Juraj Sivulka bringt den Wassermühle-Besuchern das tragikomische Leben Erich Kästners näher

„Alles fürs liebe Muttchen“

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Juraj Sivulka (2.v.r.) sorgte mit seinen Töchtern Mira (l.) und Lara sowie Bernhard Schencke am Klavier für einen kurzweiligen Kästner-Abend in der Wassermühle.

Von Dagmar Voss. Buchautor und Dichter, Journalist und Publizist, Frauenheld und Intellektueller – die Reihe von Erich Kästners (1899-1974) Aktivitäten ließe sich noch lang fortsetzen. Das erfuhren die Zuhörer am Freitagabend von Juraj Sivulka. Der Lehrer und Erzähler unterhielt sein Publikum in der ausverkauften Mühle mit spannenden Details aus dem Lebenslauf des bekannten Dresdners. Des Mannes, dem die meisten Gäste wegen seiner erfolgreichen Kinderbücher „Emil und die Detektive“ oder „Pünktchen und Anton“ etwas sagte. Oder möglicherweise auch durch seine spitzzüngigen Poeme, seine gesellschaftskritischen Beiträge und messerscharfen Analysen der damaligen Situation im Faschismus.

Mit größtenteils auswendig vorgetragenen Texten, mit Ausschnitten aus Kästners Poesie und Prosa, fesselte der Wahl-Barrier Sivulka seine Zuhörer. Mit dabei auch seine beiden Töchter Lara und Mira, die ebenfalls kurze Stücke vorlasen oder vortrugen. Für die musikalische Vertiefung sorgte Sivulkas Lehrerkollege Bernhard Schencke am Klavier. Neben etlichen klassischen hatte er auch eigene Kompositionen in seinem Gepäck.

Das Mühlenpublikum erfuhr, wie sich Kästner in seiner Kindheit bei unglücklichen Eltern immer stärker seiner Mutter verpflichtet fühlt, die schließlich so in den Mittelpunkt rückt, dass Kästner zu keiner tragenden Beziehung fähig ist.

Früh schon macht er seine Prüfungen und Abschlüsse, mit knapp 14 Jahren besucht er bereits ein Lehrerseminar: „Alles fürs liebe Muttchen.“ Der Erste Weltkrieg beendete diese Karriere, dafür promoviert er später zum Doktor der Philosophie und begann dann noch ein Studium der Jurisprudenz. Passend dazu intonierte Schenke das Jahrhunderte alte Studentenlied „Gaudeamus igitur“.

Immer wieder wurde allerdings bei Sivulkas Lese- und Rezitationsabend deutlich, dass das Kästner’sche Leben wahrlich nicht so fröhlich war. Dass er immer wieder glasklar die Missstände in der Gesellschaft aufzeigte, manches Mal mit einem frivolen Unterton, für den er dann sogar aus seinem Job als Journalist flog. In diesem Fall 1927 für sein Gedicht „Nachtgesang des Kammervirtuosen“, das er zu Ehren Beethovens geschrieben hatte. Hier erklang natürlich die 9. Symphonie am Klavier.

Richtig tragisch wurde es, als seine und viele andere Bücher – außer die Kinderbücher – 1933 verboten und öffentlich verbrannt wurden.

Sicherlich erfuhr der eine oder andere so manches, was eher unbekannt war; so das Gerücht um die uneheliche Herkunft Kästners, angeblich ist der jüdische Arzt Emil Zimmermann sein Erzeuger gewesen. Für seine „Sachliche Romanze“, ein lakonisches Gedicht über ein Paar, das sich nach acht Jahren trennt, nahm er sein eigenes Leben als Vorbild. Er hatte unzählige Liebesaffären, starb aber völlig vereinsamt.

Zum Dank für diesen gelungenen Abend gab‘s von der Rüttelschuh-Vorsitzenden Christiane Palm-Hoffmeister für die vier Vortragenden „Zitronen statt Kanonen“ in Tüten.

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