Drei Profis berichten

Detektive und die Frage: Ist der Mitarbeiter im Homeoffice oder im Ferienhaus?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Arbeitet der Mitarbeiter zuhause im Homeoffice oder legt er die Beine hoch und macht es sich auf dem Sofa gemütlich?
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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Arbeitet der Mitarbeiter zu Hause im Homeoffice oder legt er die Beine hoch und macht es sich auf dem Sofa gemütlich?

Erledigt der Mitarbeiter seine Aufgaben am Schreibtisch, oder sitzt er gemütlich mit Freunden zusammen, ist ins Ferienhaus gefahren oder macht alles Andere, aber kein Homeoffice? Was Gewissheit bringen könnte? Ein Privatdetektiv. Einige Unternehmen setzen Ermittler in der Coronavirus-Zeit ein. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erklären drei Detektive, ob sie in den vergangenen Monaten mehr Aufträge bekommen haben.

Landkreis Diepholz – Über zu wenig Aufträge kann sich Privatdetektiv Marcus Lentz von der gleichnamigen Detektei nicht beschweren. 342 Corona-Aufträge, wie er sie nennt, haben seine Mitarbeiter und er bundesweit bislang in diese Jahr (Stand Ende Oktober) bearbeitet. Dazu zählen unter anderem Schwarzarbeit bei Kurzarbeit und Arbeitszeitbetrug im Homeoffice.

Solch ein Fall habe sich kürzlich im Raum Vechta ereignet. Ein Außendienstmitarbeiter für zahnmedizinische Produkte hat im Homeoffice gearbeitet. „Eigentlich hätte er von 8 bis 17.30 Uhr mit Zahnarztpraxen telefonieren sollen und die Gerätschaften und Leistungen seines Arbeitgebers verkaufen sollen. Er hat an allen Tagen, an denen wir ihn observiert haben, spätestens um 11 Uhr die Wohnung verlassen und an einer Gartenneuanlage seines Bruders und seiner Schwägerin mitgearbeitet.“ Seinem Chef habe er aber jeden Tag bis 17.15, 17.20, 17.45 Uhr einen Arbeitszeitnachweis geschickt, „was klipp und klar gelogen war“, so Lentz. „Das ist Arbeitszeitbetrug. Das ist ein Straftatbestand und der führte dann auch dazu, dass dem Außendienstmitarbeiter fristlos gekündigt wurde.“

Länge der Corona-Observierung hängt vom Einzelfall ab

Seit 1995 besteht die Hauptzentrale in Frankfurt am Main. Bundesweit beschäftigt Lentz 51 Mitarbeiter. „Wir haben Niederlassungen in Hannover und Bremen.“ Über diese beiden Betriebsstätten decken zwölf Mitarbeiter den Landkreis Diepholz mit ab.

Wie lange eine Person observiert wird, hänge vom Einzelfall ab. „Bei Arbeitszeitbetrug im Homeoffice genügen manchmal schon drei, vier Tage, um einen Überblick zu bekommen.“ Bei anderen Fällen könne es bis zu zwei Wochen dauern. „Wenn wir jemanden im Homeoffice observieren und feststellen: Der arbeitet wirklich – dann hören wir auf.“

Laut Lentz muss es ein berechtigtes Interesse, also einen klar nachweisbaren Anfangsverdacht geben. „In dem Fall waren es stark sinkende Umsätze dieses Außendienstmitarbeiters.“ Fünf bis zehn Prozent weniger Umsatz seien normal gewesen, „nur bei ihm waren es knapp 55 Prozent. Und das kam dem Chef komisch vor.“ Daraufhin hätte er stichprobenartig bei Zahnarztpraxen angerufen, die ihm bestätigt haben, dass der Mitarbeiter nicht bei ihnen angerufen hätte. Es hätte aber, so Lentz, auch sein können, dass etwa ein Zahnarzthelfer vergessen haben könnte, die Telefonate weiterzuleiten. „Man muss ja immer davon ausgehen: im Zweifel für den Beschuldigten.“ Um Klarheit zu bekommen, habe der Chef die Detektei eingeschaltet.

