Im Landkreis Diepholz finden sich viele Hinweise auf die NS-Zeit

Vom Gefängnis in Bassum in das Lager Buchenwald

Rebecka und Iwan Deichmann nach gelungener Flucht in Brasilien.

Syke - Von Bjarne Dänekas. Vor rund zehn Jahren, im Sommer 2006, verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig die ersten „Stolpersteine“ in Syke. „Diese Steine in ihrer unauffälligen Auffälligkeit überzeugen uns vor allem durch ihre Unmittelbarkeit. Sie sind genau dort zu finden, wo unsere jüdischen Nachbarn in Syke gelebt haben“, schreibt Ralf Michel für den Arbeitskreis 9. November in Hermann Greves Dokumentation „Stolpersteine – Der Erinnerung einen Namen geben“. Sie dienen dem Gedenken an die Opfer der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit.

Eines dieser Opfer war Familie Deichmann aus Syke. „In ihrem Haus an der Nienburger Straße wurden Minna Deichmann und Tochter Ruth am Morgen des 10. November 1938 von den Ereignissen der ,Reichskristallnacht’ überrollt. SA-Männer stürmten die Wohnung, durchsuchten die Räume und beschlagnahmten Bargeld“, so der Syker Stadtarchivar Hermann Greve in seinem Material für Vortragsveranstaltungen.

Zuvor war die Vermieterin des Tabakwarenhändlers Iwan Deichmann – der Schwager von Minna Deichmann – und dessen Frau Rebecka ein Opfer des „Volkszorns“ geworden. Da die Vermieterin sich weigerte, auf Aufforderung der Nationalsozialisten der jüdischen Familie ihre Wohnung zu kündigen, wurde ihr Name im „Stürmer-Kasten“ veröffentlicht. Darin war jeweils die aktuellste Ausgabe der antisemitischen Wochenzeitung „der Stürmer“ kostenlos zu lesen. Schließlich drohten die Parteistellen sogar mit der Enteignung ihres Erbhofes.

Die in Syke lebenden jüdischen Männer wurden nach der Pogromnacht in die örtliche Turnhalle gebracht, unter ihnen war auch Iwan Deichmann. Es folgte die Einlieferung in das Amtsgerichtsgefängnis in Bassum, wo im Gefangenenbuch unter der Rubrik „Straftat“ schlichtweg „Jude“ eingetragen wurde. „Das Ziel war Buchenwald, wo im Verlauf des 11. November über 3 000 Juden eingeliefert wurden“, teilt Greve mit. Der hannoversche Rechtsanwalt Dr. Horst-E. Berkowitz, der am Weimarer Bahnhof eintraf, schreibt: „Wir landeten dann im Bahnhofstunnel und mussten uns fünf Mann hintereinander mit dem Gesicht zur Wand stellen. Ich hatte das Unglück, in der hintersten Reihe zu stehen, wo ich sofort einen Kolbenhieb in den Nacken erhielt, so dass ich stürzte und bewusstlos wurde.“ Im Konzentrationslager wurden die Gefangenen mit grausamsten Misshandlungen und Brutalität konfrontiert. Nach wenigen Wochen und Monaten wurden die ersten Juden entlassen, die sich verpflichteten, alsbald Deutschland zu verlassen.

500 Arbeiter im Barackenlager Diepholz

Als die im Ausland lebenden Deichmann-Brüder erfuhren, welches Schicksal ihrem Vater Iwan widerfahren war, nutzten sie alle Mittel, um ihre Eltern zu retten. Der erfolgreiche, in Brasilien lebende Geschäftsmann Erich Deichmann verfügte über gute Kontakte zur brasilianischen Regierung, wodurch die Auswanderung glückte und die Familie Deichmann zu einer verschwindend kleinen Gruppe von Emigranten gehörte, die um die Jahreswende 1938/39 Aufnahme in Brasilien fanden.

Doch nicht nur die Judenverfolgung hat ihre Spuren im Landkreis hinterlassen: Insgesamt sollen 94 Kriegsgefangenen- und elf Fremdarbeiterlager im Altkreis Grafschaft Diepholz eingerichtet worden sein. Eines der größten, ein Barackenlager, befand sich in Diepholz, in der Nähe des Fliegerhorstes. Etwa 500 Zivilarbeiter aus Frankreich, Belgien und der UdSSR arbeiteten dort im Werft- und Nachschubbetrieb. „Weitere 100 ukrainische Fremdarbeiterinnen wurden in der Munitionsfabrik Rehden beschäftigt, wo infolge eines Explosionsunglücks 18 ukrainische Frauen und zwei französische Zivilarbeiter ums Leben kamen“, heißt es in Greves Werk „Nach-Kriegs-Jahre“.

Neun männliche und weibliche Arbeitskräfte beschäftigte der für seine grausame Behandlung ausländischer Arbeitskräfte berüchtigte Fahrenhorster NSDAP-Ortsgruppenleiter. „Welche Behandlung den Fremdarbeiterinnen und -arbeitern auf der Hofstelle im Fahrenhorster Ortsteil Warwe widerfuhr, bleibt wie so oft undurchschaubar“, schreibt Greve. Als der Arbeitgeber jedoch am 5. Mai 1945 von russischen oder polnischen Männern erstochen wurde, war für den damaligen Barrier Pastor klar: Der Mann sei als „Polen- und Russenschinder“ erstochen worden.

Nachdem 1958 ein Neusiedler eine skelettierte Leiche entdeckte, meldete er es der Kreiszeitung. Im Pressebericht heißt es: „Die Untersuchung der Überreste des Toten durch den zuständigen Gerichtsarzt ergab, dass es sich um einen Jugendlichen gehandelt hat. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen endeten mit der Feststellung, dass der Tote ein ausländischer Arbeiter gewesen war, der während des Krieges nach Deutschland gekommen und in Warwe als landwirtschaftlicher Gehilfe beschäftigt gewesen war. Kurz vor dem Zusammenbruch verschwand er. Wie sein Arbeitgeber damals sagte, war ihm der junge Bursche wieder ausgerissen, als er ihn gerade auf den Hof zurückbringen wollte. Er hatte den Flüchtling außerhalb abgeholt, wo man diesen nach seiner ersten Flucht angehalten hatte [...] Der tote Junge wies eine Schußwunde auf, wie der Befund ergab. Zweifellos liegt ein Verbrechen vor. Der Arbeitgeber lebt nicht mehr. Er wurde 1945 von ausländischen Arbeitern auf scheußliche Weise umgebracht“.

Dieses Verbrechen ist heute noch in den Köpfen der älteren Generation der Grafschaft Hoya präsent, meint Greve. Und auch die Schicksale der ehemaligen jüdischen Nachbarn würden dank der Stolpersteine niemals in Vergessenheit geraten.

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