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Hilfskrankenhaus unter den BBS Syke: Reaktivierung kein Thema

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Von: Anke Seidel

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Staunen in der Gruppe: Rund 4 000 Quadratmeter groß ist die unterirdische Anlage.
Staunen in der Gruppe: Rund 4 000 Quadratmeter groß ist die unterirdische Anlage. © Jantje Ehlers

Ein Gästeführung in Syke brachte 25 Teilnehmer jetzt in ein Relikt aus dem Kalten Krieg: Platz für 531 Patienten auf 4000 Quadratmetern.

Syke – Das Hilfskrankenhaus unter der BBS-Europaschule ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg und seit Jahrzehnten ein „Lost Place“ – ein vergessener Ort. Doch mit dem Krieg in der Ukraine hat diese Einrichtung, in der einst Verletzte nach einem Atomschlag Hilfe finden sollten, eine beklemmende Aktualität erhalten. Bei der Besichtigung der Bunkeranlage, die Gästeführer Ernst Bochnig schon vor Monaten vorbereitet hat, gibt es keinen freien Platz mehr. 25 Menschen ganz unterschiedlichen Alters warten auf Einlass.

BBS-Hausmeister Peter Göbel begleitet die Gruppe. Er kennt die Klinik mit ihren labyrinth-artigen Behandlungs- und Funktionsräumen für 531 Patienten wie seine sprichwörtliche Westentasche. Behandelt wurde dort niemand – zum Glück.

Die Einrichtung ist bis auf wenige Stücke verschwunden. Schon vor Jahren ist sie als Spende nach Russland gebracht und die regelmäßige Funktionsprüfung der gesamten Anlage eingestellt worden – unbemerkt von der Öffentlichkeit. „Man wusste, es gibt einen Bunker in Syke“, erklärt Ernst Bochnig vor Beginn der Führung, „aber darüber redete man nicht, das sollte der Feind ja nicht wissen“, lockert er die Stimmung bewusst ein bisschen auf. Er bittet alle Teilnehmer, in der Gruppe zu bleiben. Denn die Gänge sind eng, die Decken niedrig, und die Luft ist abgestanden in dieser strahlen- und trümmergeschützten Unterwelt.

Ein „Lost Place“ unter den Berufsbildenden Schulen: das im Kalten Krieg gebaute Behelfskrankenhaus in Syke. Längst ist fast die gesamte Einrichtung abgebaut. Eine Reaktivierung des Komplexes ist ausgeschlossen.
Ein „Lost Place“ unter den Berufsbildenden Schulen: das im Kalten Krieg gebaute Behelfskrankenhaus in Syke. Längst ist fast die gesamte Einrichtung abgebaut. Eine Reaktivierung des Komplexes ist ausgeschlossen. © Jantje Ehlers

Staunend stehen die Gäste vor dem Lageplan und der Organisationstafel des Hilfskrankenhauses. Ernst Bochnig erläutert, dass es einst 220 solcher Hilfskrankenhäuser in Deutschland gab, davon 22 in Niedersachsen. Er hat sich sorgfältig vorbereitet und in Erfahrung gebracht, dass es heute noch 150 „geheime Bunker“ in Deutschland gibt, in denen 700 000 Tonnen Getreide gelagert werden – für den schlimmsten aller Fälle.

Der Gästeführer hat außerdem einen damals am Bau beteiligten Handwerker befragt – und so erfahren, dass die Außenwände sowie die Decke der Anlage mehr als 40 Zentimeter dick sind und darüber eine ebenso starke Sandschicht liegt. Auf dem Komplex steht die heutige Mehrzweckhalle.

Unterirdische Anlage in Syke ist 4000 Quadratmeter groß

4000 Quadratmeter groß ist die unterirdische Anlage, die über 151 Zimmer verfügt – der Gästeführer hat nachgezählt. Der Bauplan stammt aus dem Jahr 1969, wenig später ist die Anlage gebaut und eingerichtet worden. Nach einem Atomschlag hätten dort besagte 531 Patienten von 150 Ärzten und Pflegekräften behandelt und betreut werden sollen. „Die Ärzte sollten entscheiden, wer hier behandelt wird und wer nicht“, erfahren die staunenden Besucher.

Peter Göbel führt sie durch lange Gänge. Neuzeitliche Schilder an verschiedenen Türen verraten, wer heute Teile der Bunkeranlage nutzt: Die Stadt Syke, der Landkreis, das Amtsgericht und das Jobcenter lagern hier offenbar Akten – nur wenige Schritte von der großen Luftfilteranlage entfernt.

Plötzlich ist es fast stockfinster. Bewusst hat der Hausmeister das Licht ausgeschaltet, um den Besuchern die Notbeleuchtung zu zeigen: ein Streifen Leuchtfarbe, der sich durch alle Gänge zieht. Einen Augenblick später brennt wieder das elektrische Licht. Es kann weitergehen zur Wasserversorgung, zu den großen Gulaschkanonen für 600 Mahlzeiten und den mächtigen Notstrom-Aggregaten, die mit Diesel die notwendige Energie hätten erzeugen können. Der Vorrat dafür wäre in zwei Tanks mit einem Fassungsvermögen von jeweils 30 000 Litern möglich gewesen.

Dafür ist sie nicht mehr vorgesehen.

Ernst Bochnig, Gästeführer, zur Frage nach einer möglichen Reaktivierung der Klinik

„Könnte man die Anlage wieder reaktivieren?“, will eine Teilnehmerin schließlich wissen. Ernst Bochnig verneint. „Dafür ist sie nicht mehr vorgesehen.“ Schon 1997 war der Bunker entwidmet worden. Seit 2004 ist die Wartung, einst Aufgabe eines eigens dafür eingesetzten Landesbediensteten und später von Uwe Meyer aus Syke, endgültig eingestellt. Will heißen: Funktionstüchtig ist die Anlage nicht mehr.

Der Zähler in der Steuerzentrale zeigt: Das System ist insgesamt nur 242 Stunden in Betrieb gewesen. Vor zwei Jahren waren es übrigens noch 239 Stunden. Höchstwahrscheinlich kommt eine weitere Stunde dazu. Denn Ernst Bochnig plant demnächst eine weitere Führung. Plätze gibt es aber nicht mehr: „Sie ist jetzt schon überbucht.“

Weitere Infos über das Hilfskrankenhaus in einer Reportage gibt es hier.

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