Reinhold Jakob hat drei Jahrzehnte mit jugendlichen Straftätern gearbeitet

„Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen“

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Syke - Von Julia Kreykenbohm. Eine persönliche Geschichte über Reinhold Jakob zu schreiben, ist nicht ganz einfach. Dabei hat er vor 30 Jahren den Verein „Kontakt“ für straffällige Jugendliche mitgegründet. Da gibt es eine Menge zu erzählen, vieles, auf das er rechtschaffen stolz sein kann. Doch wenn man versucht, etwas darüber aus ihm „herauszukitzeln“, fällt kaum einmal das Wort „Ich“. Dafür häufig „Wir“. Munter reiht er Namen von Wegbegleitern aneinander, wie Alex Peruzzo (Geschäftsführer Release) oder Susannne Huick (Geschäftsführerin „Kontakt“), lobt deren Tätigkeit und Unterstützung. „Ich hätte das nie allein geschafft“, betont er und faltet lächelnd seine Hände im Schoß.

Jakob wirkt entspannt und zufrieden, wie er da auf dem Stuhl im Besprechungszimmer des „Kontakt“-Gebäudes in Syke sitzt. Der Weg dorthin war weit, erinnert er sich. „Angefangen haben wir in einem Büro in Sulingen, das war so groß wie ein Schreibtisch“, berichtet er. Der „noch“ 63-Jährige ist diesen Weg die ganze Zeit mitgegangen, stets im Vorstand des Vereins. Heute wird er offiziell auf der Vorstandssitzung verabschiedet. Ein seltsames Gefühl nach all den Jahren, oder? Jakob überlegt und schüttelt dann den Kopf. Er ist dankbar, dass der Verein sich so positiv entwickelt hat und weiß, dass er in fähigen, guten Händen sein wird.

Das sei nicht immer selbstverständlich gewesen. „Lange Zeit war es ein Auf und Ab“, erinnert Jakob sich und zeichnet mit der Hand Wellenbewegungen in die Luft. „Immer stand die Frage im Raum, ob das Geld reichen wird und ob der Verein weiterbesteht.“ 1987 stand „Kontakt“ sogar kurz vor dem Aus. Erst vor zehn Jahren wurde die Finanzierung auf feste Beine gestellt und nahm einen Großteil der Zukunftsängste. „Man musste den Leuten erst mal zeigen, dass das keine Sozialarbeiter-Spinnerei ist, sondern Hand und Fuß hat“, schmunzelt Jakob.

Die Idee zum Verein „Kontakt“ kam ihm, der damals Sozialarbeiter bei der Jugendgerichtshilfe war, dem Jugendrichter Michael Klamt und einer Staatsanwältin in den 80er-Jahren. „Damals kamen Initiativen auf, die ,Betreuen statt Bestrafen’ für junge Straftäter forderten. Wir wollten so etwas auch für den Landkreis Diepholz haben und gründeten für zwei Jahre einen Gesprächskreis, zu dem wir unter anderem Polizisten, Pastoren, Erzieher und Bewährungshelfer einluden. Wir wollten dass alle mit im Boot sind, um eine möglichst breite Akzeptanz zu bekommen.“ Danach wurde der Verein „Jugend- und Freizeithilfe“ aus der Taufe gehoben.

Seitdem hat sich einiges verändert. Nicht nur der Vereinsname und seine Räumlichkeiten, sondern auch die Klienten. „Früher wurden mal Jugendliche zu uns geschickt, weil sie aus Rasenmähermotoren Go-Karts gebaut hatten und damit herumgekurvt sind“, erzählt Jakob und lacht. Heute ist es ernster. Die jungen Straftäter seien psychisch sehr belastet, hätten starke familiäre Probleme oder seien drogenabhängig.

Die Arbeit mit ihnen sei spannend, faszinierend – aber auch deprimierend und belastend. „Man baut eine intensive Beziehung zu ihnen auf. Manchen kann man helfen, manchen nicht“, sagt Jakob. Man lerne, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Denn der junge Mann, der etwas Schlimmes getan hat, sei im Grunde ein guter Kerl. Das nimmt einen „massiv mit“. Oft hilft reden, mit der Familie oder Kollegen. Manchmal hilft aber auch nur aushalten. Man spürt, wie sehr Jakob seine Schützlinge am Herzen liegen. Den Begriff „Warnschuss-Arrest“ mag er nicht. „Das sind Menschen, auf die muss man nicht schießen!“

Und wenn man ihn nach den traurigen Erlebnissen in seiner 30-jährigen Vereinsgeschichte fragt, nennt er sofort den Tod von vier Jungen, die alle bei einem Unfall ums Leben kamen. Schade findet er auch, dass das Wohnprojekt, dass der Verein in Sulingen ins Leben gerufen hatte, 1995 aus finanziellen Gründen wieder aufgegeben werden musste.

Doch ernsthaft darüber nachgedacht, seinen Beruf zu wechseln, hat Jakob, der zunächst Lehrer werden wollte, nie. Der Junge aus dem Münsterland, der früher mit seiner Clique auch das ein oder andere Mal Unsinn anstellte, für den er strafrechtlich zur Verantwortung hätte gezogen werden können, wenn er erwischt worden wäre, ist Sozialarbeiter mit Leib und Seele. „Es gibt Studien, die sagen, dass beinahe jeder Jugendliche straffällig wird. Die meisten hören nach dem ersten oder zweiten Mal von selbst wieder auf, unabhängig davon, ob sie erwischt werden“, berichtet Jakob.

Er wird auch in Zukunft dem Verein verbunden bleiben und Kontakt zu den Mitarbeitern halten. Nur im Vorstand will er nicht mehr sein. „Tue dein Werk und ziehe dich zurück“, meint er. Er freut sich nun auf die Zeit zu Hause und in der Familie. „Und wenn mir doch die Decke auf den Kopf fällt, suche ich mir halt etwas zu tun“, sagt er und lacht.

Zum Schluss zeigt Jakob noch ein schwarz-weiß-Bild vom zweiten Vorstand, auf dem er mit Mitte dreißig zu sehen ist.

Welche Botschaft würde er heute seinem damaligen Ich mitgeben, wenn er ihm via Zeitreise begegnen würde? „Lass dich nicht kirre machen und mach weiter.“ Jakob überlegt und fügt amüsiert hinzu: „Und: Du musst nicht alles allein machen.“

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