Das Gesseler Blumenmädchen geht

Helga Reinhardt schließt Marktwagen – nach fast 57 Jahren auf dem Liebfrauenkirchhof

Thomas und Helga Reinhardt in ihrem Blumenwagen.
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Sohn Thomas Reinhardt hat 2002 den elterlichen Betrieb übernommen. Nun wird das Geschäft verkauft.

Wer regelmäßig über den Bremer Markt schlendert, kam an ihr fast automatisch vorbei: Nahezu 57 Jahre lang hat die Gesselerin Helga Reinhardt auf dem Liebfrauenkirchhof Blumen verkauft. Sie war Marktfrau mit ganzem Herzen - und längst eine Institution. Nun naht ihr letzter Arbeitstag.

Gessel – Am kommenden Donnerstag klingelt um halb fünf der Wecker bei Helga Reinhardt. Die Gesselerin ist Marktfrau und ans Frühaufstehen gewöhnt. Doch dieser Tag wird ein besonderer sein: Am Donnerstag steht Helga Reinhardt zum letzten Male in ihrem Blumenwagen auf dem Bremer Liebfrauenkirchhof.

„Ich habe mich jetzt damit abgefunden“, versichert sie. Leicht gefallen sei ihr diese Entscheidung nicht, „aber fast 57 Jahre sind genug“.

Lupinen vom Gesseler Bahndamm

Am 2. Januar 1965 stand sie zum ersten Mal an dem Blumenstand ihres Schwiegervaters Rudolf Reinhardt auf dem Bremer Liebfrauenkirchhof. „Und ich hatte von Tag eins an richtig Lust dazu“, erinnert sich Reinhardt mit einem Lachen. Opa Reinhardt beschickte den Markt schon seit 1959. Damals nahm er die Blumen noch auf dem Moped mit zum Markt. Die Blumen kamen aus dem eigenen Hausgarten, sein Sohn Helmut („Charlie“) erweiterte das Angebot, indem er am Gesseler Bahndamm Lupinen pflückte und im Moor Rohrkolben („Bullenpesel“) schnitt.

1967 übernahmen Charlie und Helga Reinhardt das Blumengeschäft und hatten inzwischen einen VW-Bus erworben. Ihr Blumensortiment erweiterten sie um Schnittblumen, die sie vom Hamburger Blumenmarkt und von Selbsterzeugern in den Vierlanden holten.

Aber die selbst gezogenen Freilandrosen, Dahlien und Sonnenblumen blieben das wichtigste Standbein des Betriebes. In den Sommermonaten kauften sie überhaupt keine Blumen mehr zu und lagen damit im Trend, weil die Kundschaft Schnittblumen aus eigenem Anbau gerne kaufte.

Helga Reinhardt als junge Marktfrau Anfang der 1970er-Jahre in Bremen.

Für Reinhardt hat bis heute jede Jahreszeit ihren Reiz. Mit einem wehmütigen Seufzen denkt sie an die Wintermonate in den 70er-Jahren zurück, als der Gang über den Markt für viele Familien der Standard-Einkauf war. „Da haben wir 4000 Adventsgestecke in einer Saison verkauft.“ Gestecke, die nicht von Himmel fielen, sondern daheim in Handarbeit gesteckt wurden. „Da gab’s bei uns zu Hause keinen Raum, in dem kein Gesteck stand.“

Prominente Stammkundschaft

Die hohe Qualität der Produkte sprach sich herum: Viele Kunden kamen über Jahrzehnte nahezu wöchentlich zum Reinhardtschen Blumenwagen. Zu Helga Reinhardts Stammkundschaft gehörte auch Bremer Prominenz wie der ehemalige Senatspräsident Reinhard Metz, Ex-Bürgermeister Hans Koschnick oder Claus Grobecker. Ein ganz treuer Kunde ist Henning Scherf. „Er hat oft betont, wie gern er unsere Blumen aus Gessel kauft, weil sein Schwiegervater bekanntlich der ehemalige Syker Landrat war“, berichtet sie.

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Helga Reinhardt war für mehr als 50 Jahre eine Konstante auf dem Bremer Blumenmarkt, wo sie ihren Wagen meistens so platzierte, dass sie die Bremer Stadtmusikanten im Blick hatte. Wenn Weihnachtsmarkt oder Bürgerpark-Tombola stattfanden, dann musste sie in den Schoppensteel ausweichen. „Ich kenne in Bremen mehr Leute als in Syke“, hat sie überlegt,

Auch nachdem Charlie Reinhardt 2019 gestorben war, fuhr sie weiter dreimal in der Woche zum Blumenmarkt und wurde in der Hochsaison von ihrem Sohn Thomas Reinhardt unterstützt, der 2002 den elterlichen Betrieb übernommen hatte.

Gutes Gedächtnis für Gesichter

Wie lange sie schon ihre Blumen verkaufte, wurde ihr immer bewusst, wenn sie von Kunden angesprochen wurde, die einige Zeit außerhalb Bremens gelebt hatten und dann ganz überrascht sagten: „Wie schön, dass Sie immer noch hier sind.“ Ihr gutes Gedächtnis für Gesichter war dabei ein Trumpf. Wie bei dem Kunden, den sie nach langer Zeit wiedererkannte. „Sie hab ich ja bestimmt seit zehn Jahren nicht mehr gesehen!“, begrüßte sie ihn – und erhielt die Antwort: „Zehn Jahre? Ich lebe seit 25 Jahren in Kanada!“

Sonnenblumen, Dahlien und Rosen aus dem eigenen Garten: der Reinhardtsche Blumenwagen in den 1970er-Jahren.

Die Nähe ihres Standes zu den Stadtmusikanten und dem Rathaus führte dazu, dass sie häufig zum Foto-Objekt von Touristen wurde. „Deshalb musste ich mich auch etwas gepflegter kleiden“, erklärt sie und fügt schmunzelnd hinzu „aber nur obenrum“.

Heute sind das Geschäft und das sechs Hektar große Grundstück, das in den vergangenen Jahrzehnten so viele prächtige Blüten hervorgebracht hat, nicht mehr in Familienhand. Am Donnerstag, passend umrahmt vom bunten Weihnachtsmarkt auf dem Bremer Marktplatz, nimmt dieser Lebensabschnitt für Helga Reinhardt sein Ende. „Ein lachendes und ein weinendes Auge“ hat sie beim Gedanken an den Abschied, an ihr letzte Mal als „die Blumenfrau“.

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