Syke ist zwei Wochen Gastgeber für ein internationales Freiwilligenprojekt

Horizonte öffnen mit Schafen und Insekten

Am Hohen Berg haben die Campteilnehmer einen neuen Schafstall gebaut. Unterstützung hatten sie dabei vom Nabu, der Revierförsterei und der Stadt.
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Am Hohen Berg haben die Campteilnehmer einen neuen Schafstall gebaut. Unterstützung hatten sie dabei vom Nabu, der Revierförsterei und der Stadt.

Syke – Workcamp – auf Englisch klingt das doch viel freundlicher als die deutsche Übersetzung: Arbeitslager. Da denkt man ja sofort an Strafgefangene, Zwangsarbeit und Eisenkugeln an den Fußgelenken. Die zwölf jungen Männer und Frauen, die das Internationale Workcamp der Austausch-Organisation IJGD bilden, sind aber vollkommen freiwillig hier.

Sie kommen aus Mexiko, Großbritannien, Simbabwe, Deutschland und der Türkei. Und in Syke arbeiten sie zwei Wochen lang an der Verbesserung unterschiedlicher Biotope. Zusammen mit dem Nabu und der Revierförsterei.

IJGD – das ist die Abkürzung für Internationale Jugendgemeinschaftsdienste. Dahinter verbirgt sich ein Verein, der 1949 in Hannover aus einer Initiative von Schülern gegründet wurde mit dem Ziel, den Wiederaufbau zu unterstützen und Feindbilder durch internationale Kontakte abzubauen. Heute engagiert sich der Verein für interkulturelles und soziales Lernen sowie Geschlechter-Emanzipation, ist darüber hinaus Träger von Langzeitfreiwilligendiensten und mit ähnlichen Austausch-Organisationen im Ausland vernetzt. Viele Projekte haben ein ökologisches Thema als Arbeitsschwerpunkt. Zielgruppe sind junge Menschen im Alter zwischen 16 und 26.

Imelda, Fernando und Eduardo kommen aus Mexiko. Was sie vereint: Alle drei sind Studenten, und alle drei sind Großstadtkinder. Sie stammen aus León, Celaya und Monterrey – allesamt Millionenstädte. Syke ist für sie das totale Kontrastprogramm. Und Biotoppflege kannten sie bisher nur aus der Theorie. Auf das Workcamp sind sie über eine mexikanische Austausch-Organisation aufmerksam geworden.

Fernando hat sich darauf beworben, weil er sich grundsätzlich sehr für Tier- und Umweltschutz interessiert. „In Mexiko gibt es da leider keine vergleichbare Kultur. Ich bin sehr dankbar, dass ich hiersein und das kennenlernen darf.“

Imelda geht es vor allem darum: etwas Neues kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. In mindestens einer Hinsicht hat das schon mal geklappt: „Bei uns heißt es immer, die Deutschen wären so kalt und abweisend. Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe selten so offene und hilfsbereite Menschen getroffen.“

Eduardo hat in Syke zum ersten Mal im Leben freilaufende Schafe gesehen – und ist noch immer völlig geflasht. „Die würde ich am liebsten sofort mitnehmen.“

Seit Montag ist die Gruppe –zehn Freiwillige und zwei Teamleiter – im Einsatz. Zunächst mal zusammen mit dem örtlichen Nabu. „Wir haben drei verschiedene Einsatzorte“, erklärt Sprecherin Anni Wöhler-Pajenkamp. Der erste ist am Hohen Berg. Dort hat die Gruppe einen alten Schafstall abgerissen und einen neuen gebaut, anschließend an einem Erdwall Grassoden abgetragen, um Lebensraum für Sandbienen und andere Insekten zu schaffen. Im nächsten Schritt werden noch aus Bundeswehr-Zeiten gepflasterte Flächen entsiegelt – wer’s nicht weiß: Das gesamte Areal war mal als Feuerleitstelle Teil des Luftverteidigungsgürtels der Nato –  und dann geht es ans Ausräumen von Totholz.

Zweiter und dritter Einsatzort sind das Blanke Schlatt in Barrien und die Okeler Sandgrube. In beiden Fällen geht es im Wesentlichen ums Auslichten, damit die Biotope dort nicht weiter zuwachsen und Biotope bleiben.

Nächste Woche übernimmt dann die Revierförsterei sozusagen die Patenschaft: Im Warwer Sand sollen zugewachsene Flächen vom Grün befreit werden, damit freie Sandflächen für bestimmte Insektenarten entstehen. Und im Krendel beim Kreismuseum stehen Pflege- und Unterhaltungsarbeiten an. „Unter anderem wollen wir einen kleinen Aussichtsturm neu bauen, der im letzten Sturm beschädigt worden ist“, erklärt Revierförster Heinz-Dieter Tegtmeier.

Für ihn ist es das erste Mal, dass er sich an einem solchen Workcamp beteiligt. „Wir haben das bisher noch nicht gemacht. Ich weiß aber von Kollegen, die schon öfter solche Gruppen betreut haben, dass sie davon ganz begeistert sind.“ Seine ersten eigenen Eindrücke bestätigen das. „Es sind sehr engagierte junge Leute, die sich für sowas melden.“

Untergebracht ist die Gruppe übrigens in einer Handwerker-Pension im Gewerbegebiet. „Sehr einfach, aber okay“, sagt Atakan, einer der beiden Teamer. Englisch ist die Amtssprache in der Gruppe, und Selbstversorgung ist angesagt. „Das klappt ganz gut“, sagt er. Der einzige Nachteil ist die Lage: Relativ weit weg von der Innenstadt. Und wenn man den ganzen Tag körperlich gearbeitet hat, geht man abends den Weg im Zweifelsfalle eher nicht. „Aber wir haben trotzdem schon ein bisschen was gesehen. Wir haben Syke gleich nach der Ankunft erkundet.“

Ein Name fällt im Gespräch mit allen Beteiligten immer wieder: Abdelhafid Catruat. Der Syker Stadtjugendpfleger hat sich sehr dafür stark gemacht, diesen Workshop nach Syke zu holen. „Ich finde das wichtig“, sagt er. „Wir leben in einer globalen Welt. Dann sollten junge Menschen auch lernen, global zu denken. Ich hab vorher zum Beispiel noch nie Kontakt zu Mexiko gehabt.“ Solche Begegnungen tragen dazu bei, Horizonte zu öffnen, findet Catruat. „Das kannst du nur, wenn du’s erlebst.“ Revierförster Tegtmeier sieht das ganz genauso. „Alles, was sich vom Alltag abhebt, ist etwas Prägendes. Das bleibt im Gedächtnis. Und das macht auch etwas mit einem. Damals, als ich in demselben Alter war, habe ich Rucksackreisen gemacht. Was ich da erlebt habe, hat dazu beigetragen, dass ich heute bin, wer ich bin.“

Für Syke ist dieses Workcamp übrigens das zweite mit dem IJGD. „Das erste war vor 15 Jahren“, weiß Bürgermeisterin Suse Laue. „Das war damals auch am Hohen Berg. Dabei ist das Holzschiff auf dem Spielplatz entstanden – und der Schafstall gebaut worden, den die Gruppe jetzt erneuert hat.“

Von Michael Walter

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