„Will, dass es würdevoll abläuft“

Julien Schultes über den Gerichtsprozess zum Unfall, bei dem seine Frau starb

Ein Bild der Verwüstung: Bei dem schweren Unfall auf der B51 am 11. Januar 2019 starb die 29-Jährige. Der Unfallverursacher hatte der Polizei zufolge im Überholverbot und in einer Kurve versucht, mehrere Lastwagen zu überholen. Am Donnerstag beginnt der Prozess wegen fahrlässiger Tötung.
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Ein Bild der Verwüstung: Bei dem schweren Unfall auf der B51 am 11. Januar 2019 starb die 29-Jährige. Der Unfallverursacher hatte der Polizei zufolge im Überholverbot und in einer Kurve versucht, mehrere Lastwagen zu überholen. Am Donnerstag beginnt der Prozess wegen fahrlässiger Tötung.

Am 11. Januar 2019 verlor Julien Schultes seine Frau bei einem tödlichen Unfall. Am Donnerstag beginnt nach knapp zweieinhalb Jahren der Prozess gegen den Unfallverursacher - mit einem prominenten Anwalt auf der Nebenkläger-Bank. Im Gespräch mit der Kreiszeitung schildert Schultes seine Gefühlswelt.

  • Julien Schultes erfuhr erst vom Tod seiner Frau, als die Unfallbilder längst im Internet kursierten.
  • Der Witwer prangert „Würdelosigkeit“ im Umgang mit dem Tod seiner Frau an.
  • Zum Prozess bekommt er als Nebenkläger prominente Hilfe aus Berlin.

Syke – Als sich Neele Oldenburg-Schultes am 11.  Januar 2019 auf den Heimweg aus Bassum in Richtung Weyhe machte, war ihre Welt strahlend. Knapp vier Wochen zuvor hatte die 29-Jährige geheiratet. Vor zwei Tagen hatte sie ihren Eltern mitgeteilt, dass sie ein Kind bekommt. Alles war perfekt. Bis zu diesem einen fatalen Moment auf der B 51.

Das missglückte Überholmanöver eines Anderen riss sie an diesem Freitagnachmittag aus dem Leben. Neele Oldenburg-Schultes hatte keine Chance, der Kollision zu entgehen. Sie starb am Unfallort. Der Verursacher überlebte mit schweren Verletzungen. Er muss sich Donnerstag wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.

An diesem Tag ist der falsche Mensch gestorben.

Julien Schultes

„An diesem Tag ist der falsche Mensch gestorben“, sagt Julien Schultes. Er verlor am 11. Januar 2019 seine Frau, sein ungeborenes Kind – und das eigene Leben, wie er es bis dahin kannte.

Wenn Schultes jetzt öffentlich über den Tod seiner Frau und die Folgen für ihr Umfeld spricht, tut er das aus mehreren Gründen. „Ich will die Gefühlswelt wiedergeben, in der man sich befindet“, sagt er. „Das ist ein Schaden, den viele unterschätzen. Was macht es mit dir, wenn dir das Glück genommen wird?“

Leere und Traurigkeit, aber auch Wut und Fassungslosigkeit

Zwischen die Leere und die Traurigkeit haben sich bei ihm weitere Gefühle gemischt: Wut und Fassungslosigkeit. Was er im Dialog mit Versicherungen zu lesen und zu hören bekam, „ist an Würdelosigkeit nicht zu überbieten“, betont Julien Schultes. Etwa, als die Versicherung des Unfallverursachers Neeles Eltern mitgeteilt habe, man brauche schon einen ärztlichen Beweis dafür, dass sie unter Schock stünden.

Von dem Unfall habe er im Radio gehört – und gleich „Bauchschmerzen gehabt“, erinnert er sich. „Sie ging nicht ans Handy.“ Erst fast drei Stunden nach dem Unfall – als die ersten Fotos von den völlig zerstörten Autos schon längst auf Nachrichtenseiten im Internet zu sehen waren – erfuhr er: Die Tote war seine Neele. Und auch das nur, weil er selbst bei der Polizei angerufen hatte.

Nach dem Unfall nahm die Polizei die Aussagen zweier Augenzeugen auf – die so diffus gewesen seien, dass es nach Ansicht mehrerer Juristen schwierig werden könnte, die Schuld des Unfallfahrers zu beweisen. Erst die Hartnäckigkeit der Hinterbliebenen sorgte dafür, dass sich ein weiterer wichtiger Zeuge meldete, so Schultes.

Warum gab es keine Obduktion?

Es gibt weitere Fragen: Warum gab es keine Obduktion? Warum müssen zwischen dem Unfall und dem Prozessauftakt nahezu zweieinhalb Jahre vergehen?

