Vortrag über Nachhaltigkeit in Syke

Sehendes Auges in die Klimakatastrophe: „Menschheit rast auf Abgrund zu“

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Henning Austmann spricht über den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum.

Syke - Als die Titanic den Eisberg gerammt hat, blieb den Menschen in den Maschinenräumen kaum eine Chance. Den Arbeitern, den Armen, die von den Passagieren nicht gesehen wurden – oder nicht gesehen werden wollten. In der ersten Klasse kamen einige kurz mit ihren Sektgläsern raus, schauten, gingen wieder rein und feierten weiter. Das Schiff ist unsinkbar, dachten sie. Es wird schon nichts passieren. Doch es gab auch Menschen, die anfingen, die Rettungsbote zu Wasser zu lassen. Einige, die die Gefahr erkannten und handelten. Ähnlich, wie derzeit beim Klimawandel. Oder wie Prof. Dr. Henning Austmann betont, bei der Klimakatastrophe. Sie hat begonnen.

Austmann ist Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Hannover. Doch sein eigentliches Spezialgebiet und der Fokus seiner Forschung ist nachhaltige Entwicklung. Auf gemeinsame Einladung der Initiative Energie in Bürgerhand, der Städte Bassum, Syke und Twistringen und durch die Unterstützung des Fördervereins des Syker Gymnasiums war er am Mittwoch im Syker Theater, um einen Vortrag zu halten. Am Vormittag ausschließlich für Schüler, abends für alle.

„Alter Schwede!“, begrüßt er sein Publikum. Es mache ihm Hoffnung, dass so viele gekommen seien. Obwohl er einräumt, dass er in der Regel zu den Leuten spricht, die eh schon alles wissen, appelliert er an das Publikum, Multiplikatoren zu sein. Die Informationen weiter zu verbreiten, auch gerade mit denen zu sprechen, die sich für solche Veranstaltungen nicht interessieren.

„Der erste Teil meines Vortrages wird schmerzhaft“

Er macht direkt deutlich, dass er keine frohe Botschaft mitbringt. „Der erste Teil meines Vortrages wird schmerzhaft.“ Er wolle jedoch niemanden weinend nach Hause schicken, weshalb es im Anschluss sehr schön werde.

Austmann beginnt mit harten Fakten, dem aktuellen Wissenschaftsstandpunkt: Nichts, was auf der Erde derzeit passiert, ist normal. Das verdeutlicht er an einer Grafik bezüglich der Entwicklung des C02-Levels in der Atmosphäre. Ja, da habe es auch zuvor Schwankungen gegeben. Doch so extrem in die Höhe geschossen wie in den vergangenen 50 Jahren sei der Wert nie zuvor. Und die Kurven steigen, so Austmann, in allen möglichen Bereichen rasant an. So auch beim Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. 

Das ist kein Zufall, weiß der Professor. Je länger die Gesellschaft ihren kapitalistischen Vorstellungen von einem guten Leben, einem schnellen Auto und einem großen Haus folgt, die Wirtschaft weiter vorantreibt, um so dramatischer werde die große Bandbreite an Problemen auf dem Planeten. Neben Klimawandel sind das etwa die Belastung durch Stickstoff und Phosphor oder das Artensterben.

Zahlreiche Zuhörer folgten dem Vortrag im Syker Theater. 

Moderne Technik wie E-Mobilität höre sich erst mal gut an, als könnten sich Umweltzerstörung und Wirtschaftswachstum doch entkoppeln. Doch er verdeutlicht seine These, dass Globalisierung und Technisierung aufgrund menschlichen Fehlverhaltens nicht die Lösung sein können, an einem Beispiel: „Der Käfer aus dem Jahr 1955 hat 7,5 Liter Benzin auf 100 Kilometern verbraucht. 50 Jahre später brachte VW den New Beatle raus.“ Man sollte annehmen, der moderne Wagen sei weniger schädlich für die Umwelt. Doch die Tatsache, dass Komfort, Ausstattung und Geschwindigkeit an menschliche Ansprüche angepasst werden, sei der Grund dafür, dass der Verbrauch nach wie vor bei 7,1 pro 100 Kilometern liegt. Erschwerend hinzu komme, dass deutlich mehr Menschen Auto fahren.

