Frank Reglin erhält Ehrenpreis von Amnesty International Syke

„Die Menschenrechte schon immer mit Leben erfüllt“

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Freut sich über den Menschenrechtspreis von ai: Frank Reglin (links). Den Preis überreichten die Amnesty-International-Mitglieder (v.r.) Axel Sonntag, Marlies Göhring, Anne Reß und Waltraud Gebhardt. 

Syke - Von Detlef Voges. Er ist 73, aber umtriebig wie ein Jungspund: Heute kümmert er sich für eine achtköpfige Roma-Flüchtlingsfamilie aus Serbien in Bremen um eine Geburtsurkunde. Jüngst hat er mit einem Liedermacher aus Arizona ein Musikprojekt realisiert. Demnächst übernachtet in seinem Haus ein Harfenspieler aus Wales. Frank Reglin hat sein Herz immer auch für fremde Menschen geöffnet und Brücken gebaut. Dafür überreichten ihm gestern Mitglieder von Amnesty International (ai) Syke den Menschenrechtspreis.

Der Menschenrechtspreis von ai-Syke ist ein Ehrenpreis für Frauen und Männer, die im Sinne der Menschenrechte besonders couragiert und engagiert gewirkt haben. Dahinter verbirgt sich neben einer Urkunde ein Wanderpreis – eine Metall-Skulptur von Reinhard Ehlers. Sie steht jetzt für etwa zwei Jahre in Reglins Vorgarten und zeigt eine durch Stacheldraht symbolhaft bedrohte Weltkugel.

Als Marlies Göhring von Amnesty International Reglin wegen des Preises erstmals kontaktierte, war der ziemlich überrascht. Eine typische Reaktion des Sykers, der stets nach dem Kästner-Motto „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ gehandelt hat: tatkräftig, aber bescheiden. „Er hat die Menschenrechte schon immer mit Leben erfüllt“, so Göhring.

Wer einen Blick in die Vita des 73-Jährigen wirft, darf sich zu Recht wundern über das Riesenpaket an selbstlosem Engagement eines Mannes, dessen Leben bis vor 30 Jahren noch von Epilepsie beeinträchtigt gewesen war. Darüber spricht er offen. „Musik war eine Therapie, sonst hätte ich mich eingegraben.“

Mitinitiator der legendären Syker Songtage

Musik war und ist nach wie vor ein wesentliches Standbein seines Daseins. Seit 57 Jahren ist der Syker international im Folk- und Weltmusikbereich tätig, davon 33 Jahre im Dachverband Profolk, jetzt als Kontaktmann für Europa. Seit 27 Jahren ist er beim Tanz- und Folkfest in Rudolstadt zuhause, längst auch Stammgast bei der Womex (Worldmusic Expo). 2010 organisierte er als musikalischer Leiter das Lopshof Band Festival in Dötlingen für behinderte und nicht behinderte Musiker. Reglin war 1970 Gründungsmitglied von Release und im gleichen Jahr Mitinitiator der legendären Syker Songtage.

Die Lust am Reisen führte den Kosmopoliten Ende der 70er-Jahre nach Indien, Nepal, China und in die USA.

Ruhig ist es bis heute nicht geblieben im Leben von Frank Reglin. Seit zwei Jahren betreut er auch Flüchtlingsfamilien, darunter Roma-Familien aus Serbien und dem Kosovo. „Ich habe immer ein kurdisches und ein Dari-Wörterbuch bei mir“, sagt der 73-Jährige, der leicht fremde Sprachen lernt.

Für eine Fahrt mit einer Flüchtlingsfamilie nach Bramsche hatte der Syker einen Wagen plus Fahrer organisiert. Der Fahrer war Katholik, Reglin Protestant und die Flüchtlinge Moslems. „Es geht doch alles“, sagt er lächelnd, wird aber ernst, wenn er an die Scharfmacher denkt, die die Menschen gegeneinander aufhetzen.

Über Leben und Alltag sprechen

Frank Reglin liebt diese Treffen mit Menschen aus aller Welt. „Auch wenn ich mit Musikern abends beim Wein sitze, sprechen wir ja über das Leben und den Alltag“, betont er und freut sich schon über den Besuch des walisischen Harfenisten bei sich in Syke. Dann ist vielleicht bei deutschem Wein der Brexit das Thema.

Aktuell in diesem Jahr haben Profolk-Projekte in den USA den Syker umgetrieben: „The House of Songs“ in Austin und Showcases bei der Folk Alliance Conference in Kansas City in Zusammenarbeit mit der Agentur „Worldstrings Promotion“ in Phönix. „Ich lerne dabei immer neue Dinge. Das macht Spaß“, sagt der Mann aus der 25 000-Einwohner-Kommune Syke, für den Musik Grenzen überwindet.

Dass er mit 73 Jahren selbst längst an eigene Grenzen stößt, merkt er. Mehr dürfe jetzt auch nicht kommen. „Aber so lange es geht, mache ich weiter“, sagt er. Für diese Welt, die Flüchtlinge und Musikfans ist das zu hoffen.

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