Nato-Pläne machten vor 50 Jahren Gesseler Hobbyfliegern Strich durch die Rechnung

Feuerleit-Radar statt Segelflugplatz

Die weithin sichtbare Radar-Kuppel am Hohen Berg (oben) prägte das Landschaftsbild bis 1987.Rechts: An der Ristedter straße in Gessel hatte Herbert Kühnel einen Kaufmannsladen, den er 1978 aufgegeben hat. Repros: Heiner Büntemeyer

Gessel - Von Heiner Büntemeyer. Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass ein paar junge Leute in Gessel einen Luftsportverein gründeten. Vorsitzender war der Kaufmann Herbert Kühnel, der seinen Laden an der Ristedter Straße betrieb. Er hatte im Delmenhorster Luftsportverein Flugerfahrungen gesammelt.

Im Mai 1970 berichtete die Kreiszeitung über diese Gruppe, die sich an jedem ersten Mittwoch im Monat im Vereinslokal Kramer an der Wasserwerkstraße traf, um geplante Projekte zu besprechen und neue Mitglieder aufzunehmen. „Ein Flugzeug besitzt der junge Verein selbstverständlich noch nicht, doch steht es bereits fest, daß zur Finanzierung des Gerätes Spenden aus Mitglieder- und Freundeskreisen zu erwarten sind. Außerdem will man sich zu gegebener Zeit an den Sportausschuß des Kreistages wenden, um über Zuschüsse zu verhandeln. Positiver ist dagegen die Geländefrage zu sehen. Das Problem – so Vorsitzender Herbert Kühnel – scheint gelöst“, meldet die Kreiszeitung am 28. Mai 1970.

Es war nicht der erste Versuch, im Bereich des Hohen Bergs zu fliegen. Schon 1932 war das Gelände Schauplatz eines aufregenden Flugtags. Mitglieder der Segelflugsport-Vereinigung Bremen waren mit ihrem „Sturmvogel“ zum Hohen Berg gekommen. Sie hatten von den Landwirten die Erlaubbnis erhalten, dort Flugübungen zu machen.

Am ersten Tag verliefen die Flugübungen ohne besondere Vorkommnisse und wurden am Sonntag fortgesetzt. Darüber berichtete die „Syker Zeitung“ am 17. August 1932: „Der längste Flug dauerte 43 Sekunden. Das ist für den Anfang schon eine bemerkenswerte Zeit. Um sich die Arbeit beim Start zu erleichtern, kam man auf den Gedanken, ein Pferd vor das Flugzeug zu spannen. Der Landwirt Schröder stellte eins zur Verfügung, ein dreijähriges. Zuerst ging auch alles gut, doch soll man mit jungen Pferden vorsichtig sein, denn plötzlich ging das Pferd durch.

Beim Aufprall des Flugzeuges auf dem Boden brach der eiserne Dorn ab und das Schwanzsteuer wurde beschädigt. Es war alles noch verhältnismäßig glimpflich abgegangen (...). Leider war nun kein Fliegen mehr möglich. Der Schaden ist leicht zu beseitigen, und bereits am nächsten Sonntag sollen die Flugübungen fortgesetzt werden. Das hiesige Gelände ist für das Segelfliegen gut geeignet. Da der Hohe Berg nach drei Seiten flach abfällt, kann nach drei Himmelrichtungen, je nachdem, wie der Wind gerade kommt, gestartet werden. Wie man hört, haben auch die Syker Segelflieger die Absicht, demnächst hier einen Startversuch zu machen. Glück ab!“

Weitere Informationen über das Segelfliegen am Hohen Berg liegen nicht vor. Aber für die 1970 gebildete Segelfliegergruppe waren die Flugversuche schon beendet, bevor sie begonnen hatten: Die Nato beanspruchte das Gelände für ihren Luftverteidigungsgürtel. Die Kreiszeitung berichtete darüber am 26. Juni 1970: „Für die junge Segelfliegergruppe in Leerßen ist der Traum von einem eigenen Flugplatz vorerst ausgeträumt. Das in Aussicht genommene Gelände in Sörhausen wird von der Nato für militärische Zwecke benötigt. Die Leerßer Segelfliegergruppe war erst im April dieses Jahres gegründet worden und hat jetzt zehn sehr aktive Mitglieder. Nachdem Verhandlungen mit einem Landbesitzer wegen Pachtung eines für Segelflugzwecke geeigneten Platzes aufgenommen waren, stellte sich jetzt kurz vor der geplanten Vertragsunterzeichnung heraus, daß inzwischen auch Nato-Dienststellen Interesse für dieses Gelände zeigen. Und da militärische Erfordernisse Vorrang haben, werden die Leerßer Segelflieger zurückstecken oder ein anderes Gelände suchen müssen.

Was die Nato im Leerßer Raum bauen will, darüber bewahrten die amtlichen Stellen und auch der Landkreis Stillschweigen. Einziger Kommentar: "Geheim". Aber so geheim ist die Angelegenheit auch wieder nicht. Sowohl der ostzonale "Soldatensender 904" als auch das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" wußten es bereits vor einiger Zeit: "Im Raum Syke-Leerßen", so hieß es sowohl im Sender als auch im "Neuen Deutschland", „will die Nato eine neue Raketenabwehrstellung bauen"“. Tatsächlich entstand auf dem Hohen Berg der Feuerleitstand für die Raketenbatterien in Sörhausen. Die weithin sichtbare Radar-Kuppel prägte bis 1987 den Hohen Berg.

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