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„Ich hab immer gesagt: Da will ich wieder hin“

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Von: Michael Walter

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Geradezu sehnsüchtig blickt Anita Messing auf ihren noch nicht fertigen Balkon im Wohnpark an der Waldstraße 9. Fast zwei Jahre nach dem verheerenden Brand kann sie wieder in ihre alte Wohnung zurück.
Geradezu sehnsüchtig blickt Anita Messing auf ihren noch nicht fertigen Balkon im Wohnpark an der Waldstraße 9. Fast zwei Jahre nach dem verheerenden Brand kann sie wieder in ihre alte Wohnung zurück. © Michael Walter

Anita Messing zieht zwei Jahre nach dem Brand im Wohnpark Waldstraße wieder in ihre alte Wohnung ein.

Syke – Sehnsüchtig blickt die kleine alte Frau aus dem Fenster auf das, was mal ihr Balkon gewesen ist – und es wieder werden soll. Von jetzt auf gleich hatte sie ihre Wohnung verlassen müssen. Damals, als es im Wohnpark an der Waldstraße gebrannt hatte. Fast zwei Jahre ist das her. Das hätte sich Anita Messing damals auch nicht träumen lassen. Aber jetzt zieht sie gerade wieder zurück in ihre alte Wohnung. Und das ist in ihrem Alter keinesfalls mehr selbstverständlich. „Ich bin 100 – und elf Monate“, betont Anita Messing mit einem kleinen schelmischen Mädchengrinsen.

Am 22. April 2020 war durch ein defektes Elektrogerät eine Wohnung im Obergeschoss des Hauses in Brand geraten – und kurz darauf stand der ganze Gebäudetrakt in Flammen. Alle 62 Bewohner konnten unverletzt evakuiert werden – mussten aber anderweitig untergebracht werden.

Anita Messing war eine von ihnen. „Als ich die Sirenen hörte, hatte ich noch gedacht, das wäre nur ein Probealarm“, erinnert sie sich. „Aber dann stand plötzlich eine Pflegekraft im Zimmer und rief nur: raus, schnell, schnell. Sie haben mich dann die Treppe runtergebracht. Erst als ich draußen stand, hab ich gesehen, dass es brennt. Dabei war das direkt bei meiner Wohnung um die Ecke.“

Ihr jüngerer Sohn Bernd war von Bekannten auf die Nachricht vom Brand im Seniorenwohnpark aufmerksam gemacht worden: „Ist das nicht bei Deiner Mutter? Ich hab versucht, sie anzurufen, kriegte aber keine Verbindung. Ich hab mich sofort aufs Moped gesetzt und bin hergefahren. Die Polizei wollte mich erst gar nicht durchlassen“, erzählt er.

„Hoffentlich kannst du gleich wieder in deine Wohnung“, hatte Anita Messing sich gedacht, als sie und die anderen Senioren von den Rettungskräften ins benachbarte Lokal Oregano gebracht wurden. „Aber dann hatten sie uns schon mit dem Bus abgeholt. Da war mir klar: So schnell komme ich da wohl nicht mehr hin.“

Provisorisch wurde Anita Messing zunächst im damals leer stehenden Altenheim in Bruchhausen-Vilsen untergebracht. Und von dort ging es für sie in ein Seniorenheim in Rotenburg. Ihre Söhne beschreiben die Situation dort im Grunde wie im Knast – ohne dass sie der Einrichtung damit einen Vorwurf machen möchten. „Das Zimmer war sehr klein, sehr eng und sehr einfach ausgestattet“, sagt der ältere Sohn Werner. „Außerdem war das mitten in der ersten Corona-Welle. Das heißt, sie durfte dort nicht raus und wir durften nicht rein. Dafür kann niemand was! Aber wir haben gemerkt, wie sie von Woche zu Woche weiter abgebaut und den Lebensmut verloren hatte. Und da war uns klar: Sie muss da so schnell wie möglich wieder raus.“

Beim jüngeren Sohn Bernd war Platz im Haus; Er räumte das Wohnzimmer im Erdgeschoss und überließ es seiner Mutter. Der Pflegedienst übernahm die ambulante Versorgung. Es sollte ja nur vorübergehend sein. Fast zwei Jahre sind es geworden.

