Ilse Zelles Vorfahre Karl Knaake ist der Begründer der Weimarer Luther-Ausgabe

Ein Luther-Besessener mit dem gewissen Etwas

+
Karl Knaake

Syke - Von Michael Walter. Mit Spurensuche hat sich Ilse Zelle quasi zeitlebens beschäftigt. Als Lehrerin hatte sie unter diesem Titel 20 Jahre lang mit ihren Schülern Projektarbeit über die Judenverfolgung im Dritten Reich geleistet. Jetzt ist sie pensioniert und arbeitet an einer Spurensuche privater Natur.

Ilse Zelle schreibt eine Biografie über ihren Vorfahren Karl Knaake, der wesentlich zur Forschung über Martin Luther beigetragen hat und heute fast völlig in Vergessenheit geraten ist.

Ihr Urgroßvater väterlicherseits lebte von 1835 bis 1905, war Pastor und hat nebenberuflich als Religions- und Literaturwissenschaftler die kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers begonnen. „Ein Werk, das Generationen von Forschern beschäftigt hat“, unterstreicht Zelle die Dimension. „Herausgekommen ist dabei die 127 Bände umfassende Weimarer Luther-Ausgabe.“ Den ersten Band hat Karl Knaake 1883 zum 400. Geburtstag Martin Luthers selbst veröffentlicht. Der letzte Band erschien 2009.

Insgesamt vier Bände hat Knaake selbst verfasst. Er hat buchstäblich jede freie Minute und sein gesamtes Geld dafür verwendet, um möglichst alle Schriften Luthers zu sammeln, zu katalogisieren, zu kommentieren und zu veröffentlichen. Welcher Aufwand dahinter steckt, lässt sich heute kaum vorstellen. Ilse Zelle gibt ein Beispiel: „Es gibt von jeder Lutherschrift x verschiedene Drucke und Varianten. Mein Urgroßvater hat sie gesammelt, verglichen, die Veränderungen untersucht und versucht, die jeweils ursprünglichste Fassung herauszufinden. Da steckt schon ein gewisser Fanatismus hinter.“

Die Idee dazu hatte Knaake bereits während seines Theologiestudiums in Berlin. Später als Kadettenpfarrer in Potsdam (1864-1881) baute er seine erste Sammlung von etwa 2000 Luther- und Reformationsschriften auf, die er unter anderem durch Nachhilfestunden finanzierte. Danach arbeitete er quasi mit einem staatlichen Forschungsauftrag weiter und übernahm eine Stelle als Dorfpfarrer in Drackenstedt bei Eisleben.

Heute ist Karl Knaake praktisch unbekannt. „Wäre ich nicht zufällig in die Familie hineingeboren, hätte ich mit Sicherheit auch nie etwas über ihn erfahren“, sagt Ilse Zelle. „Seine Bücher standen immer bei meinem Bruder rum. Aber ich hatte früher nie die Zeit, mich damit zu beschäftigen. Bei meiner Pensionierung habe ich mir dann gesagt: Entweder mache ich das jetzt, oder es macht gar keiner.“

Und was hat sie dabei herausgefunden? Was für ein Mensch war dieser Karl Knaake? – „Gute Frage“, sagt Ilse Zelle. „Als Mensch ist er mir immer fremd geblieben. Er hat ausschließlich für seine Studien gelebt. Ich habe auch kaum etwas über sein Privatleben herausgefunden. Es gibt ein vierseitiges handgeschriebenes Abiturzeugnis, das ein bisschen über seinen Charakter verrät, und einen Brief seiner Frau an Freunde, in dem sie einen gemeinsamen Urlaub absagt, weil er keine Zeit hatte. Alles andere dreht sich um die Interpretation von Luthertexten: Ob da ein Punkt oder ein Semikolon hingehört.“ Sie ist sich aber sicher: „Er muss was gehabt haben, womit er bei Menschen gut angekommen ist. Es haben sich viele Türen für ihn geöffnet. Das wäre nicht passiert, wenn er ein Stinkstiefel gewesen wäre.“

Rund 100 Druckseiten umfasst Ilse Zelles Biografie. Zwei Jahre lang hat sie daran gearbeitet. Jede freie Minute, so wie ihr Vorfahre? „Fast“, sagt sie und lacht: „Ein paar Parallelen sind vorhanden. Aber ganz so schlimm ist es nicht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Bilder: Deutsche Frauen holen Sieg gegen Italien

Bilder: Deutsche Frauen holen Sieg gegen Italien

Eskalation: Palästinenser brechen Kontakte zu Israel ab

Eskalation: Palästinenser brechen Kontakte zu Israel ab

DFB-Frauen auf Kurs EM-Viertelfinale: 2:1 gegen Italien

DFB-Frauen auf Kurs EM-Viertelfinale: 2:1 gegen Italien

Tritt Prinz George in die Fußstapfen seines Vaters? 

Tritt Prinz George in die Fußstapfen seines Vaters? 

Meistgelesene Artikel

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Kommentare