Superintendent Schröder im Interview

Kirchenkreis Syke-Hoya muss Millionen einsparen

Dr. Jörn Michael Schröder, Superintendent im Kirchenkreis Syke-Hoya, vor der Syker Kirche.
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Dr. Jörn Michael Schröder, Superintendent im Kirchenkreis Syke-Hoya, vor der Syker Kirche.

Die Kirche steckt in der Krise. Während sich der Missbrauchsskandal vor allem auf die katholische Kirche konzentriert, eint sie mit der evangelischen Kirche der massive Mitglieder-Rückgang. Auf der jüngsten Synode des Kirchenkreises Syke-Hoya ging es daher vor allem um die Zukunft.

  • Der Kirchenkreis Syke-Hoya muss bis 2028 etwa drei Millionen Euro einsparen.
  • Superintendent Schröder möchte, dass Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen können und sorgt sich nicht um vakante Stellen.
  • Gottesdienste können mit neuen Formaten Erfolg haben und sind aus der Kirche nicht wegzudenken.

Wie kann der Kirchenkreis den Anschluss an die moderne Gesellschaft finden und gleichzeitig angesichts fehlender Kirchensteuern Millionen Euro einsparen? Superintendent Dr. Jörn-Michael Schröder stellt sich den drängendsten Fragen.