Mit fast 101 noch mal ein Umzug: Für Anita Messing ist es ziemlich anstrengend, sich ihr Appartement wieder einzurichten. Ihre Söhne Bernd (links) und Werner stehen ihr dabei zur Seite.
Mit fast 101 noch mal ein Umzug: Für Anita Messing ist es ziemlich anstrengend, sich ihr Appartement wieder einzurichten. Ihre Söhne Bernd (links) und Werner stehen ihr dabei zur Seite. © Walter, Michael

Anita Messing stammt aus einer Eisenbahnerfamilie: In Nordholz ist sie zur Welt gekommen. Als sie zwei Jahre alt war, zog die Familie um nach Bremerhaven. „Mein Vater war da bei der Bahn und kriegte dort ein Haus“, erzählt sie. Mit 14 kam sie aus der Volksschule und besuchte danach die Hauswirtschaftsschule, die sie als Jahrgangsbeste abschloss. Eine dreijährige Lehre als Schneiderin und Pelznäherin schloss sich an. 1949 hat Anita Messing dann geheiratet. Ihr Mann Ernst war ebenfalls bei der Bahn: als Schienenbauer. Später sattelte er um und wurde Busfahrer. „Ich habe dann selbstständig zu Hause gearbeitet“, erzählt sie. Und dann kam 1951 das erste Kind. Werner. 1960 folgte Bernd. „Da hab ich natürlich nicht mehr gearbeitet. Da hatte ich auch gar keine Zeit zu.“

1995 zogen Anita und Ernst Messing in eine kleinere, behindertengerechte Wohnung in Oldenburg. Da war ihr Mann schon krank. Sie pflegte ihn bis zu seinem Tod 2017. „Ich war dann alleine da und fühlte mich nicht mehr wohl“, erzählt sie. Und damit ging die Suche nach einer Alternative los.

„Betreutes Wohnen war in Oldenburg nicht zu bezahlen“, erzählt Sohn Bernd. Über Umwege erfuhren die beiden Brüder: In Syke war eine Wohnung im Wohnpark an der Waldstraße frei. Sie war finanziell machbar. „Und mir hat’s gleich gefallen“, sagt Anita Messing.

Ein Flur, der noch renoviert wird
Die Handwerker werden noch Wochen und Monate brauchen, bis der Wohnpark an der Waldstraße 9 vollständig wieder hergerichtet ist. Der Ambulante Hauspflegeverbund Syke (AHS) rechnet als Pächter mit dem Abschluss der Innenarbeiten im April oder Mai. © Walter, Michael

Alles schien perfekt, bis der Brand von 2020 dem ein jähes Ende bereitete. „Als wir dann in Bruchhausen-Vilsen untergebracht waren, habe ich mir schon gedacht, dass es schlimmer gebrannt haben muss. Mein Sohn hat mir dann bald darauf erzählt, dass in Syke erst alles wieder neu aufgebaut werden muss. Aber ich hab gleich gesagt: Ich will da wieder hin.“

Und jetzt ist sie da. Bis das Gebäude komplett fertig ist, gehen noch wochen- und monatelang die Handwerker ein und aus. Auch Anita Messings Wohnung ist noch lange nicht komplett eingerichtet. Die meisten Möbel werden erst noch geliefert. Und von ihrem persönlichen Hausrat ist nicht mehr viel übrig. „95 Prozent sind verbrannt“, schätzt Werner. „Inklusive ihrer persönlichen Dokumente und aller Erinnerungsstücke.“

Ein Handwerker verputzt ein Treppenhaus
Die Handwerker werden noch Wochen und Monate brauchen, bis der Wohnpark an der Waldstraße 9 vollständig wieder hergerichtet ist. Der Ambulante Hauspflegeverbund Syke (AHS) rechnet als Pächter mit dem Abschluss der Innenarbeiten im April oder Mai. © Walter, Michael

Anita Messing nimmt’s gelassen. „Jetzt bin ich froh, dass ich wieder hier bin“, sagt sie und blickt aus dem Fenster auf ihren Balkon. „Vielleicht hab ich ja noch ein bisschen Zeit.“

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