Neele Oldenburg-Schultes hatte knapp einen Monat vor dem Unfall geheiratet.

Der Unfallverursacher muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ein im Vergleich zu Mord oder Totschlag mildes Tötungsdelikt und der Grund, warum ein Amtsgericht und nicht etwa ein Landgericht zuständig ist.

Erneut Fassungslosigkeit bei Julien Schultes. Er sucht nach den passenden Worten. „Es ist ja kein ,ich bin falsch abgebogen, und da kam jemand um die Ecke‘. Da war Überholverbot, durchgezogene Linie. Eine Anhöhe. Eine Kurve. Und da muss ich versuchen, zwei Lkw und ein Auto zu überholen? Am Freitagnachmittag, auf der Bundesstraße?“

Gregor Gysi verzichtet aufs Honorar

Wenn das Amtsgericht für die Verhandlung in das Dorfgemeinschaftshaus in Heiligenfelde umzieht, liegt das vor allem an der Prominenz des Anwalts von Schultes. Er hat Dr. Gregor Gysi, Anwalt und Politiker (Die Linke), für den Fall gewinnen können. Gysi verzichtet für die Verhandlung auf sein Honorar.

Eine „gerechte Strafe“ erhofft sich der Witwer von der Verhandlung, doch er erwartet sie nicht. „Ich will, dass es würdevoll abläuft.“ Allzu groß sind die Hoffnungen indes nicht – zu oft habe er erlebt, dass Gerichte in solchen Fällen darüber reden, „als wäre es ein Sachschaden, um den es hier geht“.

Geld sei ihm egal, sagt Julien Schultes. Er hält kurz inne – und fügt dann hinzu: „Aber was soll ich Neele sagen, wenn ich sie irgendwann wiedersehe? Ich will alles getan haben, um ihr gerecht zu werden.“

Deutschland ist kein Opferstaat.

Julien Schultes

Es mache ihm zu schaffen, dass der Raser „nicht einen Tag seinen Führerschein abgeben musste“, dass er sich bis heute nicht entschuldigt habe bei ihm und bei der Familie seiner Frau. „Deutschland ist kein Opferstaat“, findet er. „Der Täter wurde sofort psychologisch betreut. Ich habe alles verloren – und war zwölf Monate ohne Therapeut.“

Buchprojekt über den schlimmen Moment und die Zeit danach

In einem Buchprojekt, das derzeit entsteht, schildern Angehörige und Freunde, wie sie von dem Unfall erfahren haben und wie sie die folgenden schmerzhaften Wochen und Monate bewältigten. Solche Geschichten, so traurig und herzzerreißend sie auch sein mögen, „gehören erzählt“, ist Julien Schultes überzeugt. „Es muss doch dem Nächsten nicht so gehen wie mir. Es muss beim nächsten Mal anders werden. Und es wird ein nächstes Mal geben.“

Drei Fragen an Dr. Gregor Gysi, Anwalt des Nebenklägers Julien Schultes

Sie haben den Fall pro bono übernommen. Was macht ihn so besonders, dass Sie sich der Sache annehmen?
Den Fall habe ich übernommen, weil mir der Ehemann und die gesamte Familie der Getöteten in der Seele leidtun. Auf einen Tod nach langer Krankheit kann man sich irgendwie vorbereiten, auf einen Verkehrsunfall nicht. Es herrschte ein großes Glück, welches zerstört wurde.
Sehen Sie das deutsche Rechtssystem angemessen für derartige Fälle gewappnet? Welche Rolle darf das Leid der Hinterbliebenen spielen?
Die Höhe einer Strafe bestimmt sich immer nach der Art der Straftat und der Schwere der Schuld des Täters. Deshalb spielt das Leid der Hinterbliebenen immer nur eine begrenzte Rolle. Aber niemals werden Angehörige die Strafen als gerecht empfinden, die bei fahrlässigen Tötungen im Unterschied zu vorsätzlichen Tötungen ausgesprochen werden.
Wo sehen Sie Parallelen, wo Unterschiede zum Fall aus dem Jahr 2019, als ein Raser eine Frau tötete und wegen Mordes verurteilt wurde?
Es gibt einen Unterschied zwischen bedingtem Vorsatz und grober Fahrlässigkeit. Im ersten Fall nimmt man den Tod eines Menschen in Kauf, im zweiten Fall verletzt man grob Pflichten, ohne an den Tod eines anderen oder eigene Verletzungen oder gar an Selbsttötung zu denken. Juristisch ist und bleibt die Unterscheidung kompliziert.

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