Gedenkfeier zum Volkstrauertag von Pariser Terror-Anschlägen überschattet

Frieden geht nur gemeinsam

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Gedenken im strömenden Regen: SSK-Vorsitzender Gerhard Hoberg, Bürgermeisterin Suse Laue und Ortsbürgermeisterin Gaby Beständig legten vor dem Festakt am Rathaus einen Kranz beim Denkmal an der Christuskirche nieder.

Syke - Von Michael Walter. Der Volkstrauertag war ursprünglich ausdrücklich ein „nationaler“ Trauertag. Ist er schon längst nicht mehr: Lange schon gedenken die Teilnehmer „aller“ Toten von Krieg und Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert. Und gestern in Syke – wie in vielen anderen Orten auch – der Terror-Opfer von Paris.

Die Anschlag-Serie, bei der am Freitag Abend mehr als 120 Menschen starben, nannte Bürgermeisterin Suse Laue in ihrer Ansprache beim Festakt im Ratssaal einen „extremistischen Angriff auf unser demokratisches System“. Sie betonte die „Pflicht, sich diesem Angriff entgegen zu stellen. Nicht mit Gegengewalt, sondern mit den Mitteln, die die Verfassung und das demokratische System zulassen.“

Die Bilder in den Nachrichten machten uns bewusst, dass die Welt nicht friedlich sei, so Laue. „Die Flüchtlinge, mit denen wir jetzt konfrontiert werden, sind Opfer dieser Gewalt. Viele sind auf der Flucht gestorben oder im Mittelmeer ertrunken. Es ist unsere humanistische Aufgabe, die in unserer Geschichte wurzelt, diese Menschen hier willkommen zu heißen.“ Und sie erinnerte daran: „Erst das Zusammenrücken der Nationen in Europa hat einen dauerhaften Frieden möglich gemacht.“

Im Mittelpunkt des Festakts vor etwa 70 Gästen – vorwiegend Mitglieder der Feuerwehr sowie der aus dem früheren Kriegsveteranenverein hervorgegangenen Syker Schießsportkameradschaft (SSK) und anderer Vereine – standen jedoch acht Mädchen der Klasse 10a der Realschule: In einer Art szenischer Lesung trugen sie zunächst Auszüge aus Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg vor, um dann im Verlauf den Bogen in die Gegenwart zu schlagen.

Das Ergebnis war sehr pointiert und eindrucksvoll. Beispielsweise die Schilderung eines Kavallerie-Angriffs: Winkend, lachend, mit blitzenden Säbeln und bunten Federbüschen ziehen die Reiter am Briefverfasser vorbei, bis sie außer Sicht sind. Dann schildert er mit knappen Worten in der Ferne hörbares MG-Feuer, und danach wie reiterlose Pferde in die Gegenrichtung zurück galoppieren.

Kommentarlos stellen die Schülerinnen gegenüber: Die Stärke der belgischen Armee vor dem Einmarsch der deutschen Truppen im August 1914 und drei Wochen danach. Sie zählen auf: „Krieg ist die Abwesenheit von...“ – und lesen zum Schluss die Namen der getöteten Soldaten aus Syke vor. Darunter ein Heinrich Sievers, der 1915 an der Front ums Leben kam. Was mag in diesem Moment wohl dem Heinrich Sievers von der Stadtverwaltung durch den Kopf gegangen sein, der den Mädchen einen Meter gegenüberstand und ihnen das Mikrofon hielt?

Von 1915 führen die Schülerinnen zurück in die Gegenwart: Zu Kriegsflüchtlingen, die in Mazedonien und an der bulgarischen Grenze erschossen worden sind. Und zu dem Zitat: „Wenn du mehr hast als du brauchst, bau einen längeren Tisch und keinen höheren Zaun.“ Ihr Vortrag endet mit der Beschreibung eines Soldatenfriedhofs: Jeder Regen wäscht auf den Kreuzen die Namen der Toten ein wenig weiter aus, die so ständig erneuert werden müssen – oder sonst einfach verschwinden.

Gerhard Hoberg als Vorsitzender der SSK zeigte sich ernüchtert: Der Volkstrauertag sei 1945 aus der Idee „Nie wieder Krieg!“ entstanden. Doch wie solle man dieses Ideal jungen Menschen glaubhaft machen, angesichts der vielen Kriege auf der ganzen Welt? „Es muss doch möglich sein, egal welcher Hautfarbe und egal welchen Glaubens, friedlich miteinander zu leben!“ Anschläge wie jetzt in Paris schürten hingegen nur Hass – und damit neue Gewalt.

Die Begründer des Volkstrauertags hätten immer gehofft, er möge eines Tages zum „Friedensgedenktag“ umbenannt werden. „Jedoch“, schloss Hoberg, „das wird wohl ein Wunschtraum bleiben.“

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