„Jungs, ji mööt fleutschen“

Das Burdorfsche Gasthaus war Ausspannwirtschaft und Bedarfshaltestelle

Das Bild zeigt am Tisch sitzend Heinrich Klocke und seine erste Frau Anna Marie Margarethe Burdorf. Am Tisch stehend ist der Sohn Johann Heinrich Diedrich Klocke zu sehen. Die Frau mit Schürze konnte nicht zweifelsfrei identifiziert werden. Das Bild wurde um 1915/16 aufgenommen. Das Bild befindet sich im Privatbesitz.

Steimke - Von Dieter Niederheide. Es war im Jahre 1875, als der Gastwirtssohn Heinrich Burdorf aus Wietzen sich in Steimke niederließ und die Steimkerin Anna Adelheid Bielefeld heiratete. In dem 1878 an der damaligen Bremen-Nienburger Chaussee, an der Ecke der heutigen Alte Poststraße, errichteten Gebäude betrieb er auch eine Gastwirtschaft.

Das Gasthaus war als Nebenerwerb gedacht, weil Heinrich Burdorf eine Anbaustelle bewirtschaftete. Ab 1964 ruhte die Schankerlaubnis, sie erlosch im Jahre 1972. Ulrich Dannemann, in Steimke geboren und in Heiligenfelde ansässiger Heimatforscher, hat im Rahmen des Projektes „Gaststättenwesen im Landkreis Diepholz“ des Kreisheimatbundes unter anderem auch die Geschichte des früheren Steimker Burdorfschen Gasthauses erforscht.

Dabei waren ihm Gespräche mit Zeitzeugen sehr hilfreich. Im Gespräch mit dieser Zeitung wies Dannemann darauf hin, dass es Anfang 1890 einen ersten Hinweis auf das Gasthaus gibt, und zwar in einem Protokoll. Darin wird erwähnt, dass die Feldwege in der Feldmark von Steimke dem Gastwirt Burdorf verpachtet werden.

Ein weiterer Hinweis aus dem Jahr 1896 sagt aus, dass damals im Gasthaus Burdorf eine Grundstücksauktion stattfand. Am Gasthaus gab es neben einer Holzkegelbahn einen Sommergarten mit vielen Obstbäumen.

Im Jahr 1903 starb Heinrich Burdorf. Schwiegersohn Heinrich Klocke, der im Februar 1890 Burdorfs Tochter Anna Maria Margarethe geheiratet hatte, bekam die Schankerlaubnis und betrieb die Burdorfsche Gaststätte weiter. Auch er, in Lahausen geboren, war Anbauer.

Von ihm gibt es von Zeitzeugen, die in früheren Jahren das Gasthaus besuchten, die eine oder andere Überlieferung. Danach war das Gasthaus auch Ausspannwirtschaft. Die Bauern, die die Bremen-Nienburger Chaussee mit Pferde fuhrwerken, auf denen sie Kartoffel, Obst oder Gemüse zu den Bremer Märkten lieferten, versorgten dort nicht nur sich, sondern auch ihre Pferde. Deshalb wurde die Chaussee auch Kartoffelstrecke genannt.

In dieser Zeit wurde die Kleinbahn Hoya-Syke-Asendorf gebaut. Das Burdorfsche Gasthaus wurde eine der Bedarfshaltestellen. Dort konnten die Steimker auch die Fahrkarten erwerben. Von Steimke-Burdorf bis Syke kostete die Fahrkarte 30 Pfennig.

Eine alte Fahrkarte für die Kleinbahn von Steimke nach Syke. Foto: Niederheide

Der Zeitzeuge Willi Wessel berichtete Dannemann, dass Klocke die Jungen aus dem Dorf zum Kirschen pflücken anheuerte. Er gab ihnen auf: „Jungs, ji mööt fleutschen, anners koomt de Vogels un willt de Kirschen freten.“ Dannemann lacht: „Er hat dabei aber wohl weniger an die Vögel gedacht, sondern eher daran, dass, wer fleutscht (pfeift), keine Kirschen essen kann.“

Übrigens wollte ein Steimker beim Burdorfschen Gasthaus mit der Kleinbahn nach Syke oder Richtung Asendorf fahren, wurde eine rote Fahne in eine Halterung am Haus gesteckt. Erst dann stoppte die Kleinbahn dort. Wer in Steimke-Burdorf aussteigen wollte, musste das dem Zugführer melden.

Im Burdorfschen Gasthaus gab es einen Sparclub, einen Stammtisch am Montag, und die Steimker trafen sich hier zu Festlichkeiten. Die älteste Steimker Gaststätte ist der Steimker Hof, der schon seit 1852 im Familienbesitz ist – heute als Hotel Steimker Hof nach wie vor betrieben von der Familie Meyer.

Heinrich Klocke hatte ein gutes Herz. Als während des Zweiten Weltkriegs beim Gehöft Brockmann in Steimke ein Blindgänger explodierte und Fenster und Türen herausflogen, gewährte er Unterkunft. Ulrich Dannemann erinnert sich, dass seine Großeltern Meta und Albert Borgmann sogar ihr Vieh bei ihm unterstellen durften.

Gastwirt Heinrich Klocke starb am 24. September 1953 an Herzschwäche. Vorher starb schon seine Frau im März 1924, und er heiratete im Juni 1931 die zweite Frau Berta Adelheid Katarine Dierks. Sie führte das Burdorfsche Gasthaus weiter bis 1964. Dann kam das Ende für das Gasthaus. Es diente fortan als Wohnhaus.

Berta Klocke starb 1980. Im Jahr 2001 wurde das von Heinrich Burdorf gebaute Haus abgebrochen. Der Name Burdorf aber geriet nicht in Vergessenheit: Noch heute heißt die dortige Bushaltestelle an der B 6 „Steimke-Burdorf“.

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