Henker, Selbstmörder und Flammenmeer 

Spaziergang mit den „Nachterzählerinnen“ bringt Sykes gruselige Seite ans Mondlicht

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Zur ersten Gästeführung der „Nachterzählerinnen“ Christiane Tesch und Gisela Greve waren bei Mond- und Taschenlampenschein gut 30 Teilnehmer gekommen. 

Syke - Von Heiner Büntemeyer. Einen Abend voller Geschichten und Geschichte erlebten die fast 30 Damen und Herren, die sich am Freitag von Christiane Tesch und Gisela Greve durch Sykes abendliche Innenstadt führen ließen. Es war empfindlich kühl, aber die beiden Gästeführerinnen lenkten mit ihren spannenden Geschichten und Histörchen immer wieder davon ab.

Vom Rathaus führte der Spaziergang über den Mühlendamm zum Kreishaus und durch Hinterhöfe an der Hauptstraße. Schließlich endete die Führung mit einem heißen Glühwein in Wessels Hotel – und mit der Gewissheit, dass die Syker schon immer brave Bürger waren. Sie hatten früher zwar einen Scharfrichter. „Aber der wohnte außerhalb der Stadt und hatte hier nichts zu tun“, so Gisela Greve. In die Nachbarorte sei er jedoch häufiger ausgeliehen worden.

Allerdings verstanden die Scharfrichter und Henker einiges von Anatomie. Sie wurden sogar durch die Justiz aufgefordert, Verdächtigen durch ein „peinliches Verhör“ Geständnisse zu entlocken, denn sie wussten, wo es den Delinquenten weh tat. Ein des Mordes verdächtigter Henstedter blieb aber auch unter der Folter dabei, seine Unschuld zu beteuern, so dass er schließlich freigesprochen wurde.

So schaurig waren nicht alle Geschichten, aber sie brachten den Gästen Syker Geschichte näher.

Auch das Schicksal des Hauptmanns Ernst Boden schilderte Christiane Tesch: Einst hatte der beim Kurfürsten von Hannover gedient und war während der Franzosenzeit „Maire“ in Syke geworden – also Bürgermeister. Im Alter verließ er seinen Hof an der Plackenstraße, nahm sich erst ein Quartier in der Alten Posthalterei – wo er sein Testament verfasste – und sich dann das Leben. Selbstmord galt damals noch als unverzeihliche Todsünde. Trotzdem wurde Ernst Boden in geweihter Erde auf dem Syker Friedhof beigesetzt. „Villicht hett de Karken von sein Arvdeel wat afkregen“, meinte die Gästeführerin.

Kein Alkohol – nur Tee mit Rum

Die Familie Süllau hatte ihr Haus einst dort, wo jetzt die Kreissparkasse steht. Ein Sohn wanderte mit 13 Jahren nach Amerika aus, um seiner bettelarmen Mutter nicht länger zur Last zu fallen. Später überwies er der Stadt eine größere Geldsumme zum Kauf einer Kirchenglocke. „Diese Glocke läutet noch immer“, berichtete Gisela Greve.

Sie erzählte, dass im gegenüberliegenden Mühlenteich 1903 Isaak Stern, ein Kaufmann aus Hoya, nach einem Besuch in Syke ertrunken ist.

Unter dem Torbogen des Kreishauses erinnerte die Gästeführerin an den Ursprung der Stadt. Dort habe das Syker „Schloss“ den Hacheübergang gesichert. Eine kleine Burganlage, gesichert durch einen Ringwall und zwei davor liegende Gräben.

Am „Wächter“-Denkmal erfuhren die Teilnehmer, dass in früheren Zeiten nur drei Syker nachts unterwegs waren: Der Nachtwächter, der Feldhüter und der berittene Gendarm. Ab 1893 gehörte es zur Aufgabe des Nachtwächters, abends auch die ersten zwölf Öllampen an der Hauptstraße anzuzünden und Öl nachzufüllen.

Bei einem Abstecher zum Ackerbürgerhaus, das dem Syker Ehrenbürger Dr. Fontheim gehörte, konnten sich die Teilnehmer von den strengen Bauvorschriften überzeugen, die 1808 nach dem großen Brand beim Wiederaufbau der Stadt erlassen wurden. Die Teilnehmer hörten auch von Bäcker Fricke, in dessen Amtszeit als Bürgermeister der große Brand ausbrach, der 80 Prozent der Einwohner obdachlos werden ließ. Fricke habe sich sehr für seine Mitbürger eingesetzt, hieß es.

Sein Schwiegersohn habe in dem Haus die Syker „Linnenlegge“ betreut. Als später das qualitativ hochwertige Syker Leinen durch anderes Gewebe verdrängt wurde, erhielten die Besitzer des Hauses die Konzession, in den Räumen ein „Café für die höheren Stände“ einzurichten. „Der Ausschank von Alkohol war verboten. Es gab allerdings Tee mit Rum“, versicherte Gisela Greve.

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