Juraj Sivulka liest sich in der Wassermühle einmal quer durch die moderne deutsche Literatur

Glänzende Schätze hinter verstaubten Buchrücken

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Juraj Sivulka (l.) und Bernhard Schencke bei ihrem Auftritt in der Barrier Wassermühle.

Von Frank Jaursch. Christiane Palm-Hoffmeister ist bekannt für ihre kurzen, treffenden Aussagen. Eigentlich, so schmunzelte die Betreiberin der Barrier Wassermühle am Mittwochabend, habe sie zu der bevorstehenden Veranstaltung über die deutsche Literatur „vielleicht mit drei versprengten Oberstudienräten“ gerechnet. „So ein volles Haus hätte ich mir nicht träumen lassen.“

Doch die Wassermühle war tatsächlich ausverkauft – mit gutem Grund, wie sich herausstellen sollte. Denn Juraj Sivulka präsentierte die großen deutschen Dichter mit einer eigentümlichen Mischung aus scheinbarem Gleichmut und hintergründigem Augenzwinkern.

Durchaus bemerkenswert war dabei die Inszenierung, für die sich Sivulka entschieden hatte: Einem festen Manuskript folgend, erzählte er sich durch die Geschichte der Literatur. Von der Barockliteratur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts spannte er einen anekdotenreichen Bogen über die wichtigsten Dichter, ihre Ideen und Beziehungen zueinander. Die Ausschnitte aus Gedichten oder Prosa las er meist ab, für den eigenen Beitrag bewegte er sich frei in der Wassermühle.

Sparsam in Mimik und Gestik, gemächlich im Sprachtempo ließ er seine Protagonisten aus zwei Jahrhunderten für sich sprechen. So erklangen Gellerts „guter Rat“ und Lessings „trunkner Dichter“. Und auch Heine kam – gewohnt zynisch – zu Wort.

Sivulka beleuchtete anschaulich die sich nur sehr langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Goethe und Schiller. Ein Schmunzeln wehte durch den Raum, als er eine Begegnung Goethes mit Studenten in einem Gasthof wiedergab, die sich über seine Angewohnheit lustig machten, Wasser in den Wein zu gießen. Der Dichterfürst entgegnete: „Das Wasser allein macht stumm / Das beweisen im Wasser die Fische. / Der Wein allein macht dumm, / Das beweisen die Herren am Tische. / Daher, um keines von beiden zu sein / Gieß‘ in den Wein ich Wasser hinein.“

Zwischen seinen literarischen Häppchen sorgte Pianist Bernhard Schencke für kurzweilige musikalische Untermalung. Dass das Duo ein gutes Team ist, offenbarte sich nicht nur in der feinen Abstimmung von Gesprochenem und Gespieltem. Schencke gab so manches Mal durch ein wissendes Lächeln der Vorfreude preis, das eine besonders gelungene Pointe in Sivulkas Ausführungen bevorstand. Der Mann am Klavier bildete damit dem Gegenpart zum Vortragenden, der den Großteil des Abends mit bewusst neutraler Miene bestritt.

Bei ihrer Begrüßung hatte Christiane Palm-Hoffmeister von den „verstaubten Buchrücken“ gesprochen, die in vielen Regalen stehen, und von den großen Schätzen, die dahinter schlummern. Juraj Sivulka entstaubte mit seiner kurzweiligen Lesung ein paar davon in der Wassermühle – und verhalf ihnen so zu neuem Glanz.

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