Das geheime Leben des Vaters

Christiane Palm-Hoffmeister bewegt mit „langer Suche nach meinem Vater“

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In der intimen Atmosphäre der Stadtbibliothek wussten Martin Heckmann und Christiane Palm-Hoffmeister Emotionen in ihren Zuhörern zu wecken.

Syke - Von Marc Lentvogt. Christiane Palm-Hoffmeister sitzt im Halbdunkel der Stadtbibliothek. Ihr Gesicht spiegelt Zerrissenheit wieder – Trauer, Bedauern, Abschied von jemandem, den sie kaum kannte. War ihr Vater ein guter Mann? Oder war er ein Mitläufer der Nationalsozialisten, vielleicht gar Teil der „Panzertruppe der Rechtspflege“ wie Roland Freisler, berüchtigter Strafrichter im NS-Deutschland, die Sondergerichte nannte? „Wo war er, als das angerichtet wurde?“, fragt sie in den Raum.

Die Frage hallte noch in der Pause der Lesung in den Köpfen der 50 Zuhörer wider. Was weiß ein jeder über das Erbe seiner Familie? „Wir haben nicht gefragt, und als wir fragen konnten oder wollten, waren unsere Väter tot oder nicht mehr in der Lage, sich zu erinnern“, erzählt ein Zuschauer in der Pause. Das Bedauern ist in der kleinen Runde greifbar.

Es gab bereits eine schwangere Ehefrau

„Ende gut. Alles!?“, das Buch zu Palm-Hoffmeisters Lesung, entführt Leser und Zuhörer nicht in eine Parallelwelt, in ein fiktives Szenario, sondern in dunkle Ecken der Vergangenheit – schmerzhaft, weil sie im Schatten liegen, schmerzhaft, weil es unmöglich scheint, Positives über die eigenen Vorfahren zu lernen.

Christiane Palm-Hoffmeister hat der Suche nach ihrem Vater viele Jahre gewidmet, denn sie kannte ihn kaum. Erst mit acht Jahren kam sie darauf, dass es einen lebenden Vater geben müsse. Mit zehn Jahren dann folgte das erste Treffen. Doch, so sagt sie, sie „kennt ihn nur durch seine Briefe, seine Ausreden, seine Lügen, seine Poesie“. Mutter und Vater teilten einst den Weg von der S-Bahn bis zur Arbeit, ihrer Liebe entsprang eine Tochter. Aber: Es gab bereits eine schwangere Ehefrau.

Widerstandskämpfer oder Nationalsozialist?

Die Briefe, das wird in der Aufzählung deutlich, werfen bei Palm-Hoffmeister auch nach Jahren des Lesens mehr Fragen auf, als dass sie ihr Antworten liefern. „Ich bin dankbar, dass du mich an deiner Freude teilhaben ließest, an Christiane“, schreibt er ihrer Mutter Eva 1953. „Liebe Christiane, hoffe es geht dir gut. Brief folgt“, heißt es Jahre später auf einer Zahlungsanweisung, aber 1944, am Tag nach dem Attentat auf Adolf Hitler? „Ich fühle, es wäre mit Deutschland vorbeigewesen.“

Wie viele Gräueltaten kann jemand vollbringen, der mit seiner Geliebten gern in Gedichtform kommuniziert, wie viel Glauben darf einer Person geschenkt werden, die 49 Jahre lang die Briefe seiner Geliebten und seiner Tochter vernichtet, damit seine Familie, Frau und zwei Töchter, nicht von seiner Leidenschaft für eine Andere erfährt? War Palm-Hoffmeisters Vater Widerstandskämpfer in der Mitte des Systems oder doch treuer Nationalsozialist?

Intimer Einblick in die Familie

Es bedarf einer besonderen Stärke, immer weiter nach Antworten zu suchen, und ein- oder zweimal schien es am Mittwochabend, als könnte Palm-Hoffmeisters Stimme brechen. Wer konnte es ihr verübeln, hatte sie ihren Vater doch längst verurteilt: „Wenn er nur ein Wort gesagt hätte. Über die Wahrheit. Stattdessen spricht er von Tischtennis. Verlorene Worte, vergebene Chancen – Urteil: Schuldig!“

Und dann hörte sie ihn immer wieder zärtlich sprechen. Schauspieler Martin Heckmann las aus den Briefen des Vaters. Er verstand es, jedem Gedicht intime Zärtlichkeit zu verleihen, jeden Zukunftstraum hoffnungsfroh erklingen zu lassen und Schuld in jede Ausrede zu legen. Christiane Palm-Hoffmeister hatte nicht allein das Gefühl, ihren Vater sprechen zu hören, denn keine Zeile klang wie vorgelesen.

Bedrückende Fakten, Trauer und vergebliches Warten auf Antworten erlauben es kaum, eine Veranstaltung als „schön“ zu bezeichnen, wohl aber als wertvoll und bereichernd. Christiane Palm-Hoffmeister ist dafür zu danken, dass sie Antworten gesucht hat auf Fragen, die viele nicht zu stellen wagen, und intime Erkenntnisse geteilt hat, um dem Vergessen entgegenzuwirken. Und das, obwohl sie selbst niemals eine definitive Antwort erhalten hat. „Ich hoffe, dass er ein guter Mensch war, zumindest seine Gene sind ja ...“ Der Rest des Satzes geht im Applaus des Publikums unter.

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