Drei bis fünf Detektiven sind pro Zielperson im Einsatz

31 Unternehmen hat seine Detektei seit März in der Region betreut. Wie läuft eine Observation ab? Eine mobile Observationsgruppe bestehe aus drei bis fünf Detektiven pro Zielperson. „Unter Umständen wird ein Observationsbus eingesetzt, das hängt stark von den Örtlichkeiten ab“, erklärt Lentz.

Die Kollegen stünden in Funkverbindung. Ein leeres, mit Kameras ausgestattetes Einsatzfahrzeug stehe in Sichtweite zum Haus, sodass in direkter Nähe keiner gesehen wird, „man will ja auch nicht beim Nachbarn auffallen“. Dann dokumentiere die Gruppe, was passiert und was die Person macht. Wenn jemand alle zehn Minuten eine Zigarette raucht oder einen Kaffee trinkt, dann aber wieder ins Homeoffice, „dann gehen wir davon aus, der arbeitet“. Das gebe die Gruppe dem Auftraggeber so weiter.

Lentz nennt ein weiteres Beispiel: „Wenn der Mitarbeiter statt um 8 erst um 8.10 Uhr anfängt und statt um 17.30 schon um 17.10 Uhr aufhört, da sage ich immer: Vielleicht hat er auch eine kürzere Mittagspause gemacht oder er braucht vielleicht einfach mal den Kopf frei.“ Da solle man die Kirche im Dorf lassen.

Generell findet er: „Wer keinen Dreck am Stecken hat, hat auch vor Detektiven nichts zu befürchten. Wir dokumentieren nur exakt, was passiert ist. Wir dichten nichts hinzu, wir lassen nichts weg. Wir sind wie die Schweiz, wir sind wertneutral. Unser Honorar ist nicht von einem bestimmten Ergebnis abhängig.“ Arbeitgeber und Arbeitnehmer seien für die Unternehmenskultur verantwortlich. Man könne dem Chef nicht vorwerfen, in seinem Unternehmen herrsche eine schlechte Unternehmenskultur, aber ihn gleichzeitig betrügen, findet der Privatdetektiv.

In 90 Prozent der Fälle bestätige sich die Vermutung des Arbeitgebers. „Das hat etwas damit zu tun, dass wir nur die Fälle kriegen, wo schon ein starker Anfangsverdacht besteht“, erklärt Lentz. „Das Highlight waren zwei Stunden, wo jemand gearbeitet hat – von 40.“ Dass Mitarbeiter zehn bis 15 Stunden weniger arbeiten, würden die Detektive häufig dokumentieren. Der Arbeitnehmer wolle doch auch das volle Gehalt vom Chef bekommen, der Chef habe das Recht auf volle Arbeitsleistung.

Auch Quarantäne-Vorschriften werden von Detektiven überprüft

Lentz berichtet ebenfalls von Fällen, wo Mitarbeiter die Quarantäne-Vorschriften nicht eingehalten und in dieser Zeit „alles Mögliche“ gemacht hätten. In einem Fall ist ein Mitarbeiter, der geschäftlich aus einem Risikogebiet kam, ins Ferienhaus nach Österreich gefahren. Dadurch habe er sich und andere „grob fahrlässig“ gefährdet, und ist das Risiko eingegangen, „sich selbst anzustecken und auch die ganze Belegschaft anzustecken“.

