Darstellungen gehen stark auseinander

Nach Vorwürfen wegen Tierquälerei: Osterholzer Milchhof versetzt Mitarbeiter

Die von Tierschützern angeprangerten Zustände auf einem Bauernhof in Syke-Osterholz sind nicht so schlimm wie die Tierschützer sie dargestellt haben, das stellt der Kreis Diepholz klar. Ein Mitarbeiter wurde derweil versetzt.

  • Tierschützer werfen einem Bauernhof in Syke Tierquälerei vor
  • Disput über Handeln oder Nichthandeln des Landkreises Diepholz entbrannt
  • Milchhof-Betreiber versetzt Mitarbeiter in den technischen Bereich

Update vom 11. Juni: Videoaufnahmen von einem Hof im Syker Ortsteil Osterholz hatten kürzlich zu einem Streit um Tiermisshandlung zwischen Hofbetreibern und Kreisverwaltung auf der einen Seite und den Organisationen „Metzger gegen Tiermord“ und „Animals United“ auf der anderen Seite geführt. Kai Glander, Geschäftsführer der GCV Milch KG, dem der Hof gehört, hatte sich nach einer internen Aufklärung Zeit für eine Stellungnahme genommen.

Noch nie habe er sich mit dem Thema Tierquälerei in seinen Betrieben auseinandersetzen müssen, so Glander in einer Pressemitteilung. Es gebe für alle Höfe einen fest angestellten Tierarzt, der regelmäßig kontrolliert und behandelt. „Der Vorwurf, bei uns würden Tiere nicht vernünftig behandelt oder verwahrlosen, ist schlichtweg falsch“, bekräftigt er. Bei den unangekündigten Kontrollbesuchen des Veterinäramts hätte es noch nie Beanstandungen gegeben. 

Der Hof-Inhaber verdeutlicht zudem, es seien nicht „diverse“ Tiere betroffen gewesen, sondern lediglich vier. Bei einer Kuh gab es demnach einen Abszess am Hals, der bereits dank Behandlung wieder verschwunden ist. Ein anderes, damals hochtragendes Tier, hätte einen ausgeweiteten Bluterguss zwischen den Vorderbeinen, der von selbst heilen musste. Auch diese Kuh sei bereits wieder genesen. Sie habe ein gesundes Kalb zur Welt gebracht. 

Ebenfalls auf dem Video zu sehen war ein lahmendes Jungtier. Da es keine Aussicht auf Heilung gegeben habe, musste dieses eingeschläfert werden, ebenso wie das Jungtier, das trotz tierärztlicher Behandlung nicht mehr von allein aufstehen konnte.

Bereits als der Fall erstmals öffentlich Aufmerksamkeit erregt hatte, betonten die Hof-Betreiber, dass es ein Handeln, wie es im Video zu sehen war, „hier nicht mehr geben“ wird. Nach der internen Aufarbeitung bestätigt Glander daher: „Das Vorgehen des Bauern gegenüber dem Jungtier war nicht in Ordnung. Wir bedauern den Vorfall zutiefst und haben bereits Konsequenzen gezogen.“ Der Betroffene werde künftig keine Tiere mehr versorgen, sondern nur noch im technischen Bereich eingesetzt.

Update vom 1. Juni: Der Landkreis Diepholz wolle sein eigenes Versagen nun den Tierschützern in die Schuhe schieben. Diesen Vorwurf erhebt der Syker Peter Hübner – Pressesprecher der Vereine Metzger gegen Tiermord und Animals United – im Zusammenhang mit den kürzlich veröffentlichten Aufnahmen aus einem Rinderstall im Syker Ortsteil Osterholz.

Konkret wirft Hübner der Kreisverwaltung – speziell dem Veterinäramt – Untätigkeit und fehlenden Willen zur Zusammenarbeit mit den Tierschützern vor. Das Veterinäramt sei auf wiederholte Angebote der Tierschützer nicht eingegangen, dem Amt Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, aus denen die Misshandlung eines kranken Kalbs ersichtlich wurde. Der Landkreis wirft umgekehrt den Tierschützern vor, das besagte Videomaterial absichtlich zurückgehalten zu haben.

Animals United hat direkt nach Erhalt des belastenden Materials“ „reagiert und die Behörden informiert“, schreibt Peter Hübner in einer Pressemitteilung. „Insbesondere wollten wir die Behörden unverzüglich um Mithilfe bitten, damit es nicht heißt, die Tierschützer würden Material zurückhalten.“

Material aus Syke angeboten - aber offenbar nicht angenommen

Telefonisch sei dem Veterinäramt Diepholz in einem längeren Gespräch mitgeteilt worden, was auf den Video-Aufnahmen aus Syke zu sehen sei. „Noch am selben Tag wurde eine schriftliche Anzeige mit diesen Vorwürfen über Animals United angefertigt und verschickt. Der Landkreis hat sowohl die Hinweise bestätigt als auch die eingegangene Strafanzeige. Hier halten wir fest, dass die schriftliche Anzeige definitiv vorgelegen hatte. In dieser Anzeige haben wir schriftlich mitgeteilt, dass Bild- und Videomaterial bei uns angefordert werden kann, davon hat weder das Veterinäramt noch die Staatsanwaltschaft Gebrauch gemacht.“

Das Bildmaterial datiert vom 14. April. „Am 16. April führten wir von Animals United nochmals ein Telefonat mit dem zuständigen Veterinäramt und wurden schroff an die Staatsanwaltschaft verwiesen. Wir erklärten deutlich, dass wir Material hätten, welches für die Untersuchung von größter Bedeutung wäre und wurden hiermit wieder an die Staatsanwaltschaft verwiesen.“

Peter Hübner fragt: „Warum verweigerte das zuständige Veterinäramt die Zusammenarbeit und das angebotene Material? Warum rief die Staatsanwaltschaft bis heute dieses noch nicht ab?“

Hübner sieht systembedingtes Nichthandeln der Behörden

Hübner abschließend: „Wir erkennen hier ein systembedingtes Nichthandeln der Behörden, die ihr eigenes Versagen nun den Tierschützern in die Schuhe schieben möchten. Ferner erwartet man dann auch, dass die Behörden so deutlich beschriebene Meldungen auch im Sinne der Tiere untersuchen. Hier zeigt sich wieder deutlich, dass die Ämter augenscheinlich nur reagieren, wenn tatsächlich öffentlich derartige Zustände dokumentiert werden.“

Animals United werde „ auf alle Fälle diesen Fall weiter juristisch verfolgen und auch eine Wiederaufnahme der Ermittlung beantragen“.

Landrat Cord Bockhop sagt: „Wir haben nichts zu verbergen. Wenn wir Fehler machen, bricht uns kein Zacken aus der Krone, das auch zuzugeben. Hier haben wir aber nichts falsch gemacht und ich muss meine Mitarbeiter in Schutz nehmen“, betont er.

Peter Hübner und Landrat Cord Bockhop mit unterschiedlichen Sichtweisen

Peter Hübner hat mir persönlich noch in einem Telefonat am 27. Mai gesagt, das Videomaterial sei von der Datenmenge her zu groß, als dass man es uns digital übertragen könne. Er wollte am nächsten Tag vorbeikommen und uns das Material im Beisein der Presse übergeben. Das ist nicht passiert. Um 21.43 Uhr am Donnerstag hat er mir dann persönlich einen Link zu einer Download-Plattform geschickt. Warum hat er das nicht schon Wochen vorher gemacht?“

Landrat Bockhop unterstreicht: „Wenn wir diese Aufnahmen gleich gehabt hätten, dann hätten wir schon bei der ersten Kontrolle ganz anders dem Landwirt gegenüber handeln können. Und das Leid des Tiers wäre verkürzt worden. Wir hätten mit diesem Bildmaterial viel früher handeln können, weil es Vorgänge zeigt, die während unserer Kontrolle einfach nicht stattgefunden haben.“ Die Pressemitteilung von Animals United liegt dem Landrat vor. Inhaltlich lässt er daran kaum ein gutes Haar. Bockhop wirft Hübner etwa ein beständiges Vermischen der Begriffe „Behörden“, „Staatsanwaltschaft“ und „Veterinäramt“ vor und stellt klar: „Die Anzeige, von der er da spricht, ist bei der Staatsanwaltschaft eingegangen, nicht bei uns. Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt und das Verfahren eingestellt. Das hat sie Animals United auch mitgeteilt.“

Bei erstem Landkreis-Besuch lagen weder Misshandlungen nach Videos vor

Beim Landkreis sei zuerst lediglich ein anonymer Anruf eingegangen „Noch am gleichen Nachmittag ist ein Amtstierarzt auf den Hof gefahren. Der hatte zu diesem Zeitpunkt kein Bildmaterial und konnte auch nichts von Misshandlungen an dem Kalb feststellen.“ Bockhop betont: „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir lediglich einen anonymen Hinweis. Und danach hat es immer geheißen, die Datenmenge sei zu groß, um uns die Aufnahmen zu schicken.“

Persönlich finde er es sehr bedenklich, wie Animals United und Metzger gegen Tiermord in diesem Fall vorgegangen seien. „Ich habe noch nie erlebt, dass wir derart um Material betteln mussten“, sagt Bockhop. „Das macht uns jetzt viel, viel Arbeit und hilft den Tieren überhaupt nicht. Vor sechs Wochen hätte es geholfen. Wir prüfen jetzt die rechtlichen Konsequenzen daraus.“

Originalartikel vom 27. Mai: Zu diesem Urteil kommt die Kreisverwaltung in Diepholz. Antje Tittmann, Amtstierärztin und Fachtierärztin für Tierschutz, stellt dem Hof ein unterm Strich ordentliches Zeugnis aus und spricht gegenüber der Kreiszeitung von „insgesamt artgerechter Haltung“.

Kühe, die nicht richtig laufen können, Kühe mit riesigen Geschwulsten am Leib und ein krankes Kalb, das vom Bauern mit der Heugabel gestochen, mit einem Seil oder Gurt am Vorderhuf in die Höhe gezogen und schließlich sogar mit der Schaufel eines Radladers traktiert wird: Es waren haarsträubende Szenen, mit denen die Tierschutzorganisation Metzger gegen Tiermord an die Öffentlichkeit gegangen war. Der Osterholzer Bauer hatte sich der direkten Konfrontation zunächst gestellt und behauptet, auf den Aufnahmen sei nichts Schlimmes zu sehen. „Das ist alles korrekt!“

In weiten Teilen bestätigt der Landkreis diese Aussage am Tag danach. Ausgenommen die Sache mit dem Kalb. Und die räumt inzwischen auch der Landwirt ein. Die von den Tierschützern ausdrücklich hervorgehobenen beiden Kühe mit den Geschwulsten befinden sich laut Aussage der Diepholzer Amtstierärztin inzwischen auf einem anderen Hof des Betriebs in Felde. Sie selbst habe die Tiere dort zwar nicht gesehen. Ihre Kollegen aus dem Landkreis Verden hätten ihr aber bestätigt, dass es den Tieren gut gehe.

Vorwürfe gegen Hof in Syke: Spritz-Abszesse kämen hin und wieder schon mal vor

Bei der einen Kuh sei die Geschwulst ein Eitergeschwür, das sich nach einer Injektion gebildet habe. „Solche Spritz-Abszesse kommen hin und wieder schon mal vor“, sagt Antje Tittmann. „Die werden von außen behandelt und dann geöffnet, sobald sie reif sind. Das ist hier auch passiert.“

Die andere Kuh hatte laut Tittmann einen massiven Bluterguss. „Weil das Gewebe an dieser Stelle sehr locker ist, konnte der da so groß werden. Dieses Tier ist aber schon tierärztlich untersucht worden, bevor die Tierschützer hier gewesen sind.“

Auch zu den Aufnahmen mit dem Kalb hat Antje Tittmann eine klare Meinung. „Natürlich ist das misshandelt worden! Die entscheidende Frage wird da sein: War das Vorsatz oder Fahrlässigkeit?“

Kein Verständnis hat die Amtstierärztin für das Vorgehen der Tierschützer: „Warum, zum Teufel, stellen die uns das Material nicht direkt zur Verfügung? Warum sechs Wochen später und mit so einem Brimborium?“ Tittmann meint damit die Konfrontation des Bauern mit dem Bildmaterial im Beisein der Presse.

Tierquälerei in Syke? Bildmaterial wurde erst im Nachhinein der Behörde angeboten

Wie berichtet, hatte das Veterinäramt den Hof unmittelbar nach einem Hinweis der Tierschützer kontrolliert, aber nichts Auffälliges gefunden. Erst im Nachhinein ist der Behörde das Bildmaterial angeboten worden. Antje Tittmann: „Mich wurmt das so dermaßen! Ich habe den Verdacht, da wollte uns jemand vorsätzlich als Deppen dastehen lassen. Ich finde, das ist – vorsichtig ausgedrückt – ein sehr merkwürdiges Verhalten.“

Misshandeltes Kalb: „Sowas wird es hier nicht mehr geben“, sagt der Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Betriebs.

Einen Tag nach der direkten Konfrontation mit den Tierschützern war auch der Osterholzer Landwirt gegenüber der Kreiszeitung zu einer Stellungnahme bereit. „Das mit dem Kalb war Scheiße. Das muss ich leider eingestehen. Wir hätten das Tier mit zwei, drei Mann drehen müssen.“ Er sei zu der Zeit aber gerade allein gewesen. Warum er nicht einfach auf Verstärkung gewartet hat, kann er nicht erklären. „Ich weiß es nicht. Ich wollte einfach die Arbeit fertig haben.“

Sein Sohn, der den Gesamtbetrieb als Geschäftsführer leitet, erklärt den Hintergrund: „Das Kalb hatte was an der Hüfte. Entweder einen Bänderriss oder ein ausgekugeltes Gelenk. Das kann man nicht so einfach feststellen. Der Tierarzt hatte uns empfohlen, noch ein paar Tage abzuwarten, ob sich der Zustand bessert. Wenn nicht, müsse es eingeschläfert werden.“ So sei es dann später auch gekommen. „Der Tierarzt hat es dann eingeschläfert und wir haben das beim Veterinäramt gemeldet.“

Vorwürfe von Tierschützern: Fehlverhalten muss formal noch abgearbeitet werden

Der Sohn räumt wie sein Vater ein: „Sowas wie mit dem Kalb wird es hier nicht mehr geben. So viel steht fest.“

Ist die Sache für den Landkreis damit erledigt? Landrat Cord Bockhop: „Das dokumentierte Fehlverhalten bei dem einen Rind muss formal noch abgearbeitet werden. Auch wenn das Fehlverhalten eingeräumt wurde, kommt es dann zur Anhörung und so weiter.“ Über den Ausgang wolle er nicht spekulieren.

Rubriklistenbild: © Metzger gegen Tiermord

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