Interview mit SPD-Rentner

Heinfried Schumacher nimmt Abschied: „Schnitt ist Schnitt“

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Heinfried Schumacher zieht sich nach mehr als vier Jahrzehnten aus der Kommunalpolitik zurück. Was ihn zu dieser Entscheidung bewogen hat, erklärt er im Interview.

Landkreis Diepholz - Er gehört zum absoluten Urgestein der Kreistagspolitik und hat viele Weichen für den Landkreis Diepholz mit dessen mittlerweile 217.000 Bürgern gestellt: Heinfried Schumacher gestaltet seit mehr als vier Jahrzehnten sowohl Kreis- als auch Kommunalpolitik in Syke. Jetzt hat der Sozialdemokrat zum Renteneintritt seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern erklärt. Zu den Gründen und seinen Wünschen nimmt er im Interview Stellung. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Schumacher, Sie sind einer der beiden dienstältesten Kreistagsabgeordneten und haben mit der Ankündigung Ihres politischen Rückzugs sowohl im Landkreis als auch in Syke für Überraschung gesorgt. Kaum vorstellbar: Ein Vollblutpolitiker in Rente?

Heinfried Schumacher: Rente ist Rente. Dass es meine letzte Wahlperiode gewesen ist, war mir klar. Deshalb habe ich die Sommerpause genutzt, um mich zu fragen: Was machst du? Es gibt Leute, die sagen, dass man in der Rente noch eine ehrenamtliche Aufgabe zu erfüllen hat. Nein. Ich habe mir gesagt: Schnitt ist Schnitt – und auch den Wunsch, meiner Frau diese Überraschung zu präsentieren. Denn das, was ich geleistet habe, habe ich nicht alleine geleistet. Ich bin sehr stark von meiner Frau unterstützt worden.

Als Jugendhilfeausschuss-Vorsitzender haben Sie noch im Mai wichtige Projekte angekündigt – beispielsweise ein Pilotprojekt, das Sozialarbeitern mehr Zeit für ihre Klienten ermöglicht. Profitieren sollen Kinder, Jugendliche und Eltern. Was wird jetzt aus diesem Projekt?

Schumacher: Ich hoffe, dass diese Anregung vom Ausschuss aufgegriffen wird, in der nächsten Sitzung vielleicht zur Diskussion gestellt und dann auch umgesetzt wird.

In der April-Sitzung hatten Sie Kreisrätin Ulrike Tammen – und damit der Stellvertreterin des Landrats – das Rederecht verweigert. Und sich dafür später offiziell entschuldigt. Mit selbstgekochter Marmelade. Steht Ihr überraschender politischer Rückzug im Zusammenhang mit der Kontroverse, die es zwischen Ihnen und dem Landrat gegeben hatte?

Schumacher: Das Thema war erledigt. Ich hatte ein Gespräch mit Frau Tammen und habe mich öffentlich entschuldigt. Es gab unterschiedliche Auffassungen, aber die sind in einem Gespräch mit Frau Tammen und Kreisrat Hans-Hermann Kleine besprochen worden. Das war dann der Schlussstrich.

Wenn Sie für den Jugendhilfeausschuss noch einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie sich wünschen?

Schumacher: Dass er sich mehr bewusster seiner Rolle als Teil des Jugendamtes und damit dem gesetzlichen Auftrag verpflichtet fühlt. Es muss stärker das gelebt werden, was schon seit 1922 Gesetz ist. Nämlich, dass nicht nur die Verwaltung über das Schicksal benachteiligter und auf Unterstützung angewiesener Kinder entscheidet, sondern auf Augenhöhe mit breiten Schichten der Bevölkerung. Deshalb ist der Jugendhilfeausschuss mit 35 Mitgliedern besetzt – auch aus vielen Vereinen, Verbänden, Kindergärten, Schulen und anderen Institutionen, die sich mit Kindererziehung beschäftigen.

Und was wünschen Sie dem Kreistag?

Schumacher: Immer gute Entscheidungen. Und die Erkenntnis, dass die Eingleisigkeit zu einer Schwächung des Kreistags geführt hat – weil ein politisches Ringen um die Vorstellungen und Ideen der verschiedenen Fraktionen nicht mehr sichtbar wird. Ich persönlich bin und bleibe weiterhin ein Anhänger der Zweigleisigkeit – also eines Hauptverwaltungsbeamten und eines ehrenamtlichen Landrats oder ehrenamtlichen Bürgermeisters.

An welche Entscheidung in Ihrer jahrzehntelangen politischen Karriere im Kreistag werden Sie sich besonders gern erinnern?

Schumacher: Wenn man so über seine Fußstapfen nachdenkt, gibt es ein paar Dinge, von denen ich meine, sie hinterlassen zu haben. Das eine ist die gemeindenahe Psychiatrie, sprich die heutige psychiatrische Klinik in Bassum – und Einrichtungen wie AWO Trialog in Syke und der Verein für persönliche Hilfen in Diepholz, die sich beide um psychisch erkrankte Menschen kümmern. Dann ist da die „Müllabfuhr“, also die heutige AWG, die ja in vielen Bereichen immer anderen Landkreisen voraus war. Die Nachhaltigkeit können die Bürger im Landkreis spüren, beispielsweise bei der Heizung der Bassumer Klinik mit Biogas, das ja von der AWG kommt.

Was gehört noch dazu?

Schumacher: Die erste Frauenbeauftragte im Landkreis Diepholz, Friederike Damm-Feldmann, und die Verleihung des Kulturpreises, die ich damals beantragt habe. Vor allem aber die Sicherstellung eines attraktiven Gesundheitswesens.

Und an welche Entscheidungen erinnern Sie sich nicht gerne?

Schumacher: An die Übergabe der Mehrheitsanteile und damit der Geschäftsführung der Krankenhäuser im Landkreis Diepholz an die Alexianer Brüdergemeinschaft. Bei der entscheidenden Abstimmung im Kreistag 2005 habe ich dagegen gestimmt – als einer von vier Abgeordneten.

Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Schumacher: Erstmal gar nichts. Um einfach mal zu schauen, welche Herausforderungen man in diesem Lebensabschnitt in Angriff nehmen kann. Marmelade kochen – das mache ich auch! (lacht)

Zur Person

Der 65-jährige Heinfried Schumacher (SPD) geht zum 31. August in Rente. 42 Jahre wirkte er in der Kreis- und Kommunalpolitik.

Schumacher ist seit 1977 Mitglied des Kreistags und seit 1976 Mitglied des Stadtrats in Syke. 20 Jahre (von 1991 bis 2011) war er Ortsbürgermeister in Henstedt und von 1976 bis 2016 Mitglied des Ortsrats Henstedt. Im niedersächsischen Landtag saß Heinfried Schumacher von 1998 bis 2003.

In der Kreisverwaltung Nienburg war er zunächst Sozialarbeiter im Sozialpsychiatrischen Dienst, bevor er von 1988 bis 1998 als freigestellter Gesamtpersonalratsvorsitzender wirkte. Nach seiner Rückkehr aus dem Landtag war er von 2004 bis 2008 freigestellter Personalratsvorsitzender und arbeitete danach im allgemeinen sozialen Dienst. Seit vier Jahren ist er zuständig für den Hilfeplan in der Eingliederungshilfe.

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