Ähnlich würde es auch mit der E-Mobilität verlaufen. An sich gut, Stichwort E-Car-Sharing, doch wenn zukünftig die ganze Gesellschaft auf E-Autos umsteigen soll, wäre eine komplett neue Infrastruktur unabdingbar. All das bedeute Unmengen an Produktion. Und wohin dann mit den alten Autos? Wohin mit den ausgedienten Batterien? Und woher soll der Strom kommen? All diese Rebound-Effekte, die zeigen, dass Wirtschaftswachstum dem Planeten schadet, fehlen in der Debatte.

Keine aktuellen Forderungen reichen aus

Es ist nur ein Beispiel dafür, dass sich zwar bereits etwas tut, dies jedoch keine Lösung bringt. Weder E-Mobilität, noch die Energiewende (die bei Weitem nicht genügend vorangetrieben werde). Und obwohl Austmann begeistert vom Engagement der Jugend bei den Fridays-For-Future-Demos ist, zeigt er sich überzeugt, dass auch das die Probleme nicht aus der Welt schaffen werde. Selbst wenn die Politik handeln sollte: Nicht einmal die Grünen haben Ziele, die das Klima in der Form schonen würden, die es braucht. Dafür sei es notwendig, anzuerkennen, „dass wir einen tiefgreifenden Wandel unseres Wirtschaftssystems – weg vom Überfluss-Dauerkonsum und dem Streben nach immer weiterem Wirtschaftswachstum – brauchen.“

Deshalb, so Austmann, muss jetzt jeder für sich handeln und den „kulturellen Wandel von unten“ antreiben. Weniger Fleisch, weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger heizen, regional, saisonal und bio einkaufen, das Wort „Shopping“ aus dem Wortschatz verbannen. Wenn genug Menschen mitziehen, gibt es eine Chance, meint er. „Denn der Wandel kommt zwar, aber die Frage ist, ob ,by design’ oder ,by desaster’.“

Menschheit rast auf den Abhang zu

Manch einer würde seine Denke als Rückschritt bezeichnen. Weg von Weltreisen und Digitalisierung. Und Austmann meint, dafür sei es höchste Zeit. Denn die Menschheit rast auf den Abhang zu. „Was wir gerade machen, hat Selbstmordcharakter.“

Trotz seiner humorvollen, dynamischen Art behält er Recht. Sein Vortrag tut weh, führt einem vor Augen, wie weit es gekommen ist, was alles falsch läuft. Und was jeder einzelne falsch macht, wird spätestens an dem Punkt deutlich, an dem die Zuschauer ihren ökologischen Fußabdruck ausrechnen, der bei allen viel zu groß ist.

Aber Austmann macht keine Vorwürfe. Er weiß, wie schwierig es ist, Umdenken zu schaffen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es „uns hier zu gut geht“. Sich ein Szenario vorzustellen, in dem das anders ist, fällt dem Gehirn nicht leicht. „Wir sind hier im Syker Theater, wir fühlen uns sicher.“ Das ist ein bisschen so, wie wenn man auf der Titanic wäre und den Eisberg zwar sieht, die Erschütterung bemerkt, von unter Deck Schreie hört, aber naiv das glaubt, was man sich wünscht: Das Schiff ist unsinkbar.

Zur Info: Was kann ich tun?

Austmann sieht einen Teil der Lösung in regionalem Zusammenhalt. Dieser würde nicht nur die Gesellschaft stärken, er würde auch das Klima schützen. Um diesen voranzutreiben, haben sich in Twistringen, Bassum und Syke Klima-AGs gegründet. Jeder ist willkommen, bei den geplanten Treffen vorbeizuschauen und Ideen einzubringen, wie „Global denken – lokale Handeln“ umgesetzt werden kann:

  • Twistringen: 9. September, 19 Uhr, Ratssaal, Lindenstraße 14
  • Bassum: 10. September, 19 Uhr, Grundschule Mittelstraße
  • Syke: 11. September, 19 Uhr, Waldstraße 1

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