Interkulturelle Woche thematisiert das Schicksal minderjähriger Flüchtlinge

Geflohen, weil sie nicht zur Waffe greifen wollten

Syke - Die beiden Jungen sitzen nebeneinander auf dem Sofa. Sie tragen Jeans und T-Shirt, wirken wie 16 oder 17 Jahre. Doch sie sind erst 13. Und was sie erzählen, klingt wie aus einem Kriegsfilm. Einer von ihnen wurde von der Taliban entführt, tagelang ohne Essen und Trinken eingesperrt, bis er schließlich fliehen konnte. Der andere erlebte, wie Vater und Bruder mit dem Tode bedroht wurden, weil sie für die Polizei in Kabul arbeiteten. Die Familien der beiden Jungen aus Afghanistan übergaben sie einem Schlepper, der sie über mehrere Länder nach Deutschland bringen sollte.

Der wiederum gab sie an einen anderen Schlepper. Und der wieder an einen anderen. Keiner behandelte die Jungen gut, mehr wie Ware, bei der man nicht darauf achten muss, dass sie lebend an ihr Ziel gelangt. Ein Mann überlässt sie einmal auf halber Strecke ihrem Schicksal. Man schießt auf sie, steckt sie sogar ins Gefängnis.

Doch am Ende haben sie ihr Ziel erreicht. Nun sind sie in Deutschland, können ihre Angehörigen nur über ein Smartphone erreichen und stehen jedesmal bei Nachrichten über neue Anschläge in ihrer Heimat Todesängste um ihre Familien aus. Die Mütter vermissen ihre Jungen sehr und weinen viel, die Väter sagen klar, was sie von ihren Söhnen erwarten: „Gib dein Bestes! Sei fleißig in der Schule, damit du später deinem Land helfen kannst.“ Hoher Erwartungsdruck, der auf den Schultern zweier – im Grunde noch Kinder – lastet, die allein in einem fremden Land sind, dessen Sprache sie gerade erst zu lernen beginnen.

Der Film „Eine etwas andere Kindheit“, den der Verein Pro Asyl neben zwei weiteren während der Interkulturellen Woche im Landkreis Diepholz zeigt, macht betroffen. Zum Bedauern von Rahmi Tuncer fand sich am Dienstagabend nur eine einzige Besucherin ein, die ihn schauen wollte. Aber das sei sowas wie ein „Syke-Phänomen“ der aktuellen Interkulturellen Woche. Die Veranstaltungen in Barnstorf und Diepholz in der vergangenen Woche seien sehr gut besucht gewesen. „In Barnstorf waren über 40 Leute, Flüchtlinge und Einheimische, und nach dem Film wurde noch fast drei Stunden miteinander gesprochen“, schwärmt Tuncer. Die Flüchtlinge, von denen viele aus dem Irak kommen, erzählten von ihrer Flucht vor dem IS und die Einheimischen stellten Fragen. Nach dem Film, in dem es um den Krieg Saddam Husseins gegen die Kurden ging, seien bei vielen Flüchtlingen Tränen geflossen. Nur in Syke sei keiner gekommen, weder Flüchtlinge, noch Einheimische. Und das wiederholte sich am vergangenen Dienstag. „Ich weiß nicht, woran das liegt“, so Tuncer. „Vielleicht machen wir was falsch, aber wir hören deswegen nicht auf.“

Das Engagement des Vereins Pro Asyl hat einen aktuellen Anlass. Die EU hat am Wochenende mit Afghanistan ein Abkommen über die Rückführung von Flüchtlingen abgeschlossen. Tuncer kann das nicht nachollziehen. „Das Land ist nicht sicher.“ Darum liege der Schwerpunkt der Interkulturellen Woche dieses Jahr auf den minderjährigen Flüchtlingen, besonders auf den Afghanen. „Es gibt etwa 20 Jugendliche im Landkreis Diepholz, die allein gekommen sind. Sie sind geflohen, weil man sie zwingen wollte, die Waffe in die Hand zu nehmen und für eine Seite zu kämpfen: Entweder für den Staat oder für die radikalen Gruppen wie Taliban oder Al-Qaida. Ein Junge, der über 14 Jahre alt ist, gilt dort als kampfbereit. Familien mit Geld bestechen oft die Behörden, um ihrem Sohn den Dienst zu ersparen, aber irgendwann entscheiden sie sich dafür, lieber ihr Geld einem Schlepper zu geben, der ihr Kind hoffentlich in Sicherheit bringt.“

Viele seien erstmal in den Iran geflohen, doch dort bietet der IS viel Geld für jeden Halbwüchsigen, der in ihre Reihen wechselt. Im Moment hätten die afghanischen Flüchtlinge furchtbare Angst, sie könnten zurückgeschickt werden. „Die Kinder, die herkommen, haben eine Odyssee hinter sich, sind schwer traumatisiert. In der Interkulturellen Woche wollen wir auf ihre Lage aufmerksam machen, aufklären und Verständnis wecken, wobei sich im Landkreis Diepholz sehr gut um sie gekümmert wird“, sagt Tuncer.

Die letzte Veranstaltung der Interkulturellen Woche findet morgen um 19 Uhr, im Welthaus Barnstorf, Bahnhofstraße 16 statt. Sie ist kostenlos, eine Anmeldung unter 05442/804530 oder unter 04242/6126 oder mobil unter 01577/1383752 oder auch per E-Mail ist erforderlich.

rahmi-tuncer@welthaus-barnstorf.de

Von Julia Kreykenbohm

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