Gymnasiasten interviewen 17 Flüchtlinge von einst und jetzt / Ausstellung

Migration „seit Jahrzehnten ein Teil unseres Lebens“

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Fatma Karabulut (l.) zeigt (v.l.) Milan Uzunay, Julia Yin, Rahmi Tuncer und Maya Borchers ihren Beitrag.

Syke - Von Heiner Büntemeyer. In diesem Jahr wird das Interkulturelle Fest, das schon seit Jahren in Syke gefeiert wird, um eine Ergänzung erweitert. Im Foyer zeigt das Museum die Ergebnisse des Projektes „Lebenswelten“, das Julia Yin Schülern der achten Klassen des Gymnasiums angeboten hatte, in dem sie sich mit Migration und Integration auseinandersetzten.

Unter Mithilfe von Rahmi Tuncer besuchten sie 17 Flüchtlinge, die zwischen 1945 und 2015 nach Syke gekommen waren. Von ihnen wollten sie wissen, warum sie ihre Heimat verlassen hatten, warum sie nicht in ihre Heimat zurückgekehrt sind und wie sie sich in ihrer neuen Umgebung eingelebt haben.

Der älteste Flüchtling war 1945 von der russischen Armee aus Pommern vertrieben worden und hat sich hier längst eingelebt. „Es war eine gute Entscheidung, damals zu fliehen“, fasst er seine Eindrücke gegenüber den Schülern zusammen.

Fast 30 Jahre später kamen sogenannte „Gastarbeiter“ nach Syke. Sie wollten hier arbeiten und Geld verdienen und sich mit dem Geld „zu Hause“ eine Zukunft aufbauen. Dieses „Zuhause“ war die Türkei, hier in Syke wollten sie nicht bleiben, soziale Verbindungen entstanden kaum, ihre Deutschkenntnisse blieben mangelhaft.

Erst nach 15 Jahren spürten sie: „Es geht doch nicht mehr zurück“, wie Fatma Karabulut es beschreibt. Die Kinder waren in Syke geboren, aufgewachsen, gingen hier zur Schule und wollten nicht in die Türkei zurück.

Einige Migranten nannten „Liebe“ als Grund für ihren Entschluss, nach Deutschland zu ziehen. Sie waren freiwillig gekommen und halten es sich offen, ob sie im Alter in ihr Vaterland zurückkehren. Ein Migrant aus Polen beschrieb auch einen feinen Unterschied: „Meine Heimat ist jetzt Deutschland, aber mein Vaterland ist Polen“.

Ein Drittel der Gesprächspartner nannte den Krieg als Grund für die Flucht. Sie berichteten von den Strapazen auf der Flucht, von Perspektivlosigkeit, der Ungewissheit über ihre Zukunft und von Ängsten, die sie auch in Deutschland nicht loslassen.

„Migration ist seit Jahrzehnten ein Teil unseres Lebens“, erklärte Dr. Ralf Vogeding bei der Eröffnung der Ausstellung. Der stellvertretende Landrat Ulf Schmidt bezeichnete Migration historisches Thema mit hoch aktuellem Bezug, das die Schule sehr erfolgreich angepackt habe. Schmidt wünschte sich mehr Pädagogen, die für ähnliche Projekte offen sind. Für die Achtklässler des Gymnasiums sei diese Arbeit „ein persönlich prägender Geschichtsunterricht“.

Ähnlich äußerte sich auch Vogeding. Es sei erkennbar kein „geschichtlicher Einheitsbrei“ für die Schüler gewesen, denn sie hätten nicht nur die Interviewten zitiert, sondern auch eigene Gedanken in die Darstellungen einfließen lassen.

Julia Yin spürte in den Interviews die offene Frage „Gehe ich, oder bleibe ich?“ Auch bei den „gut Integrierten“ habe sie zwischen den Zeilen immer wieder Einsamkeit gespürt.

Die Feier wurde musikalisch von Jugendlichen mit Gesang und Musik auf der „Saz“, einer achtsaitigen Langhalslaute, untermalt. Dazu gab es „Gözleme“, mit Kartoffeln oder Schafskäse gefülltes Fladenbrot aus Yufka-Teig.

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