Große Leidenschaft für kleine Schiffe

Das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 im Modell, Maßstab 1:1400, gehört zur Sammlung von Max Günter.
+
Das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 im Modell, Maßstab 1:1400, gehört zur Sammlung von Max Günter.
  • Anke Seidel
    vonAnke Seidel
    schließen

Der 96 Jahre alte Max Günter hat ein Buch über seine große Leidenschaft für kleine Schiffe geschrieben. Sein erstes Wiking-Modell hat er sich im Jahr 1936 gekauft – drei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Warum die kleinen Schiffsmodelle so faszinierend sind und Sammler glückliche Menschen, schildert der rüstige Senior auf 56 Seiten unter dem Titel „Kleine Schiffsmodelle, näher betrachtet“.

Syke – 1936 in der Bremer Innenstadt: Der zwölfjährige Max Günter steht vor dem Schaufenster des Spielwarengeschäfts Birkel, ganz in der Nähe von Karstadt, und staunt über etwas Neues und Faszinierendes, das der Geschäftsinhaber in einer kleinen Ecke seiner Auslagen präsentiert: Schiffe im Miniaturformat, dem Original genau nachgebildet im Maßstab 1:1250. „Ich war begeistert“, erinnert sich der heute 96-Jährige.

Von seinem Taschengeld kauft sich der Zwölfjährige das erste Schiffsmodell der Marke Wiking: eine Nachbildung des Vermessungsschiffs Meteor zum Preis von 50 Pfennig. „Mein Taschengeld musste ich mir selbst verdienen“, blickt Max Günter auf seine Kindheit und Jugend in der Hansestadt zurück. Mit dem Handrasenmäher pflegt er den Garten, fegt Laub und trägt Brote für einen Bäcker aus. „Der kam damals noch mit Pferd und Wagen“, erinnert sich der 96-Jährige heute.

Fünf oder zehn Pfennige bekommt er für eine solche Dienstleistung – und spart, bis er sich das nächste Schiffsmodell kaufen kann. Zum Geburtstag und zu Weihnachten gibt es eines geschenkt. „So kam die Flotte zustande“, schmunzelt Max Günter, der schon als Elfjähriger seine Leidenschaft für die Seefahrt entdeckt hatte: „Damals habe ich das Buch ,Die Emden jagt’ geschenkt bekommen“, sagt der Syker über eine äußerst spannende Lektüre.

„Im Jahre 1936 erschien ein Faltblatt mit der Auflistung aller Wiking-Modelle einschließlich deren Preise sowie mit zusätzlichen Informationen“, blickt der leidenschaftliche Sammler zurück. Genau das ist noch heute vorhanden – und verrät, dass ein Modell des Fischereischiffs M/S Essen (im Original in Bremerhaven) für 80 Pfennige zu haben war. Dagegen kostete der Flugzeugträger Forrestal schon 8,50 Mark.

„Die zum Verkauf vorgesehenen Wiking-Modelle befanden sich in Seidenpapier verpackt in kleinen Pappschächtelchen mit Aufdruck und sie gelangten in dieser Form in die Hände des Kunden“, schreibt Max Günter in seinem kleinen Fachbuch – und lässt genauso die Werbung von damals wieder aufleben: „Die Sehnsucht richtiger deutscher Jungens. Nämlich die Schiffe der deutschen Flotte in kleinen lebenswahren Modellen, die tausend Möglichkeiten des Zusammenstellens und des Spielens offen lassen.“ Selbst Hafenanlagen, Seezeichen und Leuchtfeuer (mit der Batterie-Taschenlampe zu erleuchten) gehörten damals zum Angebot.

Doch der Zweite Weltkrieg verändert alles. Als Max Günter mit 17 Jahren zur Marine kommt, hat er seine Miniaturflotte in Bremen schon gut versteckt: „In Zigarrenkisten aus Zedernholz“, schmunzelt er heute. Der junge Bremer wird im Fernmeldebereich eingesetzt, aber nicht in der Seefahrt. „Deshalb schlägt mein Herz aber trotzdem für die Schiffe“, bekennt der 96 -Jährige.

Doch das Hobby zählt im Einsatz nicht mehr, ruht auch nach Kriegsende: „Ich musste mich ja erst mal um meine Existenz kümmern“, sagt Max Günter. Schon kurz nach dem Krieg kann das große Fotogeschäft seiner Familie wieder öffnen. Als er eines Tages Abzüge vom Film eines Kunden anfertigt, staunt er nicht schlecht: Darauf sind Schiffsmodelle zu sehen. Zwischen dem Auftraggeber, einem Postbeamten, und dem Geschäftsinhaber entwickelt sich ein enger Austausch über die Sammelleidenschaft.

