Gespräch mit Volker Meyer

Wie psychisch kranke Menschen zusätzlich unter Bürokratie leiden

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Volker Meyer im Gespräch bei Awo-Trialog im Gleis1 in Syke.

Syke - Von Michael Walter. Das System ist eigentlich ganz gut, bloß viel zu träge. Und das liegt vor allem an zu viel Bürokratie – Das ist die wesentliche Erkenntnis, die der Landtagsabgeordnete Volker Meyer (CDU) am Montag aus einer Gesprächsrunde mit den Klienten der Awo-Einrichtung Trialog im Gleis 1 mit nach Hannover nehmen konnte.

Meyer – seit vorigem Jahr Sozialpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion – war aus eigenem Antrieb nach Syke gekommen. Trialog betreut in Syke Menschen mit psychischen Erkrankungen auf dem Weg zurück in die Normalität. Bei einem Besuchstermin im März war Meyer mit einigen Klienten der Tagesstätte spontan ins Gespräch gekommen und hatte vorgeschlagen, bei anderer Gelegenheit in Ruhe miteinander zu diskutieren. Jetzt war diese andere Gelegenheit.

„Wie offen die Menschen zu mir als im Grunde Fremden über ihre persönlichen Probleme gesprochen haben, hat mich sehr beeindruckt“, lautet Meyers Fazit.

Es sind zum Teil absurde Situationen, mit denen sich die Trialog-Klienten tagtäglich konfrontiert sehen. Menschen, die zuvor in anderen Einrichtungen untergebracht waren – zum Teil stationär – wenden sich an ihre vertrauten Ansprechpartner, wenn sie in eine neue Krise geraten. „Dafür haben wir von der Heimaufsicht schon auf die Finger bekommen“, schildert Trialog-Leiter Joachim Schröder. „Weil sie angeblich anderen Klienten die Beratungszeit wegnähmen.“

Ärger mit der Krankenkasse

Eine junge Frau erzählt: Sie sei nach Schule und Studium krank geworden. „Bis dahin war ich immer über meinen Vater privat krankenversichert. Jetzt gelingt es mir nicht, eine gesetzliche Krankenversicherung zu bekommen.“

Eine andere Frau schildert: „Wenn ich Opfer einer Gewalttat bin und dadurch psychisch krank werde, wird alle zwei, drei Jahre wieder amtsärztlich überprüft, ob ich noch immer Opfer bin.“ Das Absurde daran: Dabei geht es nicht um die Feststellung ihres Hilfsbedarf – „das wäre ja völlig in Ordnung“ – sondern nur um die erneute Feststellung des Sachverhalts. 

„Wenn mein Bein ab ist, wird doch auch nicht alle paar Jahre überprüft, ob es wieder nachgewachsen ist.“ Diese regelmäßigen erneuten Feststellungen seien erstens eine enorme Belastung für die Opfer und zweitens ein aufwändiges Verfahren, das viel Zeit und Geld koste.

Weitere Schilderungen der Trialog-Klienten zeigen auf: Ein großes Problem ist oft die Frage unklarer Zuständigkeiten. Etwa, wenn es um Anträge auf Hilfsmittel geht. Ist der richtige Ansprechpartner jetzt die Kranken-, die Renten-, die Pflege- oder die Arbeitslosenversicherung? Joachim Schröder: „Die Möglichkeiten, jemanden einfach zum nächsten weiterzuschieben, sind einfach viel zu groß.“

Zahlreiche Themen angesprochen

Weitere Themen, die in diesen gut anderthalb Stunden zur Sprache kamen: Fehlende Akzeptanz für seelisch Kranke in der Öffentlichkeit – im Gegensatz zu körperlich Kranken – das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum und der Mangel an Fachkräften im Therapiebereich.

Patentlösungen konnte Volker Meyer nicht aus dem Hut zaubern. Er hörte aufmerksam zu, machte sich Notizen, erklärte aktuelle politische Ansätze für mehr Unterstützung und sagte zu, sich um den einen oder anderen Einzelfall zu kümmern.

Gewissermaßen als Hausaufgabe nahm er aus dieser Runde vor allem eine Frage mit: Wie sich durch Abbau bürokratischer Hürden der Ablauf von Verfahren beschleunigen lassen kann.

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