Zum Tod von Edgar Deichmann (102) 

„Ich möchte ein Weltbürger sein, frei von Hass und Neid“

Edgar Deichmann 2006 in Syke im Rahmen des Festakts zur Würdigung seiner Ehrenbürgerschaft. - Foto: Voges

Syke - Von Stadtarchivar Hermann Greve. Sykes Ehrenbürger Edgar Deichmann ist am 5. Juli in São Paulo im hohen Alter von 102 Jahren verstorben. Die Stadt Syke verliert mit ihm einen Freund, der sich durch sein Engagement für Versöhnung und Humanität um seinen Heimatort Syke verdient gemacht hat.

Als ihm die Stadt am 31. Mai 2006 die Ehrenbürgerrechte verleiht, schließt sich ein Lebenskreis. „Es hat eine Weile gedauert, bevor ich wieder gern in meine alte Heimat nach Syke gekommen bin“, betont der damals 93-Jährige in seiner Dankesrede. Zwei Jahrzehnte zuvor, als das Schicksal der hiesigen jüdischen Gemeinde bestenfalls ein öffentliches Rand-Thema war, schrieb er in einem Brief an das Stadtarchiv: „... dass eine Stadt seine früheren Mitbürger, die elend im KZ umgekommen sind, einfach abgeschrieben hat, zeugt davon, dass sich in Syke in Bezug auf seine früheren jüdischen Einwohner nichts geändert hat, oder man müsste mich vom Gegenteil überzeugen.“

Für den ehemaligen Syker ist es eine späte Genugtuung, als in den 1990er-Jahren am Rathaus ein Mahnmal errichtet wird, das an die ermordeten, verschollenen und in den Tod getriebenen jüdischen Männer, Frauen und Kinder erinnert.

„Man hat versucht, uns die Würde zu nehmen“, sagt er einmal in einem Interview über das Deutschland der Jahre 1933 bis 1945, „aber gelungen ist das nicht. Ich möchte ein Weltbürger sein, frei von Hass, Neid und Missgunst. Ich mag Menschen mit einem freien Geist, Menschen, die offen sind für die Probleme ihrer Mitmenschen.“ So werden ihn die, die ihn kannten, in Erinnerung behalten.

Edgar Deichmann wird am 4. August 1913 als Sohn jüdischer Eltern im damaligen Deutsch-Lothringen geboren. Gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Erich und Kurt verbringt er die ersten Lebensjahre in Algringen. Seine Eltern, Rebekka und Iwan Deichmann, besitzen dort ein Konfektionsgeschäft. Die Mutter stammt aus Luxemburg, der Vater aus Hoya. 1921 übersiedelt die Familie nach Syke. Der Neuanfang fällt ihm schwer. Der Achtjährige muss die deutsche Sprache bewältigen. Zudem wird er als „Franzose“ ausgegrenzt. Über den Sport kann er Freundschaften schließen. 1928 beginnt der Jugendliche eine kaufmännische Lehre. Das bekannte Bremer Kaufhaus Bamberger wird eine berufliche Etappe. 1936 verlieren alle jüdischen Mitarbeiter auf Druck der Nazis ihre Anstellung. 1937 besteigt der 23-Jährige ein Schiff in Hamburg, um – offiziell für drei Monate – nach Brasilien zu reisen. In Rio erwartet ihn sein Bruder Erich, der Deutschland bereits 1928 verlassen hat. Als das deutsche Konsulat Edgar zur Rückreise auffordert, flieht er ins Innere Brasiliens.

In Syke hat sich das Klima für die jüdischen Einwohner dramatisch verschlechtert. Etwa 30 Männer, Frauen und Kinder der kleinen jüdischen Gemeinde verlassen Syke zwischen 1933 und 1938. Nur wenige entgehen der Deportation in Ghettos und KZs.

Iwan und Rebekka Deichmann finden in Syke Rückhalt bei ihrer Vermieterin, der Bäuerin Meta Rehmstedt. Unerschrocken steht sie dem Ehepaar bei – allen Einschüchterungsversuchen lokaler Nazigrößen zum Trotz. Doch die Ereignisse des Reichspogroms vom November 1938 überrollen auch sie.

Am Morgen danach dringen Syker SA-Männer in ihr Haus ein, durchsuchen die Wohnung der Deichmanns, beschlagnahmen Sparbücher. Iwan Deichmann wird ins KZ Buchenwald verschleppt. Noch vor Jahresende kehrt er nach Syke zurück. Dank der geschäftlichen Kontakte des ältesten Sohnes Erich können die Eltern nach Brasilien ausreisen. Edgar findet Arbeit in einer Diamantenschleiferei. 1946 heiratet er in Rio Felicitas Brauer, eine jüdische Emigrantin aus Berlin. Zwei Töchter gehen aus der Ehe hervor: Daisy und Claudia.

In São Paulo übernimmt er eine kleine Firma, die Elektromaterial herstellt. Edgar Deichmann ist 50, als er noch einmal ganz von vorn beginnt. Er knüpft geschäftliche Kontakte zu Deutschland. Aus dem Ein-Mann-Betrieb wird ein Unternehmen mit 250 Beschäftigten. 1979 verkauft er seine Anteile.

1983 erfüllt er sich einen Lebenstraum. Er kauft eine 140 Hektar große, heruntergewirtschaftete Fazenda (Farm) und bringt sie zu neuer Blüte. Edgar nennt die Farm sein Paradies. In São Paulo engagiert sich das Ehepaar auf sozialem Gebiet, unterstützt ein Heim für Waisenkinder.

In den 90er-Jahren nutzen Edgar und Felicitas Deichmann ihre Reisen nach Deutschland, um mit Schülergruppen im Landkreis Diepholz über den Holocaust und das Schicksal ihrer Familien zu diskutieren. Sie ermuntern die Jugendlichen zur Zivilcourage und bauen Brücken der Versöhnung. Die Schüler sind fasziniert. Es schließen sich langjährige Briefkontakte an. Zugleich baut das Ehepaar enge freundschaftliche Kontakte zu Familie Voges in Syke auf und erhält so gewissermaßen neuerlichen Familienanschluss in der Hachestadt. Für Edgar Deichmann wird Ilse-Marie Voges zu „meiner Deutschlandtochter“.

An Politik und Sport interessiert bleibt Edgar Deichmann bis zuletzt. Mit Leidenschaft unterhält er eine umfangreiche Korrespondenz, die ihn mit vielen Menschen in Syke verbindet. Seine Briefe sind ein Schatz an Humor und Weisheit.

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