Idil Baydar überzeugt im Gleis 1 mit sozialsatirischer Gratwanderung

Mit Klischee und Keule

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Idil Baydar – hier als Integrations-Albtraum Jiset Ayse – nennt das, was sie macht, selbst „Sozialsatire“.

Syke - Von Michael Walter. „Das war heute mein Erstlingswerk, was ihr hier gesehen habt. Alles hat noch ein bisschen gehakt und ein bisschen geholpert.“ Idil Baydar gab sich selbstkritisch am Ende ihres Auftritts am Freitag Abend im Gleis1. „Aber im nächsten Jahr“, versprach sie ihrem Publikum, „komm ich zurück als Profi!“

Ein bisschen übertrieben hat sie dabei schon. Zwar ist „Deutschland, wir müssen reden“, tatsächlich ihr erstes Solo-Programm. Aber immerhin ist sie damit schon seit September auf Tour.

In der Tat ist Idil Baydar allerdings so etwas wie eine künstlerische Spätstarterin. Andere denken mit 40 darüber nach, kürzer zu treten oder sich ganz von der Bühne ins Privatleben zurückzuziehen. Und sie ist eine Quereinsteigerin: Ihre Bühnenfiguren hat sie für ihren Youtube-Kanal erfunden, auf dem sie seit 2011 Videos einstellt.

Da wäre einmal Jilet Ayse: 18 Jahre, Neukölln, asozial und bildungsfern, aber alles andere als dumm. Und „Deutschlands Integrations-Albtraum“, so Ayse über Ayse. Sie ist es, die den Namen des Programms prägt. Denn irgendwo hat sie gehört: Die Deutschen sterben aus. Und deshalb hat sie Redebedarf. „Weil: Wer zahlt mir dann mein Hartz Vier?“ Und deshalb setzt sie alles daran, dass die Deutschen wieder mehr Kinder machen. Mit den Leuten in der ersten Reihe fängt sie an. Ideale Opfer. Was sitzen die auch so weit vorn?!

Jilet Ayse hat das Problem schnell ausgemacht: Der deutsche Mann ist einfach zu langsam. „Da waren schon acht Hamoudis auf der Petra, bevor ein Michael überhaupt nur Hallo sagt.“ Die deutsche Frau hat indes die Sache mit der Emanzipation falsch verstanden. „Bei uns ist Emanzipation, wenn der Mann den ganzen Tag arbeitet und alles Geld zuhause abgibt. Ihr glaubt, türkische Männer sitzen den ganzen Tag im Café, weil sie Machos sind? Falsch! Das ist Asyl! Weil wir Frauen sagen: Geh aus dem Haus, triff deine Freunde und sprich über die Weltherrschaft. Aber geh mir nicht auf die Nerven.“

Die deutschen Frauen haben dagegen viel mehr Stress, und deshalb kriegen sie Kinder mit schlechter Qualität:Laktose-Intoleranz, Brillenschlangen und Vegetarier. „Wir machen auch Kinder mit schlechte Qualität, aber wir machen viele! Wenn von 17 drei normal sind: Jackpot!“

Auf diese Weise lässt sich herrlich mit Klischees spielen. Immer hart am Rand, aber nie drüber hinaus.

Die Keule holt Idil Baydar nach der Pause raus. Dann in Gestalt der Rentnerin Gerda Grischke. Die hat nämlich überhaupt nichts gegen Ausländer, „aber...!“

Und diese Gerda Grischke ist so echt, da wird einem ganz unheimlich. In ihrem heiligen Pegida-Zorn. „Ick hab ooch Sorgen, nich imma bloß die Auslända!“ Rassistisch ist sie nicht. Nie! Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt. Und diese ganzen Molukken, diese Schwarzköppe, det sind eenfach zu viele. Die werden ja auch alle schon kriminell jeboren. Deshalb wäre sie ja auch für Kennzeichnung. Nur so, zur Orientierung...

Schlusspunkt: Ein Video. Baydar trägt ein Gedicht vor, in dem es um diesen leidigen Teufelskreis von falsch verstandener Ehre und Gewalt geht. Sehr intensiv. Und beklemmend.

Quasi als Epilog kommt sie dann noch einmal auf die Bühne. Diesmal als Idil. „Ich habe nämlich einen kleinen Auftrag“, sagt sie. „Ich will, dass wir übereinander lachen können: Du Kartoffel, hahaha! Du Kanake, hahaha!“

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