Jäger Hamann warnt Autofahrer 

Hormongesteuert und kopflos: Gefahr durch liebestolle Rehe

Liebestoller Rehbock. - Foto: dpa

Landkreis Diepholz - Von Ulf Kaack. Wie ein rotbrauner Blitz schießt das Reh aus dem Dickicht neben der Fahrbahn über den Asphalt. Der Fahrer des Kleinwagens erschrickt, fühlt sich aber sicher. 100 Meter vor dem Kühler verschwindet das Tier aus seinem Gesichtsfeld, als es plötzlich fürchterlich kracht: Ein zweites Reh – ein Bock – war dem ersten in kurzer Distanz gefolgt, wird frontal von dem Wagen erfasst und liegt tot am Straßenrand. Ein Szenario, wie es zurzeit auf den Straßen nicht unwahrscheinlich ist.

Autofahrer sollten besonders wachsam unterwegs sein. Denn jetzt beginnt beim Rehwild die Blattzeit, wie Biologen und Jäger die Paarungsphase der heimischen Wildart zwischen Mitte Juli und Mitte August nennen. „In dieser Situation sind die Rehe hormongesteuert und kopflos, legen ihre natürlich Vorsicht und Scheu nahezu völlig ab“, erklärt Dr. Hans-Jürgen Hamann, Vorsitzender der Jägerschaft Syke. „Die Ricken, also die weiblichen Tiere, sondern Duftstoffe ab und signalisieren den Böcken damit ihre Paarungsbereitschaft. Diese wiederum sind in diesen Tagen randvoll mit Testosteron.“

Wie im Drogenrausch treiben die paarungswilligen Böcke die Ricken über mehrere Tage hinweg durch Wiesen und Wald. Ungebremst geht es über Straßen hinweg. Häufig kommt es dabei auch am Tage zu Verkehrsunfällen. Besonders im Hochsommer, wenn es außerordentlich heiß ist, wächst die Gefahr für die Verkehrsteilnehmer.

Aufschlaggewicht von über einer halben Tonne

„Wildunfälle können nicht immer vermieden werden, doch lässt sich das Risiko erheblich minimieren, wenn man in wildreichen Gebieten immer bremsbereit und – besonders nachts und in der Dämmerung – mit verminderter, angepasster Geschwindigkeit fährt“, sagt Hamann.

Da zur Paarung logischerweise mindestens zwei gehören, sollte man immer mit mehreren Tieren rechnen, die die Straße auf dem kürzesten Weg überqueren wollen. Oft flüchten die Tiere auf der Straße auch vor dem Auto her. Erschreckend: Ein nur 20 Kilogramm schweres Stück Rehwild erreicht bei einer Kollision mit einem 100 Stundenkilometer schnellem Fahrzeug ein Aufschlaggewicht von über einer halben Tonne.

Die Polizei rät: Kommt es trotz aller Wachsamkeit doch zu einer Kollision, so ist sofort die Warnblinkanlage einzuschalten, die mitgeführte Warnweste überzustreifen und die Unfallstelle zu sichern. Anschließend umgehend die Polizei verständigen, die ihrerseits den zuständigen Revierinhaber alarmiert. Wichtig ist dabei die genaue Bezeichnung von Fahrtrichtung und Unfallstelle. Als Orientierung dient die Kilometerangabe, die an jedem Leitpfosten abgelesen werden kann.

Alle zwei Minuten kracht es in Deutschland

„Nicht selten überlebt das Reh einen Unfall mit schweren Verletzungen, um später qualvoll zu verenden“, erklärt Hamann. „Dann gilt es für uns Jäger aus Gründen des Tierschutzes, das Wild mit dem für solche Fälle ausgebildeten Jagdhund aufzuspüren und von seinem Leiden zu erlösen. Alles andere ist Tierquälerei und gesetzeswidrig.“

Der Jäger hat die Berechtigung, eine Unfallbescheinigung auszustellen, die zur Schadensabwicklung mit der Versicherung zwingend notwendig ist. Hamann: „Auf gar keinen Fall sollte ein bei einem Unfall getötetes Wild mitgenommen werden. Das erfüllt den Tatbestand der Wilderei und wird gesetzlich geahndet. Und auch das tatenlose Entfernen vom Unfallort kann juristische Folgen haben: eine Anzeige wegen Fahrerflucht und Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.“

Alle zwei Minuten kracht es in Deutschland. Mehr als 250 000 Wildunfälle mit einem Gesamtsachschaden von 653 Millionen Euro verzeichnen die Versicherer aktuell. Tendenz steigend. Allein im Nordkreis des Landkreises wurden im vergangenen Jahr etwa 1000 Rehe bei Wildunfällen getötet.

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