Jens Jacobsen-Bremer arbeitet am „Syker Zeitfenster 1919 bis 1949“

„Ich möchte Geschichte lebendig halten“

Für die Texte des Autors Jens Jacobsen-Bremer sind Zeitungsarchive die wichtigste Quelle. Das Material arbeitet er dann „am liebsten Zuhause“ durch. - Foto: Tobias Kortas

Syke - Von Tobias Kortas. Wie haben die Menschen damals gelebt? Wie hat Syke sich entwickelt? Jens Jacobsen-Bremer, ehemaliger Geschichts- und Englischlehrer an der KGS Leeste, treiben unzählige Fragen an, wenn er über den Nationalsozialismus in Syke und Umgebung recherchiert.

Mit der Syker Geschichts- und Schreibwerkstatt, die Stadtarchivar Hermann Greve leitet, hat er bereits zwei Bände des „Syker Zeitfensters von 1919-1949“ nach wissenschaftlichen Standards veröffentlicht – drei sollen noch folgen. Von Band 1 „Syke zwischen Kaisereich und Diktatur“ ist er sogar der alleinige Autor. Aktuell wühlt sich der Rentner für das dritte Buch, das die Zeit von 1933 bis 1939 behandeln soll, durch Archive.

Jens Jacobsen-Bremer hat eine große Motivation, sich mit den hiesigen Ereignissen von 1919 bis 1949 auseinanderzusetzen. „Ich möchte, dass Geschichte nicht vergessen wird und sie lebendig halten“, erklärt der Sörhausener Autor.

Ein besonderes Interesse hat er daran, zu erklären, wie es überhaupt zur Machtergreifung der Nationalsozialisten kommen konnte. Das hat einen ganz persönlichen Grund. „Ich bin Jahrgang 1938 und in Brunsbüttel aufgewachsen. Dort habe ich als kleiner Junge nachts im Bett oft die Flugzeuge der Alliierten gehört, noch bevor der Fliegeralarm losging.“

Ebenso haben ihn die Bilder vom zerbombten Köln, wo „nur noch der Dom stand“, und Bremen geprägt. „Ich habe meiner Mutter damals gesagt, dass es Bremen nicht mehr gibt.“

Es sind zum teil skandalöse regionale Ereignisse, die Jens Jacobsen-Bremer beleuchtet. So musste der Weyher Gewerkschafter Bernhard Poelder im Jahr 1933 am Kirchweyher Bahnhof mit einem Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Verräter“ durch ein Spalier von SS- und SA-Leuten spazieren, bevor er in „Schutzhaft“ kam.

Hintergrund: Die Nazis zerschlugen am 2. Mai 1933 die freien Gewerkschaften, um die eigene Herrschaft zu sichern. Außerdem kann es der Sörhausener kaum fassen, wie die „Leute in Syke 1933 beim 44. Geburtstag Hitlers“ gejubelt haben. Oder das Ermächtigungsgesetz begrüßten. „Die Abschaffung der Demokratie.“

Für Jens Jacobsen-Bremer steht fest, dass sich „so etwas wie der Nationalsozialismus nicht wiederholen darf“. Das Thema ist für ihn in Europa hochaktuell. „Wir von der Geschichtswerkstatt sind in Sorge, weil Parteien wie die AfD so große Erfolge haben.“

Der ehemalige Lehrer ist der Überzeugung, dass sich Geschichte zwar nicht wiedeholt, wohl aber Tendenzen wiederkehren – in diesem Fall nationalistische.

„So etwas darf sich nicht wiederholen“

Nun besitzt Jens Jacobsen-Bremer ein ganzes Sammelsurium an Material für seine Beiträge zu einem neuen Band des Syker Zeitfensters. Von ihm soll es – neben Texten anderer Autoren – politische Artikel geben.

„Das ist mein Steckenpferd.“ Die Unterlagen dafür kommen zu einem großen Teil aus den Archiven der Kreiszeitung. „Ich fotografiere die ab oder mache mir Kopien davon.“ Außerdem greift der Autor auf die Ausgaben der damaligen Zeitung Allgemeiner Anzeiger zurück. Zudem verwendet er Protokolle des Magistrats, die damalige Spitze der Verwaltung in Syke.

Dort finden sich spannende Einträge: Zum Beispiel wurde ein Zuschuss für einen halben Liter Milch oder ein Krankengeld von drei Mark pro Woche beantragt. „Man fragt sich, wie die Menschen überhaupt überlebt haben.“ Die damalige wirtschaftliche Not ist für den Sörhausener ein wichtiger Faktor, weswegen auch viele Menschen in der Region die „radikalste Partei“ NSDAP gewählt haben. „Hitler hat die Menschen von der Straße geholt, vor allem zum Vorteil der Rüstungsindustrie.“

Die historischen Grundlagen, also der Rahmen, in die er die lokalen Ereignisse einordnet, kommen dabei zum Beispiel aus Enzyklopädien.

Wichtig für die Arbeit des ehemaligen Lehrers sind auch die Nachlasse, Aufzeichnungen und Fotos von Zeitzeugen.

„Viele haben alles aufgeschrieben und auch Haushaltsbücher geführt. Aus Privatarchiven lassen sich so Einzelschicksale rekonstruieren.“ Zeitzeugen-Interviews kommen zum Großteil aus dem Archiv von Hermann Greve. Direkte Interviews mit Zeigzeugen sind für Jens Jacobsen-Bremer kaum möglich. Schließlich gibt es immer weniger von ihnen – und viele erinnern sich nicht detailgetreu an die Ereignisse zwischen 1933 und 1939.

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