Stadt Syke und Gemeinde Weyhe mit besonderem Konzept für Holocaust-Gedenktag

Gegen die Unmenschlichkeit!

+
Mit vereinten Kräften und einem besonderen Konzept soll Opfer gedacht und Anfängen gewehrt werden.

Syke - Von Marc Lentvogt. Syke und Weyhe hätten es sich einfach machen können. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz, seit 1996 gedenkt die Bundesrepublik an diesem Tag der Opfer. So auch am kommenden Samstag. Eine Lesung im Rathaus, Pflicht erfüllt. Doch dafür steckt zu viel Leidenschaft in Stadt und Gemeinde – Leidenschaft für eine freie Gesellschaft, die nicht vergisst.

„Natürlich gedenken wir der Opfer“, erläutert Weyhes Bürgermeister Andreas Bovenschulte, „aber wir machen es auch wegen des ,Nie wieder!’ Den Anfängen zu wehren ist in dieser Zeit, in der Teile der Gesellschaft menschenfeindliches Gedankengut äußern, wichtig“. Allgemeine Aussagen, kleine, voneinander losgelöste Veranstaltungen können diesem Anspruch nicht gerecht werden.

Einzelschicksale und Momente aus den Leben der Opfer hingegen sollen das Geschehene „erlebbarer und aufnehmbarer“ machen, wünscht sich Sykes Verwaltungschefin Suse Laue. Wie das aussehen könnte? Yvo Warmers hat mit seinen Schülern von der Realschule Syke eine szenische Lesung einstudiert. „Eine Abschiedsszene aus Theresienstadt, soll die Zerrissenheit zwischen Angst und Hoffnung zeigen.“

Dabei handelt es sich nicht um einen fiktiven Moment, sondern um eine Begebenheit aus dem Leben Helga Pollak-Kinskys. Die damals Achtjährige führte im Konzentrationslager ein Tagebuch, welches eine der Grundlagen für das Projekt „Die Mädchen von Zimmer 28“ geworden ist. Pollak-Kinsky lebte in diesem Zimmer – auf etwa 30 Quadratmetern mit 29 weiteren Mädchen.

Dessen Mitinitiatorin Hannelore Brenner-Wonschick besucht Syke am Samstag und führt durch den Gedenktag. Neben der szenischen Lesung der Schüler tragen auch Suse Laue und Andreas Bovenschulte aus dem Tagebuch vor. Syker Realschüler werden ein Lied – die „Hymne der Mädchen von Zimmer 28“ – singen. Normalerweise sei der Nationalsozialismus kein Thema im Musikunterricht, aber die Schüler hätten sofort einen Chor gegründet. „Sie haben das selbstständig gemacht, ich zeige eigentlich nur den Weg“, äußert sich Musiklehrer Tobias Apel bescheiden. Die Hymne, die sie in einer ins Deutsche übersetzten Form vortragen, sei ein abendliches Ritual der Mädchen gewesen, mit dem sie einander den Mut zusprachen, den sie benötigten, um tagtäglich die Kraft aufzubringen, weiterzuleben. Die Schüler selbst beschreiben es als „extrem ausdrucksstarkes Lied“.

Schülerinnen und Schüler der Realschule Syke werden auf dem Holocaust-Gedenktag die „Hymne der Mädchen von Zimmer 28“ singen. Ihr Engagement ist so groß, dass ihre Lehrer Yvo Warmers und Tobias Apel eigentlich kaum noch etwas zu tun haben.

Ein weiterer musikalischer Beitrag kommt aus Berlin. Das Ensemble Zwockhaus widmet sich dem Kabarett – dieses wurde von den in Theresienstadt Eingepferchten gepflegt und heute erinnern die Künstler mit der Aufnahme ihrer Werke an den Überlebenswillen der im Dritten Reich vertriebenen, verfolgten und ermordeten Künstler.

„Es ist obszön, was die Nazis da versucht haben – einen Vorzeige-Ghetto zu bauen“, erklärt Hermann Greve, Stadt- und Gemeindearchivar sowie historischer und gesellschaftspolitischer Berater, wie Kultur und Ghetto in Theresienstadt zusammengekommen sind. Ihm ist es wichtig „in diesen Wochen und Monaten deutliche Zeichen zu setzen“.

Am Sonnabend soll dieses Zeichen ab 17.30 Uhr im Syker Rathaus in Form eines „bunten, aber angemessenen Programms“ gesetzt werden. Stadt, Gemeinde, Schule, und Künstler werden alles dafür tun, dass, so Andreas Bovenschultes Wunsch, „der Gedenktag keine lästige Pflichtübung wird“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Sieg gegen Real: Atlético Madrid holt UEFA-Supercup

Sieg gegen Real: Atlético Madrid holt UEFA-Supercup

Weiter Vermisste unter Trümmern in Genua

Weiter Vermisste unter Trümmern in Genua

Mia san wieder weg: Abschiede vom FC Bayern nach einem Jahr

Mia san wieder weg: Abschiede vom FC Bayern nach einem Jahr

Ford Focus im Test: Aller guten Dinge sind vier

Ford Focus im Test: Aller guten Dinge sind vier

Meistgelesene Artikel

Großbrand auf Bauernhof in Sulingen: Eine 60-Jährige verletzt

Großbrand auf Bauernhof in Sulingen: Eine 60-Jährige verletzt

Im Angesicht von Wespen: Bloß nicht pusten!

Im Angesicht von Wespen: Bloß nicht pusten!

„Großes Bahnhofsfest“: Spaß für Leute jeden Alters

„Großes Bahnhofsfest“: Spaß für Leute jeden Alters

57-Jähriger stirbt bei Frontal-Crash auf Dreyer Südumgehung

57-Jähriger stirbt bei Frontal-Crash auf Dreyer Südumgehung

Kommentare