Adventskalender-Projekt gibt Arbeitslosen-Lehrgang moralischen Auftrieb

Gemeinsam aus dem Tal

Adventskalender für einen Kindergarten im Ahrtal hat der aktuelle Lehrgang vom „Aktiv Center“ am Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) als gemeinschaftliche Projektarbeit gebastelt. Im Vordergrund: Die Betreuer Claudia Wittig und Martin Seiters. Hinten: Teilnehmer David. Seine Mitstreiter M. und C. (beide verdeckt) möchten unerkannt bleiben.
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Adventskalender für einen Kindergarten im Ahrtal hat der aktuelle Lehrgang vom „Aktiv Center“ am Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) als gemeinschaftliche Projektarbeit gebastelt. Im Vordergrund: Die Betreuer Claudia Wittig und Martin Seiters. Hinten: Teilnehmer David. Seine Mitstreiter M. und C. (beide verdeckt) möchten unerkannt bleiben.

Syke – Anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, zaubert einem selber auch ein Lächeln ins Gesicht – Das war die Idee hinter dem jüngsten Projekt des aktuellen Lehrgangs am „Aktiv Center“ beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) an der Boschstraße. Die Teilnehmer – früher hätte man sie als Langzeitarbeitslose bezeichnet – haben Adventskalender für einen vom Hochwasser zerstörten Kindergarten im Ahrtal gebastelt. „Es hat funktioniert“, sagt Betreuerin Claudia Wittig. „Die Gruppe hat dadurch einen spürbaren Motivationsschub erhalten.“

Der Punkt ist: Die Teilnehmer kommen nicht freiwillig ins Aktiv Center. Sie werden vom Jobcenter des Landkreises dort zugewiesen. Weil sie am Arbeitsmarkt als nicht vermittelbar gelten und die unterschiedlichsten Defizite aufweisen. „Einfach nur ein bisschen Bewerbungen schreiben üben, Stärken und Schwächen erkennen: Das ist es für vielleicht 10 Prozent“, sagt die Sozialpädagogin. „90 Prozent benötigen Unterstützung, um überhaupt mit beiden Beinen im Leben zu stehen.“ Gemeinsam mit ihrem Kollegen Martin Seiters arbeitet Claudia Wittig daran, dass ihre Klienten diese Unterstützung bekommen.

Das Spektrum ist so weit wie der Weltraum. Das geht los beim Erwachsenen ohne Schulausbildung, der durch ein Praktikum jetzt Aussicht auf eine Ausbildung hat, ohne ein einziges Schulzeugnis vorlegen zu können (Wittig: „Solche Firmen findet man nicht oft!“). Und das endet beim Komplettverweigerer, der die Verantwortung für sein eigenes Leben grundsätzlich überall sieht, nur nicht bei sich selbst. „Da müssen wir feststellen: Woher kommt das eigentlich?“, sagt Martin Seiters. „Und kann man einen Punkt finden, an dem man den packen kann? Manchmal gelingt das, und manchmal nicht.“

Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es praktisch nichts, das es nicht gibt. Durchaus auch dramatische Schicksale. Claudia Wittig erzählt von einem selbstständigen Unternehmer, der eine florierende Firma geführt hatte. „Dann wurde er krank und konnte seine Aufträge nicht mehr abarbeiten. Aber er hat nicht die Reißleine gezogen, sondern sich selbst was vorgemacht: ,Ich schaff das schon!‘ Er hat’s aber nicht geschafft, bis alles über ihm zusammengebrochen ist.“ Mit der wirtschaftlichen Pleite hatte die Abwärtsspirale aber erst begonnen. Sein Privatleben ging zu Bruch – und seine Psyche. Jetzt hat er auch noch seine Wohnung verloren und wird auf die Straße gesetzt. „Wir machen Arzttermine für ihn und packen seine Kartons. Weil er das selber nicht mehr kann“, sagt Claudia Wittig. „Unser Ziel ist, dass er an einen geeigneten Träger angebunden werden kann, der ihm die nötige Unterstützung gibt.“

All das geht weit über das hinaus, was das Aktiv Center am BNW eigentlich leisten soll. Das wäre zunächst mal: Die Vermittlung von fehlenden schulischen Grundlagen in Deutsch, Mathe und Allgemeinwissen. Und Grundlagen der persönlichen Kommunikation. Wie telefoniere ich? Wie stelle ich mich vor? Wie stelle ich mich dar? Körpersprache, Gestik, Mimik. Immer ein halbes Jahr dauert so ein Lehrgang am Aktiv Center. Im Einzelfall ist auch mal eine Verlängerung drin.

Zum aktuellen Lehrgang ist David als letztes dazugestoßen. Und mit 27 ist er auch der jüngste der Gruppe. Nach der Hauptschule hätte er gerne eine Lehre im Kfz-Bereich angefangen, erzählt er. „Aber die Betriebe wollten mindestens einen Realschulabschluss haben, wenn nicht sogar Abitur.“ Und noch mal die Schulbank drücken, das kam für David nicht infrage. Also hat er gejobbt. „Das längste waren zwei Jahre in Festanstellung als Gärtner“, erzählt er. Aber es gab Reibereien mit dem Chef. „Ich hab dann gekündigt.“ Kassierer ist er danach gewesen, Lagerhelfer und kurze Zeit sogar Web-Entwickler. „Eine Firma in Weyhe wollte mich sogar einstellen. Aber als Vollzeitjob? Den ganzen Tag im Büro hocken? Ich muss raus und mich auspowern können.“

Etliche Praktika in Autowerkstätten hat David hinter sich, immer in der Hoffnung, darüber doch noch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. „Es hat nicht geklappt.“ Den BNW-Lehrgang findet er „ganz angenehm“ und gibt zu: „Das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Nächste Woche beginnt für ihn ein neues Praktikum. Vielleicht wird es ja doch noch was mit der Kfz-Ausbildung.

Anders als David hat M. noch nie in ihrem Leben für Geld gearbeitet. Sie stammt aus Großbritannien, ihre Familie hat pakistanische Wurzeln. Als junges Mädchen ist M. mit einem Pakistani aus Deutschland verheiratet worden und so hierhergekommen. Zehn Jahre lang hat sie ihre Schwiegermutter gepflegt. Die ist inzwischen gestorben und M. ist geschieden. Und jetzt muss sie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Bloß wie? Sie hat zwar ihr Leben lang gearbeitet, aber noch nie in einer Firma. Beim BNW soll sie lernen, wie das überhaupt ist. „Mein Ziel wäre ein Job im Küchenbereich oder in der Reinigung.“

Im Gegensatz zu M. ist C. jahrelang durchaus qualifiziert berufstätig gewesen. Dann kamen zwei Kinder, die sie großgezogen hat. „Und dann war ich älter“, sagt sie lachend. Soll heißen: Beruflich hatte sie den Anschluss völlig verloren. „Als ich gelernt habe, hab ich noch auf ‘ner Kugelkopfmaschine geschrieben. Heute weiß kaum jemand mehr, was das überhaupt ist.“ Was erhofft sie sich? „Wenn ich das wüsste! Ich würde gerne etwas Gestalterisches machen“, sagt sie. „Was mit Kindern könnte ich mir auch vorstellen.“

Übrigens: Die Adventskalender gehen am Wochenende auf die Reise. Eine Bekannte von Claudia Wittig bringt sie ins Ahrtal und überreicht sie dort an die Kindergartengruppen.

Von Michael Walter

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