Serie Friedhofsleben

Friedhöfe in Syke und Sulingen erinnern an jüdisches Leben

Gästeführung mit Brigitte Sundt auf dem Syker Friedhof.
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Gästeführung: Brigitte Sundt mit Besuchergruppe auf dem Syker Friedhof.

In Syke, Sulingen und anderen Orten im Landkreis hat es über zweihundert Jahre lang eine jüdische Bevölkerung gegeben. Daran erinnern heute vor allem Friedhöfe.

Landkreis Diepholz – Ein Freitag Anfang November: Mit einem kurzen Vortrag bereitet Brigitte Sundt die Teilnehmer einer Gästeführung auf den Besuch des jüdischen Friedhofs an der Hohen Straße in Syke vor. Im Hebräischen, so die Gästeführerin, heiße Friedhof auch „Haus des Lebens“. Dabei gelte: „Der Mensch wird ohne Besitz geboren und er stirbt ohne Besitz.“ Deshalb der Verzicht auf Blumenschmuck.

Die Friedhofsführung ist Teil der Ausstellung „Auf ins Kaff“, die das Syker Vorwerk bis zum 26. Dezember zeigt. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst beteiligt sich damit an bundesweiten Feierlichkeiten zu einem Jahrestag: 1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Der Titel der Syker Ausstellung steht dafür, dass das Judentum seine Spuren hinterlassen hat, auch in der Sprache. Das Wort „Kaff“ mag heute abwertend klingen, sein Ursprung liege aber im Hebräischen und bedeute Dorf.

Die überlieferte jüdische Geschichte im Landkreis ist jünger, sie beginnt gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in Syke etwas später. Gästeführerin Sundt berichtet von königlichen Schutzbriefen aus dem Jahr 1770 für zwei jüdische Familien. Diese Schutzbriefe mussten gegen hohe Geldsummen erworben und regelmäßig erneuert werden; sie waren die Voraussetzung dafür, sich niederzulassen und (bestimmte) Berufe ausüben zu dürfen.

Sundt erzählt auch davon, wie die Juden unter französischer Herrschaft kurze Zeit gleichberechtigt waren. Und dass schließlich der Norddeutsche Bund in den 1860er Jahren das Judentum den christlichen Konfessionen gleichstellte. In der Folge glichen sich viele Juden der Gesellschaft um sie herum an, sie assimilierten sich. „Man arrangierte sich und lebte recht gut oder gut miteinander“, fasst Sundt zusammen.

Der älteste der 35 in Syke erhaltenen Grabsteine stammt aus dem Jahr 1836. Angelegt hatte die Gemeinde den Friedhof Anfang des 19. Jahrhunderts. Vorher hatte sie ihre Toten in Hoyerhagen bestattet. „Zu der Zeit eine Weltreise“, sagt Sundt, auch angesichts der jüdischen Tradition, nach der Verstorbene am selben Tag beerdigt werden sollten. Zur Tradition gehört eine ewige Totenruhe: Gräber sollen nicht neu belegt werden. Unter anderem deshalb kauften die Gemeinden Flächen, die außerhalb der Siedlungen lagen, um dort Friedhöfe anzulegen.

Hebräische Inschriften: typisch für die älteren Grabsteine.

Die älteren Grabsteine tragen ausschließlich hebräische Inschriften. Vereinzelt finden sich Symbole wie die zum Priester-Segen gespreizten Hände oder die Leviten-Kanne, die jeweils auf die Abkunft des Verstorbenen hinweisen. Im Zuge der Gleichberechtigung bekamen die Grabsteine nach und nach deutsche Inschriften: zunächst auf der Rückseite, dann auch auf der Vorderseite. Die Inschriften zeigen, dass in Syke auch Einwohner aus Brinkum, Leeste und Kirchweyhe begraben liegen.

Eine ähnliche Geschichte wie Brigitte Sundt in Syke erzählt ein Buch, das die beiden Lehrer Eva und Hilmar Kurth vor über 35 Jahren niedergeschrieben haben: „Die Geschichte der Sulinger Juden von 1753 bis 1938“. Im ganzen Landkreis haben jüdische Gemeinden bis in die Nazi-Zeit Friedhöfe unterhalten: in Bassum und Twistringen, Barnstorf, Diepholz, Lemförde, Quernheim, Wagenfeld und Barenburg.

