„Halb Polen Haus, halb euer“

Siegfried Wiehle erinnert sich an die Vertreibung aus Schlesien vor 75 Jahren

Alte deutsche Ansichtskarten und
+
Alte deutsche Ansichtskarten und Fotos aus Rattwitz. Kalender mit solchen Motiven bekommt Siegfried Wiehle jedes Jahr von seinen polnischen Freunden.

75 Jahre ist die Vertreibung der Schlesier aus den deutschen Ostgebieten her. Der Syker Siegfried Wiehle war einer von ihnen. Er erinnert sich im Gespräch mit der Kreiszeitung an Flucht und Rückkehr, Not und Freundschaft - und an das Glück, das er in Syke fand.

Syke – 3 646 Einwohner hatte Syke vor dem Zweiten Weltkrieg. Kurz nach Kriegsende waren es fast doppelt so viele. Wegen der vielen Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, die Syke – wie praktisch jede andere Kommune in „Restdeutschland“ auch – damals aufnehmen musste. Heute – 75 Jahre danach – sind nicht mehr viele von ihnen am Leben. Siegfried Wiehle war neun Jahre alt, als er mit seiner Familie Schlesien verlassen musste.

In Rattwitz ist er 1937 geboren und aufgewachsen. Ein kleiner Flussschifferort an der Oder, rund 20 Kilometer vor Breslau. Das Kriegsende erlebte er wie viele andere aus dieser Gegend: Flucht mitten im Winter Anfang ‘45. Auf den letzten Drücker, bevor die Front Breslau und die Oder erreichte. In die Tschechei. Und von dort nach der Kapitulation zurück. „Wir sind wieder in unser Haus gegangen und haben da gewohnt“, erzählt Wiehle. Das war zwar geplündert und verwüstet worden. Aber das war’s auch schon. „Ich hab keine toten Menschen gesehen und nix“, sagt Wiehle. Wohl wissend, dass andere Schlimmeres erlebt haben.

Wie ganz Schlesien stand Rattwitz seit Kriegsende unter polnischer Verwaltung. „Eines Tages war der polnische Bürgermeister mit einer Abordnung bei uns an der Tür“, erzählt Wiehle. „Halb Polen Haus, halb euer, hat er gesagt. Da wurde unser Haus geteilt und eine polnische Familie bei uns einquartiert.“

Wiehle ärgert es sehr, wenn er andere erzählen hört: Und dann kamen die Polen. „Die sind doch nicht freiwillig gekommen! Die wurden doch selber aus ihrer Heimat vertrieben und zwangsumgesiedelt!“

In der Tat hatte die Sowjetunion nach Kriegsende schlicht die Teile Polens annektiert, die sie 1939 beim gemeinsamen Überfall auf Polen mit Deutschland besetzt hatte. Polen verlor damit etwa die Hälfte seines Staatsgebiets. Als „Ausgleich“ wurde Polen der größte Teil der deutschen Ostgebiete zugeschlagen.

Für den neunjährigen Siegfried war das damals alles gar kein Thema. Im Gegenteil: Die bei Wiehles einquartierte Familie hatte einen Sohn im gleichen Alter. Schnell hatten sich die beiden Jungs angefreundet. „Da hieß das nie: Ich bin Pole, ich bin Deutscher. Wir waren einfach zwei Jungs mit rabenschwarzen Haaren, die zusammen Unsinn gemacht haben.“

Doch damit war es bald vorbei. „Auf einmal hieß es: Ihr werdet wohl wieder weg müssen.“ Wiehle erinnert sich: „Ich glaube, es war allen klar, dass sie diesmal nicht wieder zurückkommen würden.“

Ich hab nie verstanden, wenn die Leute bei uns auf die Polen geschimpft haben. Das waren genauso arme Schweine wie wir. Vielleicht sogar noch ärmere.

Siegfried Wiehle

Mit dem Güterzug im Viehwagen ging es zunächst bis nach Friedland. Und dort sind die Rattwitzer dann verteilt worden. Die eine Hälfte nach Bayern, die andere nach Norddeutschland. In Syke spuckte der Zug sie aus, und von da wurden sie weiterverteilt. Nach Stuhr, nach Harpstedt, nach Hoya. Siegfried Wiehle blieb mit seiner Familie in Syke.

Die Jahre danach sind buchstäblich Geschichte: Deutsche Teilung, Staatsgründung, Integration der Bundesrepublik ins Westbündnis und der DDR in den Ostblock, Eiserner Vorhang. Der Weg in die alte Heimat war damit versperrt. Ohnehin hatten die Vertriebenen Anderes im Kopf. Fuß fassen, sich eine neue Existenz aufbauen. Siegfried Wiehle wurde in Syke erwachsen, lernte Tischler, machte sich später selbstständig und fand in Syke die Liebe seines Lebens („dass die so einen wie mich überhaupt genommen hat...!“).

Siegfried Wiehle erinnert sich an die Zeit der Vertreibung.

Am 7. Dezember 1970 fiel Bundeskanzler Willy Brandt bei einem Staatsbesuch in Warschau auf die Knie. Eine symbolische Bitte um Vergebung, die Türen öffnete. Der Eiserne Vorhang wurde ab da ein wenig durchlässiger. „1974 bot Pussack zum ersten Mal eine Busreise nach Breslau an“, erzählt Wiehle. „Ich war einer der Ersten, der sich angemeldet hat.“ Zusammen mit seiner Frau besuchte er Rattwitz – und erlebte eine Überraschung: Sein polnischer Spielkamerad lebte mit seiner Familie noch immer in Wiehles Elternhaus und bereitete ihnen einen herzlichen Empfang. „Der hat auf mich gewartet“, sagt Wiehle. „Der hatte irgendwie geahnt, dass ich eines Tages kommen würde.“ Es folgte ein denkwürdiger Abend in seinem Elternhaus, an den Siegfried Wiehle sich noch heute gern erinnert.

„Bis 2007 sind wir jedes Jahr nach Rattwitz gefahren“, sagt Wiehle. Danach ist nie wieder eine Gruppe zusammengekommen. Wohl auch aus Altersgründen. Der Kontakt ist geblieben.

„Ich hab nie verstanden, wenn die Leute bei uns auf die Polen geschimpft haben“, sagt Siegfried Wiehle. „Das waren genauso arme Schweine wie wir. Vielleicht sogar noch ärmere.“

Von Michael Walter

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Meistgelesene Artikel

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt
Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Kommentare