Vladyslav Muzyka hat im Landkreis Diepholz aktuell keinen Auftrag bekommen, bei dem er Mitarbeitern hinterherspionieren soll. Seit Juli 2019 betreibt er seine Detektei MV Detektei & Sicherheitsdienst in Weyhe. Seine Mitarbeiter operieren bundesweit. „Wir haben ja nicht nur die Detektei, sondern auch einen Sicherheitsdienst. Wir machen auch generell Einlasskontrollen im Einzelhandel.“ Seit Februar sei die Nachfrage nach Sicherheitskontrollen gestiegen. Die Mitarbeiter kümmern sich unter anderem darum, dass die Kunden die Maskenpflicht sowie die Abstände einhalten. Muzyka betont, dass es schon vor der Corona-Krise Anfragen bezüglich Überwachung von Mitarbeitern gegeben habe. Als Beispiel nennt er Arbeitnehmer, die sich haben krankschreiben lassen, stattdessen aber Urlaub gemacht haben. Ein Fall aus Süddeutschland ist ihm in Erinnerung geblieben. „Eine Person hat sich über mehrere Wochen krankschreiben lassen. Das hat sich über ein, zwei Jahre gestreckt. Es hat sich dann herausgestellt, dass die Person nicht wirklich krank war.“

Was für einen Verdacht könnte der Arbeitgeber haben? „Ein Verdacht kann aufkommen, wenn die merken, dass sich jemand häufig krank meldet, und dann sind es oft auch komische Krankheitsfälle. Die Arbeitgeber merken auch, da stimmt irgendwas nicht, die haben ja auch ein bestimmtes Bild von den Mitarbeitern.“

Peter Koch ist seit 37 Jahren Privatdetektiv. Seit 1991 hat er eine Detektei in Stuhr. „Wir haben keine Aufträge in dieser Art“, sagt er. „Unsere Hauptarbeit sind die Kauf- und Ladendetektive.“ Private Ermittlungen würden nebenbei laufen. Er nennt ein Beispiel: „Das Klassische, ob Mann oder Frau noch Partner nebenbei haben.“ Seine 30 Mitarbeiter sind in Norddeutschland im Einsatz. Um einen Auftrag anzunehmen, müsse vorher ein Tatbestand bestehen, erklärt Koch.

„Drei Fragen an“: Was ist erlaubt?

Fragen an Alexandra Kaltenbrunn, Fachanwältin für Arbeitsrecht

Wann darf ein Arbeitgeber seinen Mitarbeiter, der im Homeoffice ist, von einem Detektiv überwachen lassen?

Das ist nur möglich bei einem dringenden Verdacht. Eine anlasslose Überwachung eines Arbeitnehmers im Home-Office ist rechtlich nicht erlaubt. Der Arbeitgeber muss schon einen konkreten Verdacht einer schweren Pflichtverletzung haben, damit eine Überwachung durch einen Detektiv angemessen ist. In jedem Fall muss ein Arbeitgeber immer beachten, ob die Einschaltung eines Detektivs verhältnismäßig ist.

Wie finden Sie es, wenn ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter überwachen lässt?

Ich finde es zu hart. Da würde ich es vorher mit anderen Mitteln versuchen. Ich würde erst mal das Gespräch suchen, bevor ich eine Detektei einschalte. Ein Beispiel, wann Zweifel an einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegen: In einem Fall war es so, dass ein Arbeitnehmer, der krankgeschrieben war, noch weiter gearbeitet hatte und der Arbeitgeber Zweifel an der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hatte. Aus diesem Grund hat er einen Detektiv angeheuert und es wurde festgestellt, dass der Arbeitnehmer, der arbeitsunfähig geschrieben war, tatsächlich während seiner Krankschreibung weitergearbeitet hatte. Er hat seine Krankheit also nur vorgetäuscht. Hier konnte der Arbeitgeber die Auswertungen verwenden, um das Arbeitsverhältnis zu kündigen.

Was kann der Arbeitgeber erreichen, wenn er von der Detektei klare Beweise erhält?

Grundsätzlich will dann ein Arbeitgeber wissen, wie er sich von dem Arbeitnehmer trennen kann. Grundsätzlich muss abgewogen werden, ob zunächst eine Abmahnung ausgesprochen werden muss. Wenn der Pflichtverstoß allerdings so gravierend ist, kann auch eine verhaltensbedingte Kündigung erklärt werden. Im äußersten Fall kann sogar eine außerordentliche Kündigung ausgesprochen werden.

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