung des Publikums zu einem direkten Einstieg in sein Programm. Im Nu hat man den Eindruck, man befände sich in der Schule – nur mit einem etwas seltsamen Lehrer.

In seinem neuen Programm „Bildung. Macht. Schule.“ nimmt der Bonner Künstler sein Publikum mit auf einen Streifzug durch das deutsche Bildungssystem. Dass diese Reise teils ironische, sogar tragikomische, teils ernste Züge enthält, das wird dem Zuhörer sehr schnell klar. Denn Weininger erzählt von Lehrern, die bei den Schülern Angstschweiß riechen wollen, vom Fach Sport als Königsdisziplin aller Fächer, sogar das textile Gestalten in der neunten Klasse wird unter die Lupe genommen. In diesem Fach gleiche die Klasse „einem Häufchen Elend mit der Stricknadel“.

Mit Fahrradhelm auf der Rutsche

In seinem sehr lebendigen Vortrag zieht der Interpret gekonnt alle Aufmerksamkeit auf sich. Er spricht langsam und deutlich, unterstützt seinen Redefluss mit Gestik und Mimik und verleiht auf diese Weise seinem Auftritt einen dynamischen Charakter. So erfährt man von den Helikoptereltern, deren Leben einem Behütungsmarathon gleicht, indem sie ihre Kinder mit einem Fahrradhelm auf eine Rutsche gehen lassen, sie mit drei Jahren zum Geigenunterricht zwingen, obwohl ihre Schützlinge noch nicht mal die Tasten am Xylophon treffen können.

Amüsant und überschwänglich wird es, als Weininger zu praktischen Beispielen greift und Auszüge aus dem Klassenarbeitskatalog vorliest: Wie ging der spanische Bürgerkrieg aus? Antwort: 3:1. Was bezeichnet die Kompositionsweise Beethovens? Antwort: Er war so taub, dass er dachte, er malt. Nenne zwei Mitglieder der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Antwort: Sophie und Mehmet Scholl. Das Publikum amüsiert sich prächtig und klatscht Beifall. „Ich hätte für die dritte Antwort noch einen halben Punkt gegeben“, hört man leise eine Besucherin sagen, „die Hälfte der Antwort ist ja richtig.“

Doch gerade wenn man vermutet, dass der Abend zu einer grenzenlosen Lachnummer auszuufern droht, zieht der Interpret gekonnt an der Lachbremse. Denn auch ernste Themen bleiben dem Publikum nicht erspart. Weininger kritisiert die pädagogische Methode des Schreibens nach Gehör in den Grundschulen: „Kinder sollen die Lust am Schreiben nicht verlieren, aber die Eltern verlieren die Lust am Lesen. In solchen Fällen wäre die Entschlüsselungsmaschine Enigma doch von Vorteil.“

Auch die kritischen Ausführungen zur strengen Erziehung in China (Chinese schläft nicht!), zum Einmischen der Wirtschaft in die Bildung und zum Abi-Wahn der Regierung finden im fast ausverkauften Gleis 1 Zustimmung und werden mit viel Applaus honoriert.

Doch der Wortkünstler agiert dabei so meisterhaft, dass man über das Gesagte oft grübeln und nachdenken muss. „Ist das jetzt noch Kabarett, oder meint er das ernst?“, hört man in der Pause einen Besucher sagen. Eine interessante Frage, auf die Kabarettist Volker Weininger vielleicht sogar absichtlich keine Antwort liefert, um so das Publikum im Gleis 1 den Weg zwischen Fiktion und Wirklichkeit selbst suchen zu lassen.

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