Syker Unternehmerpaar bleibt auf Spenden für Flutgebiete sitzen

„Flohmarktartikel nehmen wir nicht“

Wochenlang hatte Janine Wienecke und Thorsten Selle Spenden für die Flutgebiete in Bad Neuenahr/Ahrweiler gesammelt. Bürgermeisterin Suse Laue unterstützte die Aktion, indem die Stadt Lagerflächen in Wessels Hotel zur Verfügung stellte. Archivbild: Heinfried Husmann
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Wochenlang hatte Janine Wienecke und Thorsten Selle Spenden für die Flutgebiete in Bad Neuenahr/Ahrweiler gesammelt. Bürgermeisterin Suse Laue unterstützte die Aktion, indem die Stadt Lagerflächen in Wessels Hotel zur Verfügung stellte.

Syke – Ganz so schlecht kann es den Leuten in der Region Bad Neuenahr-Ahrweiler, die im Juli vom Hochwasser verwüstet worden war, anscheinend nicht mehr gehen: Janine Wienecke und Thorsten Selle sind nicht nur auf wahren Bergen von Hilfsgütern sitzengeblieben, die Bürger aus Syke und umzu gespendet hatten. Sie haben auch noch eine brüske Abfuhr bekommen, als sie mit einer ganzen Lkw-Ladung im Ahrtal eintrafen. Das Ende vom Lied: Der Großteil wandert jetzt in den Müll.

Thorsten Selle hatte zu den ersten Handwerkern und Unternehmern gehört, die im Juli aus eigener Initiative in die von der Flutwelle verwüsteten Orte gereist sind. Fast jedes Wochenende waren er und Janine Wienecke dort, um den Menschen beim Aufräumen und Wiederaufbauen zu helfen. Ehrenamtlich und auf eigene Kosten. Die Spendensammlung hatten sie kurzerhand noch zusätzlich organisiert. Nach dem Motto: Wenn wir sowieso da hinfahren, können wir auch Sachen mitnehmen, die die Leute dort dringend brauchen.

Seit Ende August sammelte das Syker Unternehmerpaar also Sachspenden für die Katastrophenregion. Und die Hilfsbereitschaft war riesig. Der ehemalige Frühstücksraum von Wessels Hotel, den sie als Lager nutzen konnten, war schon nach kurzer Zeit im wahrsten Sinne des Wortes voll bis unter die Decke.

„Jedes Wochenende, wenn wir da runtergefahren sind, haben wir auch immer schon Sachen mitgenommen“, erzählt Thorsten Selle. „Die sind uns auch immer sehr dankbar abgenommen worden.“ Die böse Überraschung kam, als sie per Lkw die erste größere Ladung brachten. „Flohmarktartikel nehmen wir nicht, haben sie da gesagt“, so Selle weiter.

Für die beiden Syker regelrecht ein Schlag ins Gesicht. Schließlich hatten sie – vor allem Janine Wienecke – in tagelanger mühevoller Plackerei schon im Vorfeld alle gammeligen, schadhaften oder einfach nur abgenutzt aussehenden Dinge aussortiert und damit mehrere Müllcontainer gefüllt (wir berichteten). Was übrig blieb, war zwar größtenteils gebraucht, aber in gutem, oft fast neuwertigem Zustand.

Buchstäblich voll bis unter die Decke war schon nach kurzer Zeit der ehemalige Frühstücksraum. Mit gespendeten Elektrogeräten, Möbeln, und praktisch allem, was man im Haushalt so braucht. Jedoch: Die Syker Spenden waren nicht willkommen. Auf dem weitaus größten Teil ist das Unternehmerpaar sitzengeblieben.

„Die haben dann angefangen, sich die noch originalverpackten Werkzeuge und Geräte rauszusuchen“, erzählt Selle. „Wir haben dann gesagt: Wenn ihr die haben wollt, müsst ihr den Rest auch nehmen. Da haben sie zähneknirschend abgeladen und die Sachen an den Straßenrand gestellt. Da stehen sie heute noch. Wenn du da heute was spenden willst: Die bestellen neu bei Amazon und du kannst es dann bezahlen – so läuft das da inzwischen“, sagt er.

Für ihn und seine Partnerin war die Geschichte damit aber noch nicht zuende. Denn noch immer türmten sich mehrere Lkw-Ladungen an Spenden im Frühstückssaal von Wessels Hotel. Beide suchten Rat und Hilfe bei der Stadtverwaltung. Das Resultat: Ein Teil geht an die Sozialkaufhäuser von DRK und Awo in Syke und Barrien, einen Teil hat die Stadt selbst übernommen, um Flüchtlingsunterkünfte damit auszustatten – und der Rest wandert in den Müll. Gut eine Woche haben Selle und Wienecke noch Zeit, um Klarschiff zu machen. Dann werden die Räume gebraucht: Die Stadt will in Wessels Hotel ein Impfzentrum einrichten (wir berichteten).

Der Frust sitzt tief bei Thorsten Selle. „Wir sind da monatelang jedes Wochenende kostenlos zum Helfen gekommen. Und dann sowas!“ Ein kleiner Trost bleibt: Über das freiwillige Engagement hinaus hat Selle laut eigener Aussage dort auch einen bezahlten Auftrag bekommen. Er fährt somit weiterhin ins Ahrtal. „Aber ab jetzt nur noch gegen Bezahlung.“

Von Michael Walter

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