 Herr Schröder, lassen Sie uns einmal eine Zeitreise machen: Wie sieht der Kirchenkreis Syke-Hoya in zehn Jahren aus?
Was sich weiterentwickeln wird, ist eine Tendenz, die wir in den letzten zehn Jahren schon gesehen haben: Die sieben Regionen im Kirchenkreis werden eine noch stärkere Rolle spielen und immer enger zusammenarbeiten. Das wird sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Das kann soweit gehen, dass Pastorinnen und Pastoren nicht mehr für eine einzelne Kirchengemeinde, sondern mit anderen zum Beispiel für eine ganze Region zuständig sind. Sicher immer mit einem lokalen Zuschnitt, aber gleichzeitig sozusagen mit einem Standbein und einem Spielbein.
Da, wo wir das schon ausprobiert haben, zum Beispiel bei der Konfirmandenarbeit in Bruchhausen-Vilsen, haben wir gute Erfahrungen gemacht. Das erlaubt uns letztlich, die Einschnitte, die wir machen müssen, ein Stück weit zu kompensieren.
 Während oft der Vorwurf die Runde macht, die Kirche sei an vielen Stellen in der Zeit stehen geblieben, ist eines gewiss: Ihre Mitglieder werden immer älter. Wie wollen Sie die jungen Leute erreichen? Mit Gottesdiensten auf Youtube?
Durch das vergangene Jahr hat die Digitalisierung nochmal einen erheblichen Schub bekommen. Wir haben für die mediengerechte Ausstattung von Kirchen jetzt 200 000 Euro zurückgestellt. Das zielt zum Beispiel darauf ab, dass man dann Gottesdienste streamen kann. Wir haben gerade in der Corona-Zeit gemerkt, dass viele Menschen auch zuhause gerne Gottesdienste verfolgen wollen. Da haben wir teils höhere Besucherzahlen als in normalen Jahren. Das ist sicherlich ein Trend.
Für die Arbeit mit Kinder und Jugendlichen machen wir das jetzt auch schon. Die Diakone und Pastoren, die im Bereich der Jugendarbeit unterwegs sind, sind dann auch häufig auf Instagram oder Facebook unterwegs. Gleichzeitig muss man dazu sagen, dass es trotzdem das Interesse gibt, was zusammen zu machen und zu erleben. Da haben wir als Kirche besondere Formate. Wenn Sie an die Konfirmandenarbeit denken: Die läuft heute völlig anders ab als noch vor 30 Jahren. Das wird auch von den Jugendlichen geschätzt. Deswegen ist die Jugendarbeit ein Bereich, den wir trotz erheblicher Einsparungen nicht kürzen werden. Wir werden auch in Zukunft drei Jugenddiakone bei uns im Kirchenkreis haben.
Hätte der Digitalisierungs-Schub nicht schon früher kommen müssen?
Wir hatten immer schon Internetseiten, wo man sich über das Nötigste informieren kann. Darüber hinaus muss man sagen: Themen wie Sinnvermittlung, Seelsorge und Selbstverkündigung sind auf eine persönliche Präsenz angewiesen. Auch der Raum predigt mit. Ein Gottesdienst wirkt in einer Kirche völlig anders, als wenn sie ihn auf einer Wiese halten. Das strahlt auch auf die persönlichen Begegnungen aus. Wenn Sie in einer schwierigen Situation sind, dann können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Aber bei einer persönlichen Begegnung kriegt das nochmal eine ganz andere Tiefe. Deswegen wird Kirche neben den digitalen Formen auch immer die analoge Form brauchen.
Auch für die Digitalisierung braucht man allerdings Personal. Auf der jüngsten Kirchenkreissynode war die Rede von derzeit rund fünf vakanten Pfarrstellen.
 Wenn man von Personal spricht, denkt man immer schnell an Pastorinnen und Pastoren. Für die haben wir aktuell im Kirchenkreis 31,5 Stellen vorgesehen. Gleichzeitig haben wir aber auch zahlreiche Mitarbeiter. Wir werden sicher auch dazu kommen, dass Freiwillige Aufgaben übernehmen, die jetzt möglicherweise noch stärker von Pastoren wahrgenommen werden.
Ehrenamtliche sollen also in Zukunft die Aufgaben von Pastoren übernehmen?
 Naja, deren Aufgaben sind ja relativ breit gestreut. Das geht von pastoralen Dingen wie Seelsorge und Verkündigung bis hin zur Gestaltung des Gemeindebriefs. In allen Bereichen gibt es schon heute Engagierte, die diese Aufgaben wahrnehmen. Das wird sich sicherlich noch weiter verschieben. Pastoren werden dabei aber immer ansprechbar bleiben für besondere Situationen und Notlagen.
Noch mal zu den vakanten Pfarrstellen: Warum gibt es denn überhaupt Probleme, diese zu besetzen?
Es gibt keine Probleme, die zu besetzen. (lacht) Wir haben aus zwei Gründen derzeit Vakanzen: Einerseits wollen wir uns die Stellen im aktuellen Umstrukturierungsprozess noch einmal genau anschauen. Wenn alle Aufgabenfelder von Hauptamtlichen besetzt sind, gibt es keine Möglichkeit mehr für Ehrenamtliche, sich einzubringen. Deswegen haben wir gesagt: Wir besetzen das nicht sofort und schauen nochmal: Für was brauchen wir Pastoren und für was nicht?
Der zweite Aspekt: Wir wollen nicht Stellen besetzen, bei denen wir nicht wissen, ob wir sie im neuen Planungszeitraum des Kirchenkreises von 2023 bis 2028 auch halten können. Aktuell decken wir das zu einem hohen Anteil mit Springer-Pastoren ab. Wir wissen aber, dass wir da auf neue Strukturen zugehen müssen. Die entwickeln wir jetzt.
Braucht es mit Blick auf die Zukunft der Kirche auch Mitarbeiter mit neuen Kompetenzen – Mediengestalter zum Beispiel? Reicht das klassische Theologiestudium bald nicht mehr aus?
Die Pastorinnen und Pastoren sind weniger dafür da, das digitale Format an sich zu entwickeln, als vielmehr dazu, die Inhalte zu bringen. Da ist es schon ganz gut, wenn man eine gewisse Qualifikation hat. Daneben sehen wir jetzt, dass viele Pastoren – auch die älteren – über Social-Media-Accounts verfügen. Pastor Timo Rucks aus Harpstedt ist da zum Beispiel absolut auf dem Level der Zeit.
Wir haben schon Kompetenzen bei uns im Kirchenkreis. Und dort, wo sie fehlen, muss man schauen: Da spielen die Regionen dann vielleicht wieder eine Rolle. Ein Kollege, der das Thema gut beherrscht, könnte zum Beispiel in einer anderen Region aushelfen.
Der Kirchenkreis will sich modernisieren, gleichzeitig muss er zwischen 2023 und 2028 820.000 Euro einsparen ...
Das ist nicht ganz richtig. Im ersten Jahr müssen wir zwei Prozent einsparen, im zweiten Jahr kommen weitere zwei Prozent dazu – das baut sich so auf. Im letzten Jahr, also 2028, müssen wir dann 12,4 Prozent einsparen.
Also müssen Sie insgesamt noch viel mehr sparen?
Genau. Das Jahr, in dem wir mit 820 000 Euro am meisten einsparen müssen, ist 2028. Davor sind es weniger. Die Summe insgesamt ist deutlich höher und liegt kumuliert im Bereich von etwa drei Millionen Euro.
Und nach 2028?
Da wird es in gleicher Weise weitergehen. Bei uns waren es jetzt zwei Prozent pro Jahr. Ich denke, bei der Größenordnung wird es bleiben.
Wie wollen Sie denn dann den Spagat schaffen und parallel noch den Kirchenkreis modernisieren?
Da gibt es ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Uns ist dabei aber wichtig, dass wir eine personale Präsenz erhalten und einen festen Pastor haben, der für eine Gemeinde zuständig ist – unabhängig davon, ob er noch irgendwo anders Aufgaben übernimmt.
Man muss aber auch sehen: Wir verlieren ja Gemeindeglieder. Das ist auch der Grund, warum wir Stellen kürzen müssen. Aber: Die Zuständigkeit für die Zahl der Seelen wird sich gar nicht groß verändern. Es verändern sich nur die Zuschnitte.
 Corona, Klima, Wahlen, Urlaub: Das sind Themen, die Deutschland gerade bewegen. Alles Aspekte, die man nicht gleich mit der Kirche in Verbindung bringt. Wie kann diese trotzdem etwas zum Leben der Menschen beitragen?
Ein Thema, was den Kirchenkreis zum Beispiel derzeit beschäftigt, ist die Tafel in Syke. Das wird auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. In Syke sind wir viel im Bereich der Gemeinwesenarbeit unterwegs. Im Quartier in der Berliner Straße sind zwei unserer Mitarbeiter recht erfolgreich mit einem Projekt gestartet.
Stichwort Corona: Das hat auch etwas mit den Seelen der Menschen gemacht, es hat sie familiär in Drucksituation gebracht. Das ist ein Thema, das wir aus dem Bereich der Diakonie ganz stark rückgemeldet bekommen haben.
Gerade sozial schwächere Familien haben oft nur einen sehr kleinen Wohnraum zur Verfügung. Dort sind teils starke Belastungssituationen entstanden. Da war es gut, dass wir Mitarbeiter vor Ort hatten, die helfen konnten. Gerade im Bereich der Seelsorge hat es da auf jeden Fall eine Intensivierung der Anfragen gegeben. Das habe ich schon wahrgenommen, dass Kirche da auch als ein Ansprechpartner gesucht worden ist in dieser Zeit.
Veranstaltungen ohne starken Bezug zur Kirche, etwa Chorproben oder Talkrunden, sind häufig stärker besucht als klassische Gottesdienste. Sind Letztere schlicht nicht mehr zeitgemäß?
So würde ich es jetzt nicht sagen. Wir haben sehr unterschiedliche Gottesdienst-Formate die sehr unterschiedlich besucht sind. Schauen Sie zum Beispiel auf die Formate im sogenannten Zweiten Programm wie zum Beispiel Kreuz und Quer in Vilsen, Go!sieben in Stuhr-Seckenhausen oder der Baustellen-Gottesdienst in Harpstedt: Da kommen zum Teil 250 Leute am Sonntag. Gleichzeitig gibt es sicherlich klassische Agende-Gottesdienste, die sehr wenig besucht sind.
Ich würde den Gottesdienst aber nicht isoliert betrachten, sondern sagen: Wir haben verschiedene Formen, wo Menschen mit Themen des Glauben und der Sinndeutung in Berührung kommen. Der Gottesdienst ist da ein Baustein. Es gibt aber auch Gruppen, Gesprächskreise und Chöre: Die sind ein anderer Baustein. Ich glaube, es ist gut, dass wir diese Palette an verschiedenen Möglichkeiten haben. Das würde ich jetzt auch nicht verschlanken, indem ich sage, wir suchen uns jetzt nur erfolgreiche Formate raus.
Der Gottesdienst hat also eine Zukunft?
Ja, ich denke schon. Aber in der veränderten Form, die er jetzt schon angenommen hat. In vielen Gemeinden gibt es kaum mehr klassische Agenda-Gottesdienste. Es gibt junge Konfirmationen, gemeinsame Gottesdienstfeiern mit Zielgruppen wie der Feuerwehr. Man geht raus in die Natur zum Waldgottesdienst. Es gibt musikalisch gestaltete Gottesdienste. In Bassum wurde etwa jüngst mit einem musikalisch hochwertigen Gottesdienst das 50-jährige Bestehen der Kantorei gefeiert. Da war die Kirche unter Coronabedingungen maximal gefüllt. Insofern muss man sehen: Es gibt noch Gottesdienste, die ganz stark frequentiert sind und es gibt Gottesdienste, die man Schwarzbuch-Gottesdienste nennen könnte, weil da nur Menschen kommen, für die das ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Ich glaube, wir brauchen die Balance der verschiedenen Angebote.
Wäre es mit Blick auf die angespannte finanzielle Lage nicht eher der richtige Weg, sich gesundzuschrumpfen, statt auf Biegen und Brechen Neues umzusetzen?
In einer bestimmten Form passiert das schon. Abgesehen vom Gottesdienst, den ich da mal ausklammern würde, da er für Kirche ein stückweit identitätsbildend ist, gilt: Angebote, die nicht wahrgenommen werden, werden eingestellt.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wir haben 28 Kirchengemeinden. Was in der einen Gemeinde nicht läuft, kann ich der anderen super laufen. Wir haben zum Beispiel Stadtrandgemeinden wie Syke, Weyhe oder Bassum, aber auch ländliche Kirchengemeinden wie etwa Wechold-Eitzendorf-Magelsen. Da herrscht teils eine ganz andere Art von Verbundenheit. So gibt es auf dem Land etwa Angebote, die in Weyhe oder Syke nicht mehr funktionieren würden. Dafür ziehen dort andere Themen stark, wie etwa das digitale Format „Brot und Rosen“ in Weyhe.
Vielleicht noch einmal zurück zu den Ursachen für den Mitgliederschwund: Glauben Sie, dass die Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auch zu Austritten bei Ihnen geführt hat?
Ja, ich glaube, das kann man schon sagen. Da werden wir sicherlich auch für Dinge verhaftet, die nicht in der evangelischen Kirche passiert sind, sondern bei unseren katholischen Brüdern und Schwestern. Das geschieht sicherlich, dass da manchmal wenig differenziert wird und manche sagen: Ihh, Kirche!
Wie begegnen Sie diesen Austrittsgesuchen?
(überlegt lange) Ich glaube, man kann ihnen in der Weise begegnen, als dass man sagt, dass diese Dinge nur in bestimmten Bistümern passieren – auch nicht in allen. Die sind ja, was Aufarbeitung und Prävention betrifft, teils auch unterschiedlich unterwegs. Was man sicher machen kann, ist, dass man sich bemüht, gerade bei dieser Frage eine transparente und gute Arbeit zu machen. Dass man seine Mitarbeiter im Bereich Kinder- und Jugendarbeit schult und eine erkennbare Strategie bei Fällen hat, falls sie denn auftreten. Dass man einen konkreten Umgang mit den Tätern hat und diese auch anzeigt. Dass man versucht, eine Kultur zu entwickeln, die für die Opfer von Missbrauch angemessen ist und von ihnen auch nachvollzogen werden kann. Dass man Standards hat. Ich glaube, das ist die Form, wie man dem begegnen kann. Dass dann nicht jeder Außenstehende das differenziert wahrnimmt, damit muss man, glaube ich, auch ein stückweit leben.
Zum Abschluss vielleicht nochmal ein Blick in die Zukunft: Angenommen, Sie hätten unbegrenzte finanzielle und personelle Mittel und den Auftrag, den Kirchenkreis Syke-Hoya einen entscheidenden Schritt in die Zukunft zu bringen. Was würden Sie tun?
Ich würde mehr Angebote für Partizipation schaffen. Wir sollten als Kirche Räume kreieren, bei denen Menschen das Gefühl haben: Da komme ich drin vor mit dem, was ich will. Mit dem, was ich für die Menschen vor Ort einbringen will. Mit dem, was ich für mich suche. Mit meinen Sinnfragen. Mit meiner Lust, mit anderen in Kontakt zu kommen. Kirche sollte Menschen nicht nur Angebote machen, sondern auch fragen: Was willst du? Sie sollte Netzwerke und Räume schaffen, wo man diese Wünsche realisieren kann. Das ist meine Vorstellung der Kirche der Zukunft. Und das ist, glaube ich, auch unser Weg unabhängig davon, wie viel Geld wir haben.

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