Max Günter schließt sich Sammlern an, die sich regelmäßig in Hamburg treffen – gemeinsam mit Modellherstellern. „Meistens kam ich damals mit vier oder fünf Modellen nach Hause“, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. Heute besitzt er mehrere hundert Modelle, die er gut gesichert hat – wie Museen ihre Ausstellungsstücke.

„Intensiv beschäftigt habe ich mich damit erst, als ich in den Ruhestand ging“, blickt er zurück. Auch wenn es Wiking-Modelle schon lange nicht mehr gibt: Die Faszination ist geblieben.

Die Herstellung ist aufwendig, erläutert der Schiffsminiaturen-Hersteller Hydra, einer der wenigen Verbliebenen. Denn zunächst müssen vom Originalschiff detaillierte Unterlagen – Baupläne, Bilder und mehr – beschafft werden, bevor überhaupt ein Urmodell im Maßstab 1: 1250 angefertigt werden kann. Daraus wiederum entsteht eine hitzebeständige Gussform. Die Metallminiaturen werden einzeln von Hand gegossen. Diese Metallrohlinge wiederum müssen sorgfältig nachbearbeitet werden, bevor sie lackiert werden können. Oft sei das mehrfach notwendig, erläutert der Modellhersteller. Er muss die originalgetreue Ausstattung en miniature dazu fügen: Schornstein, Bemastung, Rettungsboote. Ein aufwendiger und zeitraubender Prozess. Trotzdem: Im Internet werden solche Modelle zwischen 12 und 42 Euro angeboten.

Für rund 20 Euro können Sammler ein Kreuzfahrtschiff erstehen – wie die Queen Mary 2, die Max Günter in seinem Besitz hat. Das Modell ist allerdings im Maßstab 1 : 1400 gefertigt und unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von zahlreichen anderen Sammelstücken: „Made in China“, zitiert der 96-jährige Sammler eine Prägung des Stücks.

In seinem Besitz hat er außerdem ein Modell des internationalen maritimen Museums in Hamburg. Einen Besuch dort kann der Syker nur empfehlen. Denn dort seien sage und schreibe 50 000 solcher Schiffsminiaturen zu sehen. Den Grundstein legte, so berichtet Max Günter in seinem Buch, der ehemalige Direktor Professor Peter Tamm senior. Er habe seit seiner frühesten Jugend Wiking-Schiffsmodelle gesammelt.

„Aus der Vielzahl der später erworbenen Exponate maritimen Ursprungs, die letztendlich keinen Platz im häuslichen Bereich mehr fanden, ergab sich die Tatsache, dass er alle seine Schätze dem Hamburger Senat als Stiftung anbot, wenn sie auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Ein umfangreiches Buch über Wiking-Modelle hat bereits Kapitän Peter Schönfeld herausgebracht. Ihm hat Max Günter sein Manuskript vorgelegt – und ein Kompliment erhalten: „Ganz klare Angaben und wertvolle Anregungen für das Sammeln dieser so lieb gewordenen Modelle“, schreibt Schönfeld dem 96-Jährigen. Genau darum geht es Max Günter: Praktisch erläutern, was Sammler wissen müssen – zum Beispiel, wie man selbst ein Diorama baut. Dass Peter Schönfeld der Meinung ist, „dass es in dieser Form in jeden Bücherschrank eines Sammlers der 1250er-Maßstäbe gehört“, freut den Syker sehr.

Gern würde er es gemeinsam mit einem Co-Autor noch erweitern und mit ihm gemeinsam in den Druck geben. Sein Traum ist es, das Werk einmal im Bücherregal im internationalen maritimen Museum zu sehen – zu kaufen für alle Sammler, die es bereits sind oder es noch werden möchten.

Von Anke Seidel

Max Günter sammelt seit 77 Jahren Modellschiffe (links). Oben: Das internationale maritime Museum in Hamburg hat sich Max Günter als Modell nach Hause geholt. Die dortige Ausstellung fasziniert den 96-Jährigen immer wieder.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Haushaltgeräte gebraucht kaufen

Meistgelesene Artikel

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Die ersten Kabel sind verlegt

Die ersten Kabel sind verlegt

Kommentare