Das Schild am jüdischen Friedhof in Sulingen ist nicht nur optisch in die Jahre gekommen.

Hilmar Kurth ist inzwischen verstorben. Eva Kurth, wird im kommenden Jahr 90, sie gibt nach wie vor gerne Auskunft. Über das verwitterte Schild am Sulinger Friedhof sagt sie: „Mich stört das Schild ,Judenfriedhof‘, das heißt ,jüdischer Friedhof‘.“

Die letzte jüdische Beerdigung erlebte der Syker Friedhof 1939. In Syke, Bassum oder Sulingen liegen auf den Friedhöfen seit dem Zweiten Weltkrieg auch Kriegsgefangene begraben, die als Zwangsarbeiter umgekommen sind.

1933 haben laut Sundt noch 26 Personen jüdischen Glaubens im Amt Syke gelebt. Nur wenige konnten sich vor den Ghettos und Konzentrationslagern retten.

Die Novemberpogrome von 1938 markieren den Übergang von der Ausgrenzung zum systematischen Morden. Die Bethäuser, die sich die Gemeinden eingerichtet hatten, blieben davon nicht verschont. Die Synagoge in Twistringen brannte 1938 nieder. Die in Syke musste verkauft werden und wurde später abgerissen.

Deshalb sind, trotz Zerstörungen, vor allem die Friedhöfe als stumme Zeugen jüdischen Lebens in der Region erhalten geblieben. In Sulingen deuten Lücken in den Reihen auf große Verluste hin. Allein in Diepholz-Stadt erinnert nur ein Mahnmal an den früheren Friedhof. Es besteht aus Grabstein-Bruchstücken, die Bauarbeiter in den 90er Jahren beim Straßenbau wiedergefunden haben.

Nach 1945 gab es im Landkreis keine jüdischen Gemeinden mehr. „Das war ein Tabu-Thema“, sagt Eva Kurth über die Nachkriegsjahrzehnte. Sie erinnert sich, dass ein Gärtner sich alleine um die verwaisten Friedhöfe kümmern musste. Einmal im Jahr sei er nach Sulingen gekommen. Ende der 70er begann Kurth mit ihren Realschulklassen, den Sulinger Friedhof zu pflegen.

Was die Schüler 1986 bei ihren Aufräumarbeiten fanden, ist im Buch der Kurths dokumentiert: Schnaps- und Bierflaschen, leere Joghurtbecher, Tablettenröhrchen, ein halbes verschimmeltes Graubrot oder andere Küchenabfälle. Der Platz werde nicht von allen Sulingern als Begräbnisstätte angesehen und entsprechend geachtet, schrieben Hilmar und Eva Kurth dazu.

Oftmals sind die Siedlungen an die früher außerhalb gelegenen Friedhöfe herangerückt. Neben dem Sulinger Friedhof steht eine Anlage für betreutes Wohnen. Eva Kurth erzählt: Dort sind auch Freunde von ihr eingezogen und sehen gelegentlich nach dem Rechten.

Auf dem Syker Friedhof wüteten in der Nacht zum 5. April 2002 unbekannte Täter, die Grabsteine lagen am Morgen umgestürzt und zerbrochen auf dem Boden. Darüber, dass bei dieser Zerstörungswut niemand etwas gehört haben will, wundert sich Brigitte Sundt bis heute: „Da muss jemand sehr fest geschlafen haben.“

Überblick zur Serie „Friedhofsleben“

Viele verdrängen das Thema am liebsten so lange es geht, aber irgendwann muss sich jeder damit beschäftigen. In einer crossmedialen Serie beleuchtet die Mediengruppe Kreiszeitung das Thema Sterben, Abschied nehmen und Bestattung. Von jüdischen Grabstellen und den Bestattungstrends der Zukunft. Hier geht‘s zum Überblick zur Serie „Friedhofsleben“.

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