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Furchtlose kleine Retter in Barrier Grundschule

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Von: Michael Walter

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Grundschüler testen Wiederbelebungsszenarien an Dummy
Wenn jemand ohne Hilfe sterben würde, kann man beim Helfen nichts falsch machen. Das ist die Botschaft, die Frank Risy den Kindern aus der Grundschule an der Wassermühle in Barrien vermitteln will. © Michael Walter

Die Grundschüler in Barrien bekommen von Lehrrettungsassistent Frank Risy derzeit Ersthelfer-Fähigkeiten beigebracht: „Wenn ein Mensch sonst stirbt, kann man nichts falsch machen“ lautet sein Motto

Barrien – Florian verfolgt Frank Risy noch immer. Dabei ist das jetzt schon fast 25 Jahre her. Risy war damals noch Rettungssanitäter und wurde auf einen Sportplatz gerufen. Ein kleiner Junge war mit dem Kopf gegen den Torpfosten gerasselt und bewusstlos liegengeblieben. „Die Erwachsenen standen um ihn herum und haben zugesehen. Aber keiner hat was getan.“

Die Geschichte hat ihn geprägt und nie losgelassen. Jahrzehntelang hat der heute 57-Jährige hauptberuflich Retter ausgebildet. Mittlerweile ist er Freiberufler und arbeitet gleichsam mit Medizinern, Laien und Kindern. An der Grundschule in Barrien ist er in diesen Tagen mehrmals zu Gast. Sein Ziel: Kindern zu zeigen, wie einfach es sein kann, ein Menschenleben zu retten. Die Geschichte von Florian dient ihm dabei als Einstieg.

Kann man da wirklich etwas falsch machen, wenn man hilft?

„Erwachsene sagen dann ganz oft: Sie haben nicht geholfen, weil sie Angst hatten, einen Fehler zu machen“, erzählt Risy der vierten Klasse, die gerade vor ihm sitzt. „Wir haben Florian wiederbeleben können. Aber er kann nicht mehr sprechen und sitzt für immer im Rollstuhl. Wenn ein Mensch nur drei Minuten keine Luft mehr kriegt, nimmt das Gehirn bleibende Schäden. Und noch ein paar Minuten später ist der Mensch tot. Kann man da wirklich etwas falsch machen, wenn man hilft?“

Wie einfach das geht, zeigt Risy den Kindern an mehreren Beispielen, die jeder Erwachsene auch schon mindestens einmal im Leben gesehen und gelernt hat. Ansprechen und feststellen: Ist der Verletzte wach? Wenn nicht: Griff unters Kinn und den Kopf überdehnen, damit er atmen kann. Und auf die Seite legen, damit er nicht unbemerkt an seinem Erbrochenen erstickt. „Wenn ein Mensch bewusstlos ist, ist alles schlaff. Dann würgt der auch nicht, das geht alles nach innen und er erstickt.“ Einen Notruf absetzen: 112 wählen und erst auflegen, wenn die Notrufzentrale es sagt. Alles Wichtige fragen die Profis einen dann schon.

Sogar die Herzdruckmassage übt Risy mit den Kindern an Dummys. Er erklärt, wie sie die richtige Stelle dafür finden und wie sie mit den Handballen drücken müssen.

Wie der Bewusstlose auf die Seite kommt, ist ganz egal. Hauptsache, er kommt!

Frank Risy, Lehrrettungsassistent

All das ist normalerweise Inhalt ganztägiger Ersthelfer-Workshops. Risy vereinfacht die Übungen auf das Wesentliche. „Wenn ein Mensch ohne fremde Hilfe sterben würde, kann man gar nichts falsch machen“, sagt er auch den Kindern immer wieder. Sehr genau beobachtet er, wie sie sich bei der praktischen Übung anstellen. Und er stellt fest: „Selbst ohne detaillierte Erklärung machen fast alle intuitiv alles richtig.“ Und so kriegen alle Kinder am Ende auch eine kleine Urkunde mit ihrem Namen darauf ausgehändigt.

„Ich würde die Kinder auch nie korrigieren“, sagt Risy. „Ich will, dass ihr erster Eindruck zum Thema Leben retten positiv ist.“ Denn das ist er meistens nicht, ist Risy überzeugt. „Das erste Mal kommen Menschen gewöhnlich im postpubertären Alter von durchschnittlich sechzehneinhalb Jahren damit in Kontakt: Acht Stunden Lehrgang zum Führerschein. Da gehen sie nicht freiwillig hin, und fast immer sind sie gelangweilt, weil diese Lehrgänge oft überfrachtet sind.“

Egal, welches Bein angewinkelt werden muss

Risy greift das Beispiel mit dem Auf-die-Seite-legen von vorhin nochmal auf. „Erwachsene denken dabei an die stabile Seitenlage aus ihrem Führerscheinlehrgang. Und fast immer sagen sie mir dann: Ich hab es nicht gemacht, weil ich mich nicht mehr erinnern konnte, welches Bein ich anwinkeln muss. Als ob das eine Rolle spielt, wenn die Alternative ist, dass der Mensch stirbt. Wie der Bewusstlose auf die Seite kommt, ist ganz egal. Hauptsache, er kommt!“

Schulleiter Björn Scheer ist begeistert. „Ich habe Frank Risy noch an meiner alten Wirkungsstätte als Klassenlehrer selbst erlebt und war schwer beeindruckt. Seine ganze Art hat mich sehr angesprochen.“ Vier vierte Klassen haben das Training mit Frank Risy an der Barrier Grundschule schon absolviert. Ebenso – in etwas anderer Form – das Kollegium. Und nächste Woche kommt er nochmal wieder, um dann mit den zweiten und dritten Klassen weiterzumachen.

„Bei der Geschichte mit Florian habe ich die Kinder vorhin übrigens angelogen“, gesteht Risy. „Wir konnten ihn damals nicht wiederbeleben. Der Junge ist an seiner eigenen Zunge erstickt. Ein einziger Handgriff hätte ihn